Wirecard: Ex-Chef verweigert Aussage vor Untersuchungsausschuss

Markus Braun, CEO des insolventen Zahlungsdienstleisters, gab sich bei seinem ersten Auftritt vor den Abgeordneten des Bundestages einsilbig.

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(Bild: Wirecard)

Von
  • Volker Briegleb

Bei seiner ersten Befragung im Untersuchungsausschuss des Bundestags hat Ex-Wirecard-Chef Markus Braun die Aussage weitgehend verweigert, Politik und Aufsichtsbehörden aber in Schutz genommen. Er habe "zu keiner Zeit Feststellungen getroffen oder Hinweise erhalten, dass sich Behörden, Aufsichtsstellen oder Politiker nicht korrekt, pflichtwidrig oder in irgendeiner Form unlauter verhalten hätten", erklärte der 51-Jährige am Donnerstag in seiner kurzen Aussage. Das gelte auch für Aufsichtsrat und Wirtschaftsprüfer, die offenbar massiv getäuscht worden seien.

Fragen beantwortete Braun nicht. Er wolle sich zunächst vor der Staatsanwaltschaft äußern, begründete Braun, der seit dem Sommer in Untersuchungshaft sitzt, sein Schweigen. Die Abgeordneten kritisierten Brauns Verhalten scharf. Der Unions-Abgeordnete Matthias Hauer und der Grünen-Abgeordnete Danyal Bayaz warfen Braun vor, sich gegenüber Parlament und Öffentlichkeit respektlos verhalten zu haben. "Er trickst, er verfolgt rücksichtslos den eigenen Vorteil", betonte der FDP-Abgeordnete Florian Toncar. Braun werde sicher noch einmal vorgeladen, kündigte der Ausschussvorsitzende Kay Gottschalk von der AfD an.

In seiner vorbereiteten Aussage sprach Braun von "veruntreuten Unternehmensgeldern", machte aber keine genaueren Angaben etwa zu Geschädigten und Profiteuren. Er kündigte an, er wolle sich "zeitnah" gegenüber der Staatsanwaltschaft äußern. "Am Ende werden unabhängige Richter entscheiden, wer die rechtliche Verantwortung für den Zusammenbruch des Unternehmens der Wirecard AG trägt", sagte er.

Der Ex-Firmenchef gilt als einer der Hauptverantwortlichen für den Betrugsskandal, bei dem Wirecard über Jahre Scheingeschäfte in Milliardenhöhe verbucht haben soll. Der Ausschuss will aufdecken, ob die Aufsichtsbehörden das deutsche Fintech-Unternehmen als aufstrebenden Börsenstar trotz Hinweisen auf Unregelmäßigkeiten mit Samthandschuhen angefasst haben.

Stattdessen nahm das Bafin die Journalisten ins Visier, die den Skandal aufgedeckt haben. Doch obwohl die Reporter der Financial Times bereits 2018 und 2019 über mögliche Betrügereien berichtet hatten, flog der Schwindel erst im Sommer 2020 endgültig auf: Insolvenz. Braun trat zurück und wurde verhaftet; Vorstandskollege Jan Marsalek hat sich ins Ausland abgesetzt.

Auch die frühere Wirecard Aufsichtsrätin Tina Kleingarn ließ Braun in keinem guten Licht erscheinen. Sie habe sich zwar nicht vorstellen können, "dass die Vorstände der Wirecard AG in betrügerische Verhaltensweisen involviert sein könnten", sagte sie vor dem Ausschuss. Sie sei jedoch mit der Corporate Governance bei Wirecard nicht einverstanden gewesen. Corporate Governance bezeichnet Regeln und Verfahren, nach denen ein Unternehmen geführt wird.

Die 46-Jährige war bis September 2017 eineinhalb Jahre lang Mitglied im Wirecard-Aufsichtsrat und trat dann zurück. Sie berichtete, das Unternehmen sei "hemdsärmelig geführt" worden, eher wie ein Start-up als ein börsennotiertes Unternehmen. Sie sei von ihrem Aufsichtsratsposten zurückgetreten, weil sie andere Vorstellungen von adäquater Corporate Governance gehabt habe.

In ihrem Kündigungsschreiben, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, schrieb Kleingarn, der Vorstandschef sei nicht bereit gewesen, die Unternehmensführung der höheren Komplexität und einem modernen Corporate-Governance-Verständnis anzupassen. Es mangele an geordneten und angemessenen Kontroll- und Steuerungsstrukturen. Der Vorstand handele zu autonom und betrachte die Unternehmensüberwachung als eine Last. Im Ausschuss sagte sie aus, Chef im Haus sei eindeutig Braun gewesen. (Mit Material der dpa) / (vbr)