Zahlen, bitte: Die KI, dein digitaler Replikant

Vor 15 Jahren blickt die Darthmouth-Konferenz auf 50 Jahre KI-Forschung zurück – und wagt einen Blick ins Jahr 2056, wenn wir als KI weiterleben.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 4 Beiträge
Von
  • Detlef Borchers

Nichts geht ohne "Künstliche Intelligenz" (KI), zumindest in der Politik: Alle sechs im Bundestag vertretenen Parteien betonen in ihren aktuellen Wahlprogrammen die wichtige Rolle der KI für die Zukunft Deutschlands. Während das in der ersten Regierungszeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) noch undenkbar war, blickte die Wissenschaft schon auf 50 Jahre KI-Forschung zurück.

Heute vor 15 Jahren begann in Dartmouth (US-Bundesstaat New Hampshire) die Konferenz "AI@50" mit dem etwas sperrigen vollständigen Titel "Dartmouth Artificial Intelligence Conference: The Next Fifty Years". Zum Jubiläum sollte der Blick nicht nur zurück auf 50 Jahre Dartmouth-Konferenz, sondern auch nach vorne gerichtet werden – bis ins Jahr 2056.

Die erste Dartmouth-Konferenz hatte am 13. Juni 1956 am Dartmouth College begonnen und ging erst zweieinhalb Monate später zu Ende. Initiator war der LISP-Erfinder und KI-Pionier John McCarthy, der die für eine KI auf menschlichem Niveau erforderliche Innovationssprungweite auf 1,7 Einstein und etliche Milliarden geschätzt hat. Neben ihm nahmen an der Feier noch vier weitere Teilnehmer der ursprünglichen Konferenz teil, die den Begriff Künstliche Intelligenz prägte. Heute sind auch sie verstorben, der letzte Überlebende war Trenchard More, der im Jahre 2019 die Erde verließ.

Insofern ist es ein großes Glück, dass viele Beiträge dieser Konferenz überliefert und gespeichert wurden, ebenso der schöne Konferenz-Bericht (PDF-Datei) von James Moor, der in der führenden Zeitschrift für künstliche Intelligenz erschien. Andere Speicherorte mit Berichten über die "Dartmouth-Explosion" (so Ray Kurzweil in Anlehnung an die Atomwaffen) sind nicht weniger interessant, etwa die Liste der Science Fiction (PDF-Datei) die Ray Solomonoff als Teilnehmer des "Summer Research Project" damals konsumierte.

Unter den Teilnehmern der Konferenz AI@50 waren nicht nur ausgewiesene KI-Experten, die aus ihren mittlerweile stark ausdifferenzierten Forschungsgebieten berichteten, sondern auch ein Philosoph. Eric Steinhart beschäftigte sich mit der Frage, inwieweit eine künstliche Intelligenz aus verschiedenen digitalen Artefakten eines Menschen eine Persönlichkeit rekonstruieren kann – als Geist oder eben als digitaler Gott, der sein eigenes Universum schafft und sich fortlaufend selbst programmiert.

"Ein digitaler Geist ist ein künstlich intelligentes Programm, das alles über dein Leben weiß. Es ist eine zum Leben erweckte Autobiografie. Es bildet deine Glaubensmuster und Wünsche nach. Du kannst nach dem Tod als digitaler Geist überleben", schreibt Steinhart. "Wir werden über die nächsten 50 Jahre eine ganze Reihe solcher digitalen Geister erörtern. Mit der Zeit und dem Fortschritt der Technologie wird es immer perfektere Kopien des Lebens ihres originalen Autors geben."

Mit seiner Definition einer nachlebenden KI dachte Steinhart nicht an Speicherplätze und Web-Friedhöfe wie Virtual Memorials, sondern mehr an Systeme wie das Lifelog-Projekt der DARPA oder das ebenfalls eingestellte CARPE-Projekt der ACM. Das Akronym CARPE steht für "Capturing, Archiving and Retrieval of Personal Experiences". Von all diesen Projekten ist wenig übrig geblieben, selbst das Forever Network mit Tausenden von Lebensgeschichten ist verschwunden und durch ein Sportportal ersetzt worden.

Auch der "Personal Digital Biographer", den KI-Mitbegründer Marvin Minsky als Digitalschatten seiner selbst konstruieren wollte, ist noch nicht in seiner ganzen Datenfülle realisiert worden. Ob das in 35 Jahren anders aussieht, wird der Newsticker berichten.

(vbr)