Zahlen, bitte! Alle 26 Sekunden: der mysteriöse Puls der Erde

Seit rund 60 Jahren beschäftigt die Forscher ein ungewohnliches Phänomen: In Abstand von 26 Sekunden wird global ein Pulsieren gemessen. Die Ursache ist unklar.

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Von
  • Markus Will

Der Impuls erscheint alle 26 Sekunden, ist vom Menschen nicht wahrnehmbar, aber doch so stark, dass er mit empfindlichen seismologischen Geräten um den ganzen Erdball aufgezeichnet wird. Seit fast 60 Jahren lässt dieses Naturphänomen Forscherinnen und Forscher auf der ganzen Welt rätseln.

John Ertle "Jack" Oliver, geboren 26. September 1923 in Massillon, (Ohio), gestorben 5. Januar 2011 in Ithaca (New York) hat sich vor allem mit der Erforschung der Plattentektonik einen Namen gemacht.

Erstmals im größeren Rahmen wurde die seismologische Erscheinung Anfang der 1960er Jahre untersucht. Der amerikanische Geologe John Ertle "Jack" Oliver veröffentlichte 1962 im seismologischen Fachmagazin Bulletin of the Seismological Society of America (BSSA) den Artikel "A Worldwide Storm of Microseims With Periods Of About 27 Seconds", indem er die Ergebnisse seiner Forschung zu den Mikrobeben präsentierte.

Die Beben erschienen in einem Intervall zwischen im Schnitt 26 und 27 Sekunden und Oliver lokalisierte das Epizentrum im Golf von Guinea. Insgesamt wurden die Beben zwischen den 6. und 7. Juni 1961 erforscht und dabei in 16 von 18 Forschungsstationen über den gesamten Erdball hinweg gemessen. Den stärksten Ausschlag verglich er mit der Explosion von etwa 600 Tonnen TNT. Die Stärke schwankte mit der Zeit; Oliver fand zudem heraus, dass in den Wintermonaten der Süd-Halbkugel der Impuls am stärksten war.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Dabei sind Mikrobeben erst einmal nichts Besonderes. In Deutschland bebt die Erde auf diese Art fast täglich, ohne dass Jemand außerhalb der seismologischen Forschung davon Kenntnis erlangt. Wobei die Corona-Krise die Erforschung sogar verbessert, da sich durch die Ausgangsbeschränkungen die Alltags-Störquellen verringern, die diese Beben sonst leicht überlagern.

Die Erkenntnisse daraus sind für die geologische Forschung hilfreich - in feuchtem Gestein können Flüssigkeiten und Gase für die Spannungsbedingungen verantwortlich sein. Daher lassen sich über die gemessenen Mikrobeben mehr Erkenntnisse über die Beschaffenheit des Gesteins gewinnen.

Der Unterschied zwischen diesen unregelmäßigen Beben und dem Phänomen vor Westafrika ist eben die exakte Periodizität. Und das macht es für die Forscherinnen und Forscher so schwer, die Quelle dieses Phänomens zu lokalisieren. Und Jack Oliver war durch die technischen Möglichkeiten eingeschränkt, die seine Zeit bot; er konnte daher nur spekulieren.

Die Haupthypothese war, dass die Mikrobeben durch Wellen erzeugt wurden, die auf die Küste im Golf von Guinea prallen. Eine zweite Vermutung, dass magnetische Aktivität unter dem Südatlantik die Beben verursache.

Der Golf von Guinea im Atlantischen Ozean, mit dem Küstenlandstrich Westafrikas. Laut den Messungen verschiedener Forscher liegt der Ursprungspunkt der Mikrobeben in der Bucht von Bonny, etwas rechts oberhalb der Mitte des Bildes.

(Bild: CC BY SA 3.0)

Im August 2006 wurde in der Fachzeitschrift Geophysical Research Letters ein Artikel veröffentlicht, in der die Forscher den Ursprungsort für den Impuls (0,038 Hz) genauer eingegrenzten. Sowohl in der Bucht von Bonny, im Golf von Guinea als auch in der antipodischen pazifischen Region östlich von Papaua-Neuguinea wurden die Mikrobeben nachgewiesen.

Ein chinesisches Forscherteam veröffentliche 2013 im Geophysical Journal International einen weiteren Fachartikel zu dem Phänomen. Sie entdeckten einen zweiten periodischen Impuls (0,036 Hz). Während sie als Ursprung für den bekannten Impuls aufgrund der örtlichen Nähe den Sao-Tome-Vulkan als Quelle vermuten, bleibt die mögliche Ursache der neu entdeckte Quelle im Dunkeln. Die Forscher vermuten auch dort vulkanische Aktivität.

Wie dem auch sei - gesichert ist der Ursprung dieses faszinierenden Naturphänomens jedenfalls nicht. Somit bleibt die Forschungsfrage spannend; wobei – eine weitere originelle Theorie liefert Geek-Comic-Autor Randall Munroe in seinen xkcd-Comic "26-Second Pulse". Mikrobeben als Puls eines Giganten – die Erforschung bleibt spannend! (mawi)