Zukunftsforschung: Möglich, wahrscheinlich, wünschbar

Täglich werden wir mit Prognosen überschüttet. Wie kommen die Aussagen zustand und warum stimmen sie manchmal haargenau, in anderen Fällen überhaupt nicht?

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(Bild: JINOLD/Shutterstock.com)

Von
  • Peter Ilg

Was auf den Plakaten der Schüler steht, ist deprimierend: "Wozu Bildung, wenn es keine Zukunft gibt?" Die jungen Demonstranten an einem Friday for Futures haben Angst, dass der Klimawandel ihnen die Zukunft raubt. Wie kommen sie darauf? Weil in einer Vielzahl unterschiedlicher Studien verschiedene Horrorszenarien dargestellt werden, wenn sich die Erde um 1, 2 oder 3 Grad pro Jahr erwärmt. Letztlich münden all diese Vorhersagen im Ende der Menschheit, daher die Perspektivlosigkeit der Plakatträger.

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Wie entstehen solche Prognosen, wer erstellt sie und was taugen sie? Darum geht es in diesem Artikel und nicht um die Frage, ob sich das Klima aufgrund umweltschädlichen Verhaltens der Menschen verändert. Das ist offensichtlich, dafür braucht es keine Wahrsager. Auch die haben in diesem Text keinen Platz, denn es kommen seriöse Zukunftsforscher zu Wort, die allesamt sagen: "Zukunft kann man nicht vorhersagen. Aber wir können Alternativen für denkbare Szenarien erstellen." Was das Forscher-Trio noch eint, ist eine Abneigung gegen Zukunftsforschung, die Meinung macht, um Interessen zu dienen. Das ist kommerzielle Stimmungsmache. Genauso verachten sie Schwarzmalerei, die Menschen Angst macht. Zukunftsforschung hat Hochkonjunktur, denn je unsicher die Zeiten sind, umso größer ist der Bedarf nach zukunftsleitendem Wissen.

An der Freien Universität Berlin gibt es seit 2010 den deutschlandweit einzigartigen Masterstudiengang Zukunftsforschung, den pro Jahr zwischen 20 und 25 Absolventen abschließen. Professor Dr. Gerhard de Haan ist der wissenschaftliche Leiter dieses Studienfachs. "Häufig haben unsere Studenten vorher einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften oder in Richtung Kommunikation gemacht, ansonsten sind alle nur denkbaren Absolventen eines Studiums plus Berufserfahrung darunter", sagt de Haan. Vom Juristen über Tiermediziner bis hin zu einem technischen Abschluss. Diese Vielfalt ist gut, denn Zukunftsforschung braucht unterschiedliches Fachwissen.

Die Studenten lernen Szenarien zu entwickeln, diese intensiv am Computer zu modellieren. Sie simulieren wirtschaftliche Entwicklungen oder – wie am Institut von de Haan – suchen sie Antworten auf die Frage, ob sich die Elektromobilität durchsetzen kann. "Ja, wenn zum Beispiel Busspuren für Elektroautos freigegeben werden", sagt der Professor. Freie Fahrt für E-Autos als Bonus: mit der Technologie hat das gar nichts zu tun, sondern mit menschlichem Verhalten aufgrund einer Veränderung.

Langzeitstudien, Trenderhebung, Strategieberatung sind typische Aufgaben von Absolventen des Studiengangs. "Viele erstellen Wirtschafts- und Technologieprognosen für Forschungseinrichtungen, Behörden oder Unternehmen wie Evonik oder VW", sagt de Haan. Der Bedarf nach Antworten auf Fragen der Zukunft ist groß, die Berufsaussichten der Absolventen daher gut.

Ingmar Mundt hat einen Bachelor in Volkswirtschaftslehre, zudem zwei Master. Einen in Soziologie, den anderen in Zukunftsforschung. Sein Studium in Berlin hat er vor sechs Jahren abgeschlossen. Zurzeit promoviert er an der Universität Passau über die Auswirkungen der Digitalisierung in unserer Gesellschaft. Ein typisches Zukunftsthema unserer Tage. "Eigentlich würde ich mit meiner Ausbildung gut in die großen Wirtschaftsinstitute passen. Mir ist aber der sozialwissenschaftliche Blick auf die Zukunft lieber, weil fundierter", sagt Mundt.

Forschungsinstitute erstellen Zukunftsszenarien Mithilfe klassische Prognostik: Aufgrund mathematischer und statistischer Methoden wird in die Zukunft projiziert, etwa für Rohstoffmärkte. "Das hat seine Funktion, man wundert sich aber, dass solche Prognosen oft danebenliegen", sagt Mundt. Denn um Rohstoffmärkte mathematisch berechnen zu können, müssen die beeinflussenden Parameter so stark vereinfacht werden, dass ein Szenario überhaupt berechnet werden kann. "Dabei geht viel an Komplexität verloren", sagt Mundt. Deshalb treffen Prognosen häufig nicht zu.

Sozialwissenschaftler wollen die Zukunft nicht vorhersagen, sondern verstehen, was macht es mit den Menschen, wenn sie mit ungewisser Zukunft konfrontiert werden. Möglicherweise führt das zu einer Verhaltensänderung in Bezug auf den Klimaschutz. Wissenschaftliche Zukunftsforschung braucht die Prognostik als quantitative Trendberechnung, um daraus Schlüsse zu ziehen. "Wo die klassische Prognostik aufhört, fängt die sozialwissenschaftliche Zukunftsforschung an", sagt Mundt. Forscher wie er erarbeiten, welche Entwicklungen wahrscheinlich sind. Ihr Ergebnis sind Alternativen, nicht eine Zahl, die letztendlich stimmen kann, das häufig aber nicht tut.

Daten und Fakten sammeln, breit suchen in unterschiedlichen Disziplinen und daraus ein konsistentes Bild ableiten, so arbeiten Zukunftsforscher. Ingo Kollosche ist Soziologe und hat zehn Jahre bei Daimler Zukunftsforschung betrieben. Seit einigen Jahren arbeitet er am Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung IZT in Berlin als Forschungsleiter Zukunftsforschung. Das IZT ist eine gemeinnützige Einrichtung, in der es um Nachhaltigkeit im weitesten Sinne geht. Überwiegend machen die rund 45 Mitarbeiter Auftragsforschung für Ministerien, Länder, Städte. Alles anwendungsbezogen, lokal oder europäisch. Zukunftsforschung ist oft Teil der Projekte.

"In der Zukunftsforschung arbeiten wir mit empirischer Sozialforschung", sagt Kollosche. Experten und Laien werden befragt, online Umfragen gemacht, also klassisch Daten erhoben. Anschließend werden spezifische Instrumente der Zukunftsforschung angewandt. Für Trendanalysen werden Wandel beobachtet, für Szenarien große Zukunftsbilder entwickelt. "Das dauert Monate und führt zu komplexen Ergebnissen, die allerdings keine eindeutigen Lösungen sind", sagt Kollosche. Etwa die Zukunft der Mobilität. "Wir behaupten nicht, wie etwas wird, sondern zeigen Alternativen auf, wie sich etwas entwickeln könnte", so Kollosche.

Alternativen sind das Merkmal seriöser Zukunftsforschung. Wahrscheinlichkeiten deren Gift. "Annahmen machen ein Szenario manipulativ", sagt Kollosche. So gibt es wünschbare, wahrscheinliche und mögliche Ergebnisse. Am besten man erkundigt sich, wer der Auftraggeber ist. Das hilft viel bei einem Urteil über den Wert einer Studie.

Selbst beim Klimawandel wird stets von Wahrscheinlichkeiten ausgegangen. "In den meisten Betrachtungen wurde aber das Auftauen des Permafrosts erst jüngst in seiner Bedeutung erkannt", sagt Professor de Haan. Das im Dauerfrostboden gespeicherte Methan und Kohlendioxid kann die Erderwärmung deutlich verstärken. Dieses Beispiel zeigt: Prognosen haben ihre Schwachstellen. Manches wird nicht berücksichtigt, oder man verschätzt sich einfach in Bezug auf die Bedeutung relevanter Einflussfaktoren.

(axk)