Telegram mehr kontrollieren, fordern Politiker nach Wirecard-Skandal

Weil vermutlich wichtige Kommunikation in dem nun insolventen und zerschlagenen Konzern über Telegram geführt wurde, wollen Politiker mehr Kontrolle.

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… und einer davon war Marsalek.

(Bild: Telegram)

Von
  • Andreas Wilkens

Weil manche Kommunikation von Beteiligten am Skandal um den zahlungsunfähigen Zahlungsdienstleister Wirecard über Telegram lief, fordern Politiker mehr Kontrolle über den Messengerdienst. Fabio de Masi von der Linken, der im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags saß, meinte laut Handelsblatt, wenn es auf Telegram Anhaltspunkte für schwere Straftaten gebe, sollten staatliche Behörden mit richterlicher Anordnung auf solche Inhalte zugreifen können.

Der mittlerweile zerschlagene Wirecard-Konzern hatte am 25. Juni 2020 Insolvenz angemeldet. Zunächst hatte der Zahldienstleister mehrfach die Vorlage der Jahresbilanz 2019 verschoben und schließlich am 18. Juni eingeräumt, dass 1,9 Milliarden Euro angeblich auf Treuhandkonten verbuchte Gelder nicht existierten. Unmittelbarer Auslöser war, dass die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY das Testat für die 2019er-Bilanz verweigerte. Die Staatsanwaltschaft geht von "bandenmäßigem Betrug" aus, bei dem kreditgebende Banken und Investoren um über drei Milliarden Euro geprellt worden sein sollen

Im Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses ist vermerkt, dass Telegram im Wirecard-Vorstand laut Zeugenaussagen ein gängiges Kommunikationsmedium war, der "Lieblingskanal" des Ex-Vorstands Jan Marsalek. Seine Assistentin hatte ausgesagt, im Frühjahr 2020 habe die Kommunikation "zu 90 Prozent über Telegram stattgefunden". "Vermutungen und Chat-Verlaufe mit einer vertrauten Mitarbeiterin legen nahe, dass Marsalek Gesellschaftsanteile an dem Messenger-Dienst Telegram gehalten hat", heißt es in dem Bericht. Chatprotokolle sollen von ihm gelöscht worden sein.

Über Telegram sei ein nicht nur bedeutender Anteil der unternehmensinternen Kommunikation abgewickelt worden, Marsalek habe sich darüber auch mit seinen Partnern unterhalten – insbesondere auch nach seiner Flucht. Oberste Priorität sei daher, dass die Nachrichten rekonstruiert werden.

Das Bundesamt für Justiz führt gegen Telegram, das in den VAE sitzt, zwei Bußgeldverfahren, weil Möglichkeiten zur Beschwerde über strafbare Inhalte nicht leicht erkennbar und erreichbar seien. Zudem sei nicht klar, wohin sich Gerichte bei Telegram wenden könnten, wenn jemand auf Grundlage des Netzwerkdurchsetzungsgesetz juristisch gegen das Unternehmen vorgeht. Den Schritt des Bundesamts begrüßte der CDU-Obmann in dem Ausschuss Matthias Hauser laut dem Bericht.

Telegram gilt für einige Menschen als "sicherer Chat" und "Chat mit Privatsphäre". Allerdings wird alles, was die Nutzer schreiben, von Telegram zentral gespeichert und bei Bedarf ausgeliefert. Marsalek und die seinen nutzten offenbar "geheime Chats", die vor dem Mitlesen durch Dritte gesichert sind. Die meisten Telegram-Nutzer nutzen sie nicht, wenn sie sie überhaupt kennen. Geheime Chats lassen sich nicht für Gruppen einsetzen und immer nur auf einem Gerät nutzen.

(anw)