Zensurstreit beigelegt: Google entschuldigt sich bei "Titanic"-Magazin

Mit einer "Sorrykatur" hat sich der Konzern für die Sperrung des Satiremagazins im Google Play Store entschuldigt. Die "Titanic"-App ist nun wieder gelistet.

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(Bild: l i g h t p o e t/Shutterstock.com)

Von
  • Silke Hahn

Wie die Redaktion der Titanic mitteilt, ist die von Google verhängte Sperre des deutschen Satiremagazins im Play Store jetzt aufgehoben und die Heft-App wieder uneingeschränkt verfügbar. Google hatte vor rund drei Wochen Zensurmaßnahmen bei einigen Titelmotiven verlangt und die "Titanic"-App offenbar ohne Ankündigung aus dem Play Store verbannt, um die Forderung durchzusetzen. Als Kompromiss ist die App neuerdings mit der Altersfreigabe "ab 18" belegt.

Mit einem Augenzwinkern kommentiert Chefredakteur Moritz Hürtgen: "Wir vermuten, dass sich Google eine längere Sperre für TITANIC schlicht nicht mehr leisten konnte." Seine Redaktion hatte angekündigt, dem Druck aus dem Silicon Valley nicht nachzugeben und hatte damit begonnen, Abonnenten zum Beispiel per PDF zu beliefern. Zunächst hatte Google vor rund einer Woche einen Antrag auf die Wiederlistung als Erwachsenen-App noch abgewiesen, wie Hürtgen damals Heise Online gesagt hatte.

Der Fall hatte in deutschen Medien Wellen geschlagen und eine Debatte ausgelöst, was Satire darf und wie sich Grundrechte wie die Pressefreiheit gegenüber der Marktmacht global agierender Konzerne heutzutage behaupten lassen. Im App Store von Apple war das Satiremagazin ununterbrochen greifbar gewesen, andere Satire-Angebote hatte Google im selben Zeitraum nicht gesperrt. Mittlerweile hat der US-Konzern eingelenkt und sich per Karikatur bei der Titanic-Redaktion entschuldigt. Man wollte sich bei der Titanic und deren Lesern "aufrichtig dafür entschuldigen, dass die App zwischenzeitlich nicht verfügbar war. Auch wir finden: Humor und Satire dürfen nicht untergehen – schon gar nicht in Deutschland", sagte Alexander Bressel, der Sprecher von Google Germany, laut Frankfurter Allgemeiner Zeitung.

Google entschuldigt sich per Karikatur beim Satiremagazin "Titanic" für die vorübergehende Sperre im Play Store, gezeichnet von Bulo.

(Bild: Bulo/Google LLC)

Kurz vor Erscheinen der zweiten Ausgabe 2021 hatte Google die "Titanic"-App mit einem automatisch generierten Hinweis gesperrt, sagte die Titanic-Redaktion auf Nachfrage von Heise Online. Es seien Forderungen gefolgt, weitere gemäß Google "anstößige" Heftmotive zu entfernen. Konkret lautete der Vorwurf im Falle der Dezemberausgabe 2020 "Gotteslästerung" (profanity), andere ältere Coverbilder stuften die Prüfer des Konzerns offenbar als pornographisch ein, ohne den Kontext der Satire zu berücksichtigen.

"Zu obszön"? Titanic-Cover, die Googles Zensurapparat missfallen (3 Bilder)

Titanic 12.2020

(Bild: Titanic-Magazin)

Kurioserweise war die "Titanic"-App jedoch bereits seit 2014 ohne Auflagen im Store gelistet gewesen und blieb durch die Zuordnung als Satiremagazin bislang vor Zensur geschützt. Moritz Hürtgen zufolge hatte Google sich auf den Kompromissvorschlag, die App mit höherer Altersfreigabe zu versehen, zunächst nicht eingelassen. Zugleich waren jedoch Apps vergleichbarer Magazine mit teils umstrittenen Covermotiven (wie vom französischen Satiremagazin Charlie Hebdo) weiterhin unzensiert gelistet.

Aus Protest hatte die Titanic-Redaktion erklärt, lieber auf Digitalabonnenten zu verzichten als den Zensurforderungen nachzugeben. Da die Kontaktdaten von Abonnenten der Play-Store-App jedoch nur Google bekannt sind, ist dem Satiremagazin bereits durch die dreiwöchige Sperre wohl ein großer wirtschaftlicher Schaden entstanden, wie der Chefredakteur gegenüber netzpolitik.org eingestand. Er appellierte an die "Leser/innen, ein klassisches TITANIC-Abonnement abzuschließen oder wenigstens Geldscheine an unsere Redaktionsadresse zu schicken".

Die "Titanic"-App ist Hürtgen zufolge nun im Play Store zunächst nur für Volljährige freigegeben, was ihn aber nach eigenen Angaben nicht sonderlich stört: "Ich finde schon aus pädagogischen Gründen, dass Jugendliche unter 18 Jahren gar kein Smartphone oder Tablet besitzen sollten". Dem Interview zufolge laufen zur Alterseinstufung offenbar noch Gespräche mit Google. Entschuldigung und glimpflicher Ausgang hin oder her, man werde "Googles Aktivitäten weiterhin genau und kritisch beobachten", heißt es auf der Titanic-Website.

(sih)