Wirecard soll Partnerschaften mit Unternehmen erfunden haben

Neben geschönten Bilanzen soll Wirecard in Pressemitteilungen mitunter von Partnerschaften berichtet haben, die es gar nicht gab.

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(Bild: Wirecard)

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Der insolvente Bezahldienstleister Wirecard könnte nicht nur Bilanzsummen, sondern auch Partnerschaften mit anderen Unternehmen vorgetäuscht haben. Das geht aus einer Recherche des Wall Street Journals hervor, laut der etwa Firmen wie SAP von Wirecard als Partner in Presseveröffentlichungen genannt wurden, obwohl die vermeintlichen Partner gar keine Vereinbarungen mit Wirecard getroffen hatten.

Im Falle von SAP habe Wirecard etwa im Februar verkündet, dass man nun offizieller Entwicklungspartner des Softwarekonzerns sei. "Wirecard hat eine Partnerschaft mit SAP bekannt gemacht, die von uns nie unterzeichnet wurde – und wir haben auch nie der Publikation einer Pressemitteilung zugestimmt", zitiert das Wall Street Journal einen Sprecher von SAP dazu. Eine Richtigstellung hatte SAP demnach aber auch nicht von Wirecard verlangt.

Ein weiteres Beispiel sei die deutsche E-Mail-Marketing-Firma Kajomi. Man habe Gespräche geführt, aber keine formellen Einigungen unterzeichnet, und kurz darauf sei Kajomi in einer Wirecard-Mitteilung und auf einem Webportal als Partner geführt worden. Kajomi-Mitgründer Michael Hoffmann sagte der Zeitung, er habe nicht widersprochen, weil er auf einen PR-Effekt für sein Unternehmen gehofft hatte. Auch die Wirecard-Mitteilung vom November 2019, man "gestalte die Zukunft der Mobilität mit renommierten Partnern" steht im Zweifel: Die beteiligten Unternehmen SAP, Dekra, Zurich Insurance und Osram erklärten, man habe hier eine Partnerschaft mit dem Konzeptautofertiger Rinspeed AG geschlossen – aber nicht mit Wirecard.

Der damalige Wirecard-CEO Markus Braun habe wohl gesteigerten Wert auf häufige Pressemitteilungen gelegt, schreibt das Wall Street Journal unter Berufung auf ehemalige Angestellte. Führungskräften sei regelmäßig Druck gemacht worden, verkündungsfähige Ergebnisse vorzulegen. Intern habe man gewitzelt, dass Presseaussendungen das Hauptprodukt von Wirecard sind.

Die Journalisten haben eigenen Angaben nach insgesamt 300 Firmen angeschrieben, mit denen sich Wirecard in der Öffentlichkeit verbunden zeigte. 90 davon hätten geantwortet. Einige wollten keine Stellung nehmen, andere bestätigten normale Geschäfte mit Wirecard. Und wieder andere gaben an, dass der Bezahldienstleister die tatsächliche Geschäftsbeziehung überhöht dargestellt habe. So etwa die Videospielefirma Gameforge: Man habe die Wirecard-Bank als einen von mehreren Bezahldienstleistern genutzt, was Wirecard als Partnerschaft vermeldete. Eine genauere Aufschlüsselung der Recherche-Ergebnisse bietet der Bericht leider nicht. Eine Bitte um Stellungnahme an den Insolvenzverwalter Wirecards blieb bislang unbeantwortet.

Der PR-Effekt Wirecards dürfte jetzt jedenfalls der Vergangenheit angehören. Derzeit gehen Partner und Kunden auf Distanz zum insolventen Anbieter: Unter anderem die Allianz zog die gemeinsam mit der Wirebank-Bank umgesetzte Bezahl-App "Pay&Protect" zurück, sowohl Aldi Nord als auch Aldi Süd wechselten den Anbieter für die Abwicklung von Kreditkartenzahlungen.

Wirecard hatte im Juni mutmaßliche Luftbuchungen von 1,9 Milliarden Euro eingeräumt und am 25. Juni Insolvenz angemeldet. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen mehrere ehemalige und aktive Manager inklusive des vom Aufsichtsrat nachträglich gefeuerten Ex-Vorstandschefs Markus Braun, gegen letzteren seit kurzem auch wegen des Verdachts auf Insiderhandel.

Und inzwischen stehen im Skandal auch die deutschen Finanzaufseher unter Druck. Der Bundesrechnungshof kündigte jetzt auch an, mögliche Fehler der Finanzaufsicht Bafin und des Bundesfinanzministeriums ins Visier zu nehmen. "Wir werden das System der Aufsicht – Struktur und Risikomanagement am Beispiel Wirecard – untersuchen und warum die Bafin offenbar die Anhaltspunkte nicht aufgegriffen hat", sagte Bundesrechnungshof-Präsident Kay Scheller dem Spiegel.

"Wir werden dabei auch prüfen, wie das Bundesfinanzministerium und die Bafin mit den Vorwürfen falscher Bilanzen sowie mit den Berichten der Wirtschaftsprüfer umgegangen sind." Für die Bafin ist dies bereits die zweite angekündigte Überprüfung möglicher Mängel und Fehler im Fall Wirecard – zuvor hatte schon die EU-Kommission die europäische Finanzaufsicht Esma auf den Fall angesetzt.

"Jahrelang wurden Hinweise gegeben, unter anderem durch journalistische Recherchen, und es stellt sich die Frage, ob die Bafin da ausreichend hingeschaut hat", sagte Scheller. "Hier sind bedeutende Fragen unbeantwortet – und daher ist auch der Bundesrechnungshof gefordert. Es gibt offensichtlich Lücken im Aufsichtssystem."

(axk)