Wissenschaftsrat: Informatiker in der digitalen Gesellschaft dringend gesucht

Der Wissenschaftsrat misst der Informatik eine "nicht zu unterschätzende Bedeutung für die Zukunft Deutschlands" bei und wirbt für Open-Source-Förderung.

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(Bild: alphaspirit/Shutterstock.com)

Von
  • Stefan Krempl

Angesichts der "Durchdringung aller Lebensbereiche mit informatischen Systemen und Produkten" mahnt der Wissenschaftsrat, die entscheidende Rolle der Informatik für Wirtschaft und Gesellschaft sowie die Zukunft Deutschlands ernst zu nehmen. Die Nachfrage nach Informatikern am Arbeitsmarkt sei immens, das Bildungswesen darauf noch nicht optimal ausgerichtet.

Die Anfänge der Informatik als akademische Disziplin reichen in Deutschland bis zur Rechenautomatenforschung der 1950er zurück. Als eigenständiges Fach wurde sie ab 1968 an den Hochschulen eingerichtet. Im Wintersemester 2018/19 waren mit 227.000 rund 7,9 Prozent aller Studierenden in Informatik an 205 Universitäten und Fachhochschulen eingeschrieben. Der Frauenanteil lag bei 21 Prozent im Gegensatz zu 49 Prozent für alle Studienbereiche. Das Angebot reicht von der klassischen Informatik über spezialisierte Studiengänge wie Werkstoffinformatik bis hin zum Bereich Künstliche Intelligenz (KI).

Angesichts der zunehmenden Digitalisierung richtete der Wissenschaftsrat im Juli 2018 eine Arbeitsgruppe ein, an der auch externe Sachverständige aus dem In- und Ausland mitgewirkt haben. Auf Basis deren Ergebnisse hat das wissenschaftspolitische Beratungsgremium von Bund und Ländern am Montag seine Analyse zu "Perspektiven der Informatik in Deutschland" veröffentlicht.

Der Wissenschaftsrat sieht informatische Bildung "als zentralen Schlüssel an, um den digitalen Wandel in der Gesellschaft erfolgreich, inklusiv und nachhaltig zu gestalten". Allein das Beispiel des automatisierten Fahrens illustriere, dass die Forschung "in ihrer ganzen Breite und Vielfalt zur Bewältigung gesellschaftlich wie wirtschaftlich relevanter Herausforderungen" beitrage.

Um dieses Potenzial voll ausschöpfen zu können, müssten die Bereiche der Informatik ausgewogen gefördert, große Überschneidungen ebenso wie Förderlücken aufgedeckt, der Erfolg von Maßnahmen bewertet und neu auftretende Bedarfe angesichts der schnellen Entwicklung des Feldes gemeinsam ausgekundschaftet werden.

Angesichts des Fachkräftemangels auch auf dem Feld der Informatik fordert der Wissenschaftsrat, "mehr Absolventen für den inner- wie außerakademischen Bereich auszubilden". Es sollten mehr Studierende aus dem Ausland rekrutiert und Studienplätze bedarfsgerecht ausgebaut werden. Ein breites und flexibles Studienangebot solle "ein möglichst diverses Publikum" ansprechen. Die Länder sollten dazu gemeinsam mit den Hochschulen eine ganzheitliche Strategie für ihre Standorte entwickeln.

Vor dem Hintergrund des intensiven Wettbewerbs um Informatiker hält es der Wissenschaftsrat zugleich für wichtig, gezielt "exzellentes Personal für die akademische Forschung zu gewinnen und zu halten". Helfen könnten dabei gegebenenfalls eine "stärkere Durchlässigkeit zum privaten Sektor sowie mehr Flexibilität und Offenheit für Beschäftigungsmodelle und Initiativen, die über den rein akademischen Raum hinausgehen". An den Schulen sollte informatische Bildung schneller und flächendeckend eingeführt werden.

Die Informatik-Forschung muss laut der Studie "immer öfter auch deren ethische, rechtliche, soziale und politische Implikationen einbeziehen". Sie sollte daher besser mit den Sozial-, Rechts- und Geisteswissenschaften vernetzt werden etwa über das Konzept "Professuren an der Schnittstelle". Ein besonderer zusätzlicher Bedarf sei in den Bereichen Data Science und Lehramt Informatik zu erwarten.

"Aus der akademischen Informatik werden wichtige Beiträge zu Innovationen geleistet", heißt es weiter. Um dieses Potenzial noch besser auszuschöpfen, plädiert der Rat "für eine längerfristige Förderung von Open-Source-Software und -Prototypen mit liberaler Lizenzierung, thematische Wettbewerbe sowie die Unterstützung und Förderung von Gründungen und unternehmerischer Tätigkeit von wissenschaftlichem Personal".

(olb)