Zahlen, bitte! 1.000.000 registrierte Teilnehmer beim Blaulichtfunk

Der Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsfunktionen hat jetzt eine Million Teilnehmer. Wirklich viel sagt das nicht aus.

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Von
  • Detlef Borchers

Dieser Tage machte eine der typischen Meldungen zur erfolgreichen Digitalisierung in Deutschland die Runde. Das Bundesamt für den Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsfunktionen (BDBOS) meldete, dass man die Marke von einer Million registrierten Teilnehmern beim Blaulichtfunk geknackt habe. Dazu gab es weitere beeindruckende Zahlen des weltgrößten Digitalfunknetzes für Polizei, Rettungsdienste und Feuerwehr. Etwa die von 4800 Basisstationen, die 99,2 Prozent der Fläche unserer kleinen Republik abdecken. Das sind beeindruckende Zahlen und doch fehlte eine Angabe zu dem seit 2007 aufgebauten digitalen Funknetz, das 3,6 Milliarden Euro gekostet hat: Bundesweit stehen nur 20 mobile Basis-Stationen für die Notfälle zur Verfügung, schnell eine ausgefallene Basisstation zu ersetzen.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Für sich genommen ist die Erfolgsmeldung über eine Million registrierte Teilnehmer eine beachtliche Zahl, auch wenn sie nichts darüber aussagt, wie viele Teilnehmer gleichzeitig im Funknetz aktiv sind. Als das schmalbandige BOS-Funknetz auf Basis des TETRA-Standards im Jahre 2001 für die anstehende Fußball-WM 2006 geplant wurde, dachte man in ganz anderen Dimensionen. Geplant war ein bundesweites Netz mit Basisstationen rund um die Stadien, in denen sich bis zu 15.000 Polizeikräfte verständigen würden. Erst danach sollte sich der bundesweite Ausbau anschließen und im Vollausbau 560.000 Teilnehmer im abhörsicheren Netz umfassen. Das Projekt scheiterte.

Das Kernnetz wurde erst 2013 fertig, der Ausbau der mit 64 Verbindungsstellen und zwei Zentralen dauerte noch etwas länger. Das hatte etwas damit zu tun, dass das BOS-Netz als gemeinsame Ausbauaufgabe von Bund und den Ländern konzipiert war, die überdies unterschiedliche Zuständigkeiten und Prioritäten hatten. Der Bund war für Zoll, Bundespolizei und das Technische Hilfswerk zuständig, die Länder für ihre Polizeien und Rettungskräfte, die Kommunen für die Ausrüstung der Feuerwehr. Einige Bundesländer ließen sich dabei viel Zeit, ihren Part zu realisieren. das galt vor allem für die Länder mit bergiger Topologie, die das Erreichen der Netzabdeckung vor knifflige Aufgaben stellte.

Ein weiterer kritischer Punkt war dann die Objektversorgung. Wenn Feuerwehrleute und Rettungskräfte in zu evakuierende Gebäude gehen, muss der Kontakt zur Einsatzleitung stehen, wenn Polizei an Flughäfen oder Bahnhöfen Sicherheitsvorfälle bekämpfen, müssen Befehle verständlich übertragen werden. Ist die Verbindung gestört, können die Funkgeräte nur im DMO-Modus operieren und funktionieren dann wie einfache Walkie-Talkies. Im Frühjahr 2020 bemängelten darum Prüfer des Bundesrechnungshofs das Vorhandensein von gefährlichen Lücken im Funknetz. Die schlechte Versorgung habe "wiederholt die Bundespolizei gefährdet".

Den Zuschlag für die Vernetzung bekam im Jahre 2010 die ALDB, die Alcatel-Lucent Digitalfunk Betriebsgesellschaft, die 2016 von Nokia übernommen wurde, seit 2019 aber eine 100%ige Tochter der BDBOS ist. Schlägt man im aktuellen BOS-Führer nach, ist die ALDB schwerpunktmäßig damit beschäftigt, die Technik zu modernisieren und das Netz zu "härten". Hinter dem Begriff steht der Anspruch, das Netz ausfallsicherer zu machen, auch im Katastrophenfall. Was das bedeutet, zeigte die Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz vor nunmehr drei Monaten. Zwar funktionierte mit doppelt ausgelegten Glasfaserstrecken weiter, doch um die berühmten "letzten Meilen" zu den Basisstationen vor Ort war es schlecht bestellt.

Um Geld zu sparen haben die für die "Härtung" zuständigen Länder und Kommunen reguläre Strecken von kommerziellen Netzbetreibern gemietet, die eben nicht tief unter einem Flusslauf geführt werden, sondern beispielsweise unter einer Brücke verlaufen. Wird die Brücke weggespült, ist auch die Verbindung unterbrochen. Die Basisstationen laufen dann zwar 4-6 Stunden auf Batterie weiter, mit Notstromaggregat auch länger, doch die Kommunikation zu den Einsatzzentralen ist erst einmal weg. Einsatzleiter mussten Melder in die betroffenen Gebiete schicken, um ein Lagebild bekommen.

Lakonisch schrieb der Behördenspiegel in seinem von der Initiative Frag den Staat ausgewerteten Report über die Nicht-Kommunikation in der Katastrophe auf Seite 26: "Die Erfahrungen aus der Katastrophe zeigen, wie wenig privatwirtschaftliche Unternehmen geeignet sind, eine flächendeckende und katastrophenfeste Infrastruktur für die BOS bereit zu stellen. Dennoch wird aktuell über den Verkauf jener Frequenzen /.../ an ein komplett privatwirtschaftliches Unternehmen vorbereitet."

Denn nach den Plänen der Bundesnetzagentur sollen die 450 Megahertz-Frequenzen des BOS für eine Zuteilungsgebühr von 113 Millionen an ein Unternehmen der Energiewirtschaft oder Wasserwirtschaft verkauft werden. Laut einem vom Wirtschaftsministerium finanzierten Gutachten soll diese Umwidmung "eine große Chance für die Energiewende" mit sich bringen. Der BOS-Funk mit seinen nunmehr 1.000.000 registrierten Teilnehmern sowie die Funktruppen der Bundeswehr sollen in das 700 Megahertz-Band umziehen und dort mit "größtmöglicher Berücksichtigung" bedacht werden. Vielleicht steigt diese Berücksichtigung mit der nächsten Million an Teilnehmern. Längst nicht alle Feuerwehren und THW-Züge sind mit der Technik ausgestattet, auch der TETRA-Umbau der Bundeswehr im großen Stil steht noch aus.

(mho)