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Wie gut ist Deutschland auf die Folgen des Klimawandels vorbereitet?

(Bild: Shutterstock/bear_productions)

Wissenschaftlern zufolge könnten starke Regenfälle mit verheerenden Folgen, wie in Westdeutschland, in Zukunft häufiger werden. Ist das Land dagegen gewappnet?

Es ist ein Alptraum, der Tausende Menschen innerhalb weniger Stunden aus ihrem Alltag gerissen hat. Die Starkregen-Ereignisse in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sind ungewöhnlich heftig, die Zahl der Toten hat längst die der Jahrhundertflut aus dem Jahr 2002 überschritten. Wissenschaftler sind überzeugt: Die Extremwetterphänomene hängen auch mit dem Klimawandel zusammen. "Bei einer Erwärmung von zwei Grad Celsius oder gar mehr müssen wir mit noch viel heftigeren Extremwetterereignissen rechnen", sagt der Chef des Umweltbundesamts (UBA), Dirk Messner. Schon jetzt hat sich die Erde um rund 1,2 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit erhitzt.

Nach den Daten des UBA würde ein ungebremster Klimawandel erhebliche Schäden für Natur, Infrastruktur und das Wirtschaftssystem in Deutschland mit sich bringen. Und auch die Starkregen-Ereignisse in Westdeutschland haben laut Messner klar gezeigt: Ohne ambitionierten Klimaschutz wird sich die Lage verschlimmern [1]. Ohne Anpassung an die neuen Herausforderungen allerdings auch.

Denn: Wenn Länder und Kommunen keine Maßnahmen treffen, um gegen sintflutartige Regenergüsse oder Hitzewellen wie jüngst in Kanada gewappnet zu sein, sind viele Menschenleben gefährdet.

Der Vorsitzende des Vereins Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit, Martin Herrmann, geht davon aus, dass auch die Gesundheitsversorgung derzeit nicht optimal auf Extremwetter eingestellt ist. "Die meisten Krankenhäuser haben zwar vorbereitete Pläne, wie sie mit dem Massenanfall von Verletzten oder Erkrankten umgehen. Aber ob sie bei extremen Wetterereignissen strukturell und personell die eigene Leistungsfähigkeit aufrechterhalten können, ist völlig unklar", sagt Herrmann. Er kritisiert, dass es flächendeckend auch keine Hitzeschutzpläne für Kliniken oder Praxen gebe.

Auch die Menschen selbst wüssten oftmals nicht, wie sie sich in der unerwarteten Not zu verhalten hätten, sagt Professor Boris Lehmann, der an der Technischen Universität Darmstadt zu Wasserbau und Hydraulik lehrt. "Menschen unterschätzen die Kraft und Geschwindigkeit des Wassers nur allzu oft." In Gefahrensituationen tendiere die Bevölkerung dazu, an Habseligkeiten, etwa an Autos oder Gegenständen im Keller, festzuhalten, statt sich sofort in Sicherheit zu bringen. Mehr Aufklärung, bereits in der Grundschule, wäre aus seiner Sicht dringend geboten.

Auch wenn es der Bürger allein nicht wird richten können. Bund und Länder müssten gemeinsam neue Wege zur Anpassung an den Klimawandel finden, meint Bundesumweltministerin Svenja Schulze. Zu diesem Zweck schlägt die SPD-Politikerin sogar überraschend vor, das Grundgesetz zu ändern. Nur so könnte der Bund dauerhaft Mittel für die Klima-Vorsorge bereitstellen. Bislang sind ihm die Hände gebunden.

"Wir müssen jetzt diese nationale Katastrophe national beantworten", lautet Schulzes Appell. Erst Anfang Juli war das erste bundesweite Beratungszentrum zur Klimaanpassung in Kommunen an den Start gegangen. Es hilft und berät etwa in Pflege- oder Obdachlosenheimen, damit Bewohner bei Höchsttemperaturen im Schatten sitzen können. Unter anderem – denn: Der Anpassungsbedarf ist enorm.

Auch beim Katastrophenschutz könnte der Ruf nach neuen Strukturen lauter werden. In Friedenszeiten sind auch hier nämlich die Länder allein zuständig. Während Helfer Menschen von Balkonen retten, will die Bundesregierung erst einmal nicht darüber sprechen, wie gut oder schlecht Deutschland beim Katastrophenschutz aufgestellt ist.

Die stellvertretende Regierungssprecherin Martina Fietz sagt lediglich, dass die "bewährten Strukturen der Katastrophenhilfe in Kommunen und Ländern auch weiter erfolgreich greifen" würden. Kräfte der Bundeswehr, des Technischen Hilfswerks und der Bundespolizei seien im Einsatz. "Wenn erforderlich, werden sie weiter verstärkt werden."

Aber sind die Abläufe, bei denen jede Sekunde zählt, wirklich noch zeitgemäß? Auch die Bundeswehr, die zur Stunde mit schwerem Gerät in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz blockierte Straßen frei macht und Menschen per Hubschrauber birgt, darf formal erst dann agieren, wenn Länder und Kommunen um "Amtshilfe" bitten. Ein Relikt aus der Nachkriegszeit.

Umweltverbände fordern jenseits der Frage nach einer Neuverteilung von Kompetenzen Sofortmaßnahmen, um die Klimaanpassung in Deutschland voranzubringen. Der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Olaf Bandt, regt an, "den bisher vernachlässigten Hochwasserschutz in den Mittelpunkt der Politik zu stellen". So müssten etwa neben größeren Flüssen auch kleinere Fließgewässer künftig eine wichtige Rolle spielen, sagt Bandt.

Ob auf diese Weise schwere Unglücke abzuwenden sind, ist unklar. Statistisch gesicherte Aussagen über die Starkniederschläge der Zukunft lassen sich laut Umweltbundesamt (UBA) bislang nicht treffen. Klar ist nur: Der Klimawandel [2] ist längst in Deutschland angekommen – und wird nicht wie ein vorübergehendes Wettertief einfach wieder abziehen.

Die Bilder von den Verwüstungen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen rufen in Sachsen Erinnerungen an die Hochwasserkatastrophen 2002 und 2013 wach. Seither hat das Land viel für Prävention getan und will künftig stärker als bisher auf den natürlichen Hochwasserschutz bauen.

"Wir brauchen einen Gleichklang zwischen technischen Maßnahmen wie Deichen oder Rückhaltebecken und solchen, mit denen Flüsse mehr Raum bekommen. Beides ist wichtig, beides setzt der Freistaat um", sagte Umweltminister Wolfram Günther (Grüne) der Deutschen Presse-Agentur in Dresden. Der technische Hochwasserschutz sei einerseits ein großer Teil der Lösung, er könne aber mit Eindeichungen und Flussbegradigungen Probleme auch vergrößern. Deshalb betreibe Sachsen nun natürlichen Hochwasserschutz mit größerer Vehemenz. Das umzusetzen, sei eine langfristige Aufgabe.

Angesichts der dramatischen Bilder nach den Unwettern in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen fühlte sich Günther an die Jahre 2002 und 2013 in Sachsen erinnert, als der Freistaat von Sturzfluten und Jahrhunderthochwassern heimgesucht wurde [3]. "Da wird einem die ganze menschliche Tragik bewusst. Es sind so viele Menschen betroffen, das macht mich tief betroffen", sagte Günther. Es sei klar, dass es einen absoluten Schutz vor Naturkatastrophen nie geben kann: "Es kann nur darum gehen, das Risiko so weit wie möglich zu minimieren."

Sachsen hat nach Einschätzung von Günther Lehren aus den beiden Jahrhunderthochwassern gezogen. Im Freistaat habe man 3,6 Milliarden Euro für Hochwasserschutz, Risikomanagement und Risikovorsorge ausgegeben. "Bei dem zweiten verheerenden Elbe-Hochwasser 2013 hat man mit den bis dahin erfolgten Schutzmaßnahmen etwa 450 Millionen Euro Schäden verhindern können", erklärte Günther. Nicht immer gehe es dabei um millionenschwere Investitionen. "So, wie Hochwasserwellen aus unzähligen kleinen Zuflüssen entstehen, geht es beim Hochwasserschutz um die Summe vieler Maßnahmen."

"Hochwasserschutz ist eine Generationenaufgabe. Wir brauchen eine konsequente Klimaschutzpolitik, damit die Folgen des Klimawandels noch beherrschbar sind und es zu keiner weiteren Verschärfung kommt", betonte der Minister. Man dürfe sich nicht länger nur mit den Folgen von Extremwetter beschäftigen, sondern müsse die Ursachen in den Fokus nehmen. "Der Klimawandel erhöht den Druck. Maßnahmen, die vor 50 Jahren vielleicht noch ausreichend waren, stellen sich heute als unzureichend heraus. Darauf müssen wir reagieren. Das Wissen ist seit langem da, wir müssen es nur umsetzen."

Günther zufolge geht es dabei nicht nur um den Hochwasserschutz. "Wir hatten drei Jahre in Folge große Trockenheit. Wir steuern in ein neues Klimasystem mit Extremwetterlagen, die auch lange anhalten können. In den Trockenjahren brauchen wir jeden Wassertropfen, da ist es um jeden verloren gegangenen Tropfen schade." Deshalb sei es unter dem Stichwort "Schwammverhalten" notwendig, künftig auch die Speicherfähigkeit für Wasser zu erhöhen – beispielsweise durch Moore oder einen Waldumbau, der das Wasser besser im Boden halten kann. Ein richtiges Wassermanagement müsse Hochwasser und Trockenheit gleichermaßen im Auge behalten.

Günther geht davon aus, dass die dramatischen Bilder aus NRW und Rheinland-Pfalz dazu beitragen, das Bewusstsein der Menschen für die Gefahren des Klimawandels zu schärfen: "Man weiß aber auch, dass Dinge in Vergessenheit geraten, je länger die Ereignisse zurückliegen." Auch der Staat sei in der Pflicht, dieses Bewusstsein wachzuhalten.

(bme [4])


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[1] https://www.heise.de/news/Wissenschaftler-Klimawandel-traegt-zum-Starkregen-bei-6140856.html
[2] https://www.heise.de/thema/Klimawandel
[3] https://www.heise.de/meldung/Elbe-Flut-bedrohte-Kommunikationstechnik-Sachsen-Anhalts-1936662.html
[4] mailto:bme@heise.de