Zahlen, Bitte: 5000 Mathematiker und ein Verein

Vor 130 Jahren definierte Georg Cantor die Menge der Mathematiker. Heute hat sie über 5000 Mitglieder und feiert ihren Geburtstag in Chemnitz und im Internet.

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 41 Beiträge
Von
  • Detlef Borchers

Die Mathematiker Georg Cantor, David Hilbert und Hermann Minkowski verfolgten seit 1889 den Plan, eine eigenständige Mathematiker-Vereinigung zu gründen. Die Ausdifferenzierung des Faches brachte eine Vielzahl von mathematischen Gebieten mit sich, von der Mengenlehre Cantors bis zu Minkowksi Zahlentheorie. Zur Jahrestagung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte von 1890, die vom 15. bis 20. September tagte, kamen schließlich 31 Mathematiker zusammen und gründeten ihre Vereinigung mit Cantor als erstem Vorsitzenden. Ein Jahr später hatte die Deutsche Mathematiker-Vereinigung (DMV) bereits 200 Mitglieder.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

In den Folgejahren wuchs die DMV rasant und richtete sich entsprechend dem Ruf der Mathematik in Deutschland international aus. Im Jahre 1902 kam ein Drittel der rund 600 Mathematiker nicht aus Deutschland, ein Verhältnis, das sich erst nach dem Ersten Weltkrieg veränderte. Im Jahr 1922 spaltete sich die Vereinigung, als die "Gesellschaft für Angewandte Mathematik und Mechanik" im "Verein Deutscher Ingenieure" entstand.

In der Zeit des Nationalsozialismus schrumpfte die DMV erheblich, da viele bedeutende Mathematiker das Land verlassen mussten und sich überdies eine "Deutsche Mathematik" entwickelte, die Mathematik und Rasse verknüpfte. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Zahl der in der DMV zusammengeschlossenen Mathematiker zu, bis sich 1962 die "Mathematische Gesellschaft der DDR" abspaltete. 1990 ging diese wieder in der DMV auf. Mit dem Jahr der Mathematik konnte sich die DMV 2008 mit dem Motto "Alles, was zählt" in der Öffentlichkeit präsentieren.

Im Geburtstagsjahr 2020 zählt die DMV rund 5000 Mathematiker in ihren Reihen. Zur Feier ihres 130. Geburtstages vergibt die DMV erstmals die mit 2000 Euro dotierte Minkowski-Medaille. Sie geht an den an der Universität Regensburg lehrenden Moritz Kerz, der gestern auf der DMV-Jahrestagung in Chemnitz die Keynote gehalten hat. Die Medaille ist für junge Mathematikerinnen und Mathematiker gedacht, die erste Erfolge erzielt, aber noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Eine weitere Auszeichnung ist der mit 10000 Euro dotierte "von Kaven-Preis" der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der in diesem Jahr an Alexandra Carpentier von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg geht. Sie arbeitet gemäß Pressemitteilung "an der Schnittstelle zwischen Mathematik und Informatik".

Die Jahrestagung des DMV ist dieses Jahr eine Mischung aus Präsenzveranstaltungen und Online-Angeboten. So soll es eine virtuelle Stadtrundführung durch Chemnitz geben. Als Kontakt- und Networkingbörse, wie es die Tagungen für Nachwuchsakademiker nun einmal sind, kann nicht vollständig zum Online-Format gewechselt werden. Anders sieht es bei der Tagung der Mathematiklehrer aus, die für den 19. September geplant und komplett gestrichen wurde. Hier gibt es nur das Online-Angebot Mathematikunterricht in Zeiten von Corona. Die Jahrestagung der DMV schließt mit dem öffentlichen Vortrag Mathematik Undercover. Hier geht es nicht um die Rolle der Mathematik bei den Geheimdiensten, sondern um ihre Rolle beim Entwurf komplexer geometrischer Formen in der Architektur.

(axk)