Zahlen, bitte! "Last Christmas" – nach 36 Jahren die Nummer 1

Als Wham 1984 "Last Christmas" veröffentlichte, reichte es in Großbritannien nicht zur Nummer 1. Erst jetzt gelang der Erfolg – dank Alexa?

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Von
  • Detlef Borchers

Es ist geschafft! Nach 36 Jahren hat es der von George Michael geschriebene Weihnachtsklassiker "Last Christmas" erstmals auf Platz 1 der britischen Charts gebracht. Das passierte zwar nicht in den Weihnachtsfeiertagen, sondern zu Silvester, doch man sollte nicht kleinlich sein. Auch als Neujahrs-Hit hat der Song ja seine Qualitäten. Doch wie konnte das passieren?

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Schon vor Weihnachten haben wir uns in dieser Kolumne mit Last Christmas beschäftigt. Kundige Teilnehmer des Heise-Forums beschäftigten sich mit der Melodieführung, andere steuerten Details zur Schweizer Berglandschaft bei, in der das zugehörige Musikvideo gedreht wurde. Doch niemand rechnete damit, dass der Song es auf Platz 1 der britischen Charts schaffen würde. Genau das ist jetzt aber passiert. Das ist ein großer, ein bemerkenswerter Erfolg, denn als der Song 1984 veröffentlicht wurde, schaffte er es nicht zum Nummer-1-Hit. Wochenlang hielt sich damals Do They Know It's Christmas? von Band Aid an der Spitze der Charts.

Um die Größe dieses Erfolges einordnen zu können, muss man wissen, wie die Charts berechnet werden. Die Grundeinheit ist die Single. Als ein Musikredakteur des Music Express im November 1952 die Charts einführte, telefonierte er mit einer Handvoll Plattenläden und fragte nach, welches der meistverkaufte Song war. Das Verfahren wurde bald verfeinert, um mehr als 50 Plattenläden erweitert und wurde schließlich von einer eigens gegründeten Firma übernommen, die ab 1963 die "Official Charts" wurden. Das war wichtig für die Buchmacher, denn natürlich wetteten die Briten darauf, wer den nächsten Nummer-1-Hit landen würde.

Über die Jahre hinweg blieb dabei die Single die Berechnungsgröße, auch wenn LPs, CDs, und Musikvideos mit in die Berechnung der Charts einflossen. Recht früh nahm man mit dem Start von Napster im Jahre 1999 die MP3s in die Berechnung der Charts auf. Heute wird die Berechnung nach der Formel 200 + 1200 = 1 durchgeführt. 200 bezahlte Musik-Streams plus 1200 Gratis-Streams ergeben eine verkaufte Single. Mit dieser Berechnung brachte es "Last Christmas" als Neujahres-Hit auf Platz 1. Offensichtlich stand der leicht wehmütige Song zum endgültigen Start des Brexits auf so vielen Playlists oder wurde in festlicher Stimmung angeklickt, dass die Platzwahl "alternativlos" wurde. 1500 Bürger des Vereinigten Königreiches kauften das Stück per Download, neun Millionen Mal lief es auf Düdel-Plattformen wie Spotify.

Möglicherweise wurde Last Christmas abgespielt, weil man sich über Weihnachten unterhielt und Alexa & Co aufmerksam zuhörten und dann das gute Stück präsentierten. Eine solche Erklärung muss die Feingeister des deutschen Feuilletons verstört haben, die zur Meldung des Nummer-1-Hits düstere Überschriften wie "Wenn künstliche Intelligenzen Feste feiern" fanden. Diese fiese KI stört einfach alles. Wahrscheinlich haben sich die künstlichen Unholde auch an den deutschen Charts vergriffen, denn dort schaffte es Mariah Carey auf Platz 1. Natürlich mit "All I Want For Christmas is You". So viel schlechten Geschmack kann kein Mensch haben.

(mho)