Zu störanfällig und unzuverlässig: Für das DIW hat Atomkraft keine Zukunft

Wegen langer, geplanter und ungeplanter Ausfallzeiten ist Atomkraft ökonomisch nicht zukunftsträchtig, meint das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung.

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Störfälle seit den 1970er Jahren nach Schweregrad auf der INES-Skala angeordnet. In Block 1 des AKW Greifswald brach im Dezember 1975 ein Kabelbrand aus, die Kühlung des Reaktors wurde stark eingeschränkt. Die Kernschmelze wurde durch eine einzelne Pumpe verhindert, die extern mit Strom versorgt worden war.

(Bild: DIW)

Von
  • Andreas Wilkens

Weltweit kommt es in Atomanlagen regelmäßig zu Zwischenfällen. Darüber hinaus müssen AKW auch im normalen Betrieb immer wieder vom Netz genommen werden, was zu erheblichen Ausfallzeiten führt, schreibt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer Studie. Wegen der Unterbrechungen nicht nur durch Unfälle, sondern vor allem durch notwendige Brennstoffwechsel, Wartungen oder gestiegene Sicherheitsanforderungen könne rund ein Drittel der Kapazität aller Atomkraftwerke nicht zur Stromerzeugung genutzt werden.

"Kernkraft ist nicht vollständig beherrschbar und auch nicht konstant verfügbar", resümiert Studienautor Ben Wealer. "Wegen langer, geplanter und ungeplanter Ausfallzeiten sind Backup-Kapazitäten notwendig. Damit ist Kernkraft als Energielieferant auch aus ökonomischer Sicht nicht zukunftsträchtig."

Für Atomenergie-Unfälle gebe es keine einheitliche Bewertungsskala, daher würden die Risiken dieser Art der Stromgewinnung oft unterschätzt, schreibt das Forschungsteam des DIW. Die technische und sozioökonomische Bewertung der Zwischenfälle sei inkonsistent, stattdessen sollten empirische Bewertungsmodelle eingesetzt werden.

In Frankreich seien seit den 1970er-Jahren mehr als 30 Prozent der Kapazitäten der Atomkraftwerke nicht genutzt worden. Auch in Deutschland seien immer wieder erhebliche Ausfallzeiten registriert worden, hier liege die Kapazitätsauslastung aber bei mehr als 70 Prozent und damit über dem weltweiten Durchschnitt von 66 Prozent. Die 16 Anfang 2011 in Deutschland noch aktiven AKW hatten im Durchschnitt über ihre Lebensdauer jährlich 1116 Ausfallstunden.

Derzeit liegt der Anteil der Atomkraft an der weltweiten Stromerzeugung bei rund 10 Prozent. Fast die Hälfte derzeit 52 AKW-Baustellen liegen in Asien, davon 15 in China. Energiesystemmodelle würden der Atomkraft vor allem wegen geringerer CO2-Emissionen zum Teil eine wachsende Bedeutung in der Zukunft beimessen. Diese Modelle vernachlässigten laut DIW aber die hohen Sicherheitsrisiken und die fluktuierende Fahrweise der Atomkraftwerke.

"Diese Aspekte sollten in der energiewirtschaftlichen Analyse aber konsequent berücksichtigt werden", fordert Energieökonomin und Studienautorin Claudia Kemfert. "Viele Energie- und Klimamodelle lassen außer Acht, dass die Risiken der Kernkraft seit jeher von der Gesellschaft getragen werden, da sie bis heute in keinem Land der Welt abgesehen von eher symbolischen Haftpflichtversicherungen der Kraftwerksbetreiber versicherbar sind."

Für Frankreich meinen die DIW-Forscher aufgezeigt zu haben, dass selbst geplante Ausfallzeiten ungewollte Schwankungen in der Stromerzeugung verursachen und Kernkraft somit die Grundlast nicht decken kann. Die französische Behörde für Atomsicherheit hat derweil längeren Laufzeiten für alte Atomkraftwerke des Landes nichts Grundsätzliches entgegenzusetzen. Wenn Konstruktionspläne aktualisiert, Sicherheitsvorkehrungen verbessert, Anlagen repariert und Komponenten ausgetauscht werden könnten AKW auch über die bisher veranschlagte Laufzeit von 40 Jahren weiter betrieben werden.

Sechs AKW sind noch in Deutschland in Betrieb (7 Bilder)

Seit März 1984 ist Block C des AKW im bayerischen Gundremmingen in Betrieb. Block A war von 1967 bis 1977 in Betrieb. Der 1984 ans Netz gegangene Block B wurde am 31. Dezember 2017 abgeschaltet, Block C – ebenfalls 1984 in Betrieb genommen – soll 2021 folgen. (Bild: kkw-gundremmingen.de)

Studien-Autor Wealer verweist zu dem Thema auf die USA, wo Reaktoren Laufzeitverlängerungen bis zu 60 Jahren, teilweise sogar 80 Jahren bekommen. Die Kraftwerke gingen aber dann trotzdem früher vom Netz, weil sie durch steigende Sicherheitsanforderungen und kürzere Wartungsintervalle unwirtschaftlich werden.

Christian von Hischhausen und Ben Wealer vom DIW zum Stand der Atomkraft.

Microsoft-Milliardär Bill Gates sieht in kleineren Ausgaben von Atomkraftwerken eine Möglichkeit, CO2-frei Strom zu gewinnen. Ihm widerspricht eine Studie im Auftrag der österreichischen Regierung, laut der Atomkraft als Energiequelle nicht erneuerbar sei und auch nicht zur Erreichung der Klimaziele beitragen könne.

(anw)