Wirecard fliegt noch im August aus DAX, BKA fahndet öffentlich nach Marsalek

Das BKA hat den Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek zur Fahndung ausgeschrieben. Und die Regeln für den DAX ändern sich, damit Wirecard noch im August rausfliegt.

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Wirecards Ex-Vorstand Jan Marsalek. Über sachdienliche Hinweise zu seinem Aufenthaltsort freut sich das BKA.

(Bild: Wirecard)

Von
  • Axel Kannenberg

Das Bundeskriminalamt hat Jan Marsalek, den Ex-Vorstand des insolventen Zahlungsdienstleisters Wirecard, zur öffentlichen Fahndung ausgeschrieben. Marsalek war bis Juni 2020 Vorstand im Unternehmen, gegen ihn besteht laut BKA Verdacht des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs, des besonders schweren Falls der Untreue sowie weiterer Vermögens- und Wirtschaftsdelikte.

Der 40-jährige Marsalek war als Chief Operating Officer (COO) für das gesamte operative Geschäft inklusive des Vertriebs zuständig und seit mindestens 2015 insbesondere für das Asien-Geschäft, das als zentral im Skandal um Wirecard gilt. Seit seiner Freisetzung Mitte Juni ist der Aufenthaltsort Marsaleks unbekannt.

"Die bisherigen Fahndungsmaßnahmen verliefen ohne Erfolg", teilte das BKA mit. Ein Aufenthaltsort des Gesuchten im Ausland werde für sehr wahrscheinlich gehalten. Auch die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" griff am gestrigen Mittwoch den Fall auf, Zuschauer wurden um Hinweise zu Marsaleks Aufenthaltsort gebeten. Ebenfalls wird Marsalek international gesucht, Interpol hat eine sogenannte rote Ausschreibung veröffentlicht. Diese ersuchen um Festnahme und Auslieferung.

Ein angeblicher Aufenthalt Marsaleks auf den Philippinen und eine darauffolgende Einreise nach China stellte sich als fingiert heraus: Die Daten, die die Einreise und Ausreise des früheren Vorstands Ende Juni dokumentieren sollen, seien gefälscht, hatte der philippinische Justizminister erklärt. Die dafür verantwortlichen Beamten der Einwanderungsbehörde seien ihrer Aufgaben entbunden worden. Der Spiegel hatte berichtet, Marsalek habe sich im Juni nach seiner Freisetzung nach Belarus abgesetzt. Laut Bericht des Handelsblatts soll sich Marsalek von dort nach Russland begeben haben, unter die Obhut des dortigen Militärgeheimdienstes GRU, zu dem ihm auch gute Kontakte nachgesagt werden. Bestätigt sind die Berichte nicht.

Klarheit gibt es jetzt aber zumindest in der Frage des DAX-Verbleibs der Wirecard AG. So wird das Unternehmen nun doch schon im August aus Deutschlands Vorzeige-Aktienindex fliegen. Der zur Deutschen Börsen AG gehörige Emittent Stoxx Ltd. gab am Mittwoch eine Regeländerung für alle DAX-Indizes bekannt: So können künftig insolvente Unternehmen mit einer Frist von zwei Handelstagen aus den DAX-Auswahlindizes genommen werden. Nach den alten Regeln wäre erst Anfang September die nächste reguläre Indexüberprüfung fällig gewesen.

Die neuen Regeln sollen dann ab 19. August in Kraft treten, dem Mittwoch nächster Woche. Und an diesem Tag soll nach 22 Uhr auch die neue Zusammensetzung der DAX-Indizes bekannt gegeben werden, die dann nach Marktschluss am 21. August umgesetzt werde. Als Kandidaten für einen Aufstieg in den Index der 30 Börsenschwergewichte gelten vor allem der Essenslieferdienst Delivery Hero und der Duftstoff- und Aromenhersteller Symrise.

Wirecard rückte im September 2018 anstelle der Commerzbank in den DAX auf, ist mit Insolvenz und massivem Bilanzskandal aber längst von einstigen Fintech-Primus zum Schmuddelkind abgestiegen. Unter anderem soll es in den Bilanzen des Bezahldienstleisters zu Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro gekommen sein.

Die Münchner Staatsanwaltschaft geht von einem "gewerbsmäßigen Bandenbetrug" aus, und zwar seit 2015. Mehr als drei Milliarden Euro könnten verloren sein. Zentrale Fragen sind inzwischen auch, wann genau die Regierung von Unregelmäßigkeiten wusste und ob sie zu wenig dagegen unternommen hat. Zuletzt wurde bekannt, dass die deutsche Anti-Geldwäsche-Einheit FIU Hinweise nur unzureichend an Strafverfolger weitergereicht haben könnte.

(axk)