Windows 11 hat einen neuen Store und keine Kacheln mehr

Windows bekommt einen weicheren Look und verschiebt das Startmenü in die Mitte. Auch unter der Haube hat sich einiges getan und es gibt künftig Android-Apps.

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(Bild: Wachiwit/Shutterstock.com)

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  • Jan Schüßler
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Vor ein paar Wochen hielten wir es noch für eine einigermaßen kreative Spekulation, dass Microsoft ein Windows 11 veröffentlichen könnte. Microsoft hatte stets beteuert, dass Windows 10 das letzte Windows sein werde, das durch Funktions-Updates dauerhaft aktuell bleibt. Subtile Details wie die Ankündigung eines Events für 11 Uhr Ortszeit und ein genau 11 Minuten langes Windows-Teaser-Video gaben erste Hinweise. Eindeutiger wurde es, als Mitte Juni eine offenbar unautorisierte Kopie einer Windows-Betaversion ins Netz gesickert ist, die sich völlig offen als Windows 11 zu erkennen gibt, und die wir uns genau angeschaut haben.

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Am 24. Juni hat Microsoft in einem Live-Event präsentiert, was da kommen soll. Und die Neuerungen sind durchaus so reichlich, dass sie einen neuen Namen rechtfertigen. Augenfällig ist an Windows 11 die Neugestaltung von Taskleiste und Startmenü. Die Taskleiste sammelt die Icons mittig statt linksbündig, und auch das Startmenü schwebt in der Mitte über der Taskleiste – beides lässt sich wahlweise auf die vertraute linksbündige Darstellung umschalten. Vor allem die Taskleiste erinnert unweigerlich an Chrome OS und macOS. Das Startmenü zeigt angepinnte Programme, die Kacheln sind Geschichte. Auch die recht harten Ecken und Kanten des Oberflächendesigns sind an vielen Stellen einer etwas weicheren Optik mit vielen abgerundeten Ecken gewichen.

Microsofts Konferenzlösung Teams hat eine eigene Integration in die Windows-Oberfläche bekommen. Mit "Snap Groups" lassen sich mehrere Fenster zusammen als Gruppe minimieren und wieder hervorholen. Die Fensteranordnung per Snap Assist wird flexibler; Fenster lassen sich per Mouseover in Bildschirmhälften, -dritteln oder -vierteln einrasten. Das erinnert ein wenig an die "FancyZones" aus Microsofts Tool-Paket PowerToys, nur direkt ins System integriert.

Mit einer neuen Oberfläche und gelockerten Entwicklerrichtlinien will Microsoft den Store endlich zu einer ernstzunehmenden Softwarequelle machen.

(Bild: Microsoft)

Microsoft hat das Verhalten beim Abdocken von Monitoren bei Laptops verbessert. Wird ein Monitor im laufenden Betrieb abgeklemmt, minimiert Windows die darauf befindlichen Fenster, statt sie alle auf den kleinen Laptopbildschirm zu werfen und öffnet sie beim erneuten Anschließen des Bildschirms wieder. Der Browser Edge bekommt "Vertical Tabs": Die Tabs werden auf Wunsch links im Browserfenster als Liste angezeigt.

Ein altes Konzept in neuer Verpackung sind die "Widgets". Sie erinnern entfernt an die Desktop-Widgets von Windows Vista und 7. Tatsächlich handelt es sich um einen Wetter-und-News-Feed, wie es ihn seit ein paar Monaten in Windows 10 gibt – offenbar ist er in Windows 11 etwas besser konfigurierbar, so lassen sich News-Widgets umsortieren. Für Geräte mit Touchscreens hat Microsoft "Haptics" entwickelt, eine Art Vibrations-Feedback, wie es bei Smartphones gang und gäbe ist. An Gaming-Features hebt Microsoft die Integration von AutoHDR hervor sowie die Speicherzugriffstechnik DirectStorage, mit der DX12-Grafikkarten Inhalte an der CPU vorbei direkt von NVMe-SSDs laden können.

Windows 11 kann Fenster auch in Bildschirmdritteln einrasten – die PowerToys lassen grüßen.

Entwickler können künftig Apps in beliebigen Formaten in den Store bringen; Microsoft nennt Win32, .NET, UWP, Xamarin, Electron, React Native, Java und Progressive Web Apps. Außerdem dürfen Entwickler ihre Anwendungen auch über eigene Bezahlplattformen vermarkten. In diesem Fall zweigt Microsoft sich keine Verkaufsgebühr ab.

Auch hat Microsoft wieder einmal mit Amazon zusammengearbeitet. Android-Apps aus Amazons App Store sollen sich über den neuen Store installieren lassen, um sie auf Windows auszuführen – ein Angriffsversuch auf Chrome OS, das es erlaubt, Play-Store-Apps auf Chromebooks zu installieren. Für den Zweck hat Microsoft ein "Windows Subsystem für Android" gebaut. Die Store-App wurde komplett neu gestaltet und erschien zumindest in der Präsentation von Microsoft nicht mehr ganz so knallbunt, wie es in Windows 10 der Fall ist.

Das Auffälligste an Windows 11 sind Startmenü und Taskleiste. Erstmals seit Windows 7 gibt es wieder ein Windows ohne App-Kacheln.

Apropos Windows 10: Der neue Store soll auch auf diesem System verfügbar sein. Außerdem soll Windows 10 gegen Jahresende zumindest noch ein Update auf Version 21H2 bekommen – auf mehr möchte Microsoft sich bislang nicht festlegen. Welche Windows-10-Version auch immer die letzte sein wird: Als gesetzt gilt, dass sie noch bis 2025 mit Updates versorgt wird.

Windows 11 wird laut Microsoft zur Weihnachtszeit fertig. Bei Microsofts Vorliebe für die Spielerei mit der Zahl 11 – wer weiß, vielleicht ist es am 11. November so weit. Eine Vorabversion zum Testen sollte hingegen inzwischen verfügbar sein, denn zu Redaktionsschluss hatte Microsoft sie für die Kalenderwoche 26 (ab 28. Juni) in Aussicht gestellt. Wie üblich können Teilnehmer des kostenlosen Betatestprogramms "Windows Insider" sie über den "Dev"-Kanal installieren. Sobald Windows 11 veröffentlicht ist, soll es zudem Gratis-Upgrades von Windows 10 auf die neue Ausgabe geben – Details dazu sind allerdings noch nicht bekannt.

Microsoft hat Windows optisch und funktional sinnvoll geändert und verbessert. Einen Store zu etablieren, ist Microsoft bislang nicht gelungen. In Windows ist zwar seit rund neun Jahren einer enthalten, doch von der Relevanz eines Apple App Store oder Google Play Store ist er weit entfernt. Ob Windows 11 einfach nur ein neues Windows ist oder tatsächlich eine kleine Revolution, wird nicht zuletzt davon abhängen, wie das Konzept des neuen Stores bei Entwicklern ankommt – und von der Kundschaft akzeptiert wird.

Mit dem "Windows Subsystem für Android" sollen auch Android-Apps auf Windows 11 laufen.

(Bild: Microsoft)

Viele Fragen sind noch offen: Wird ein Microsoft-Account für die Home-Edition künftig Pflicht? Auf welchen Systemen, auf denen Windows 10 noch läuft, wird sich die neue Version nicht mehr installieren lassen? Und wie steht es um den Dauerbrenner Datenschutz? In kommenden Ausgaben werden wir dem neuen System auf den Zahn fühlen.

c’t Ausgabe 15/2021

In Ausgabe 15/2021 haben wir Chromebooks getestet und deren Betriebssystem Chrome OS auf den Zahn gefühlt, das längst mehr als nur ein Browser ist. Außerdem zeigen wir, wie Sie Ihr Homeoffice kostengünstig und umfassend aufrüsten können – vom PC über die Peripheriegeräte bis zum Netzwerk. Zum Homeoffice passende Mobilfunktarife, die 15 GByte oder mehr bieten, hat c’t-Reakteur Urs Mansmann getestet. Außerdem erklären wir das Kryptografie-Lerntool CrypTool 2, haben Premium-Notebooks getestet und uns ESPHome angesehen, eine Low-Code-Lösung für Smart-Home-Projekte. Ausgabe 15/2021 finden Sie ab dem 2. Juli im Heise-Shop und am gut sortierten Zeitschriftenkiosk.

(jss)