"Zum Glück bisher nichts passiert": Interne Kritik an Raumfahrtfirma Blue Origin

Angestellte der Weltraumfirma Blue Origin von Jeff Bezos beschreiben die dort herrschende Atmosphäre mit drastischen Worten. Die Raumkapsel sei nicht sicher.

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Jeff Bezos nach seinem Weltraumflug

(Bild: Blue Origin)

Von
  • Martin Holland

Bei dem Raumfahrtunternehmen Blue Origin von Amazon-Gründer Jeff Bezos wird Sexismus ignoriert, gilt der Klimaschutz wenig und werden vor allem Sicherheitsbedenken beiseite geschoben. Das kritisiert mit harschen Worten eine Gruppe von fast ausschließlich anonymen Angestellten und Ex-Angestellten nun in einem offenen Brief. Viele der Autoren und Autorinnen würden demnach nicht mit der Raumkapsel des Unternehmens fliegen, eine Person wird mit der Aussage zitiert: "Blue Origin hat Glück, dass bisher nichts passiert ist." Sollte die Kultur bei Blue Origin ein Beispiel dafür sein, welche Zukunft Bezos anstrebe, dann sei man in eine Richtung unterwegs, "die das schlimmste der Welt widerspiegelt, in der wir Leben". Ein Richtungswechsel sei dringend nötig.

Hinter dem auf Lioness.co veröffentlichten offenen Brief stehen laut eigener Aussage 21 aktuelle und ehemalige Angestellte von Blue Origin. Namentlich genannt wird lediglich Alexandra Abrams, die bei dem Unternehmen bis 2019 für die Mitarbeiterkommunikation zuständig war. Alle bezeichnen sich als Raumfahrtenthusiasten, aber die Arbeit bei Blue Origin hat sie demnach teilweise massiv desillusioniert. Eine Verantwortliche mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Luftfahrtindustrie spricht von der "schlimmsten Erfahrung ihres Lebens". Andere hätten Suizidgedanken gehabt, nachdem ihre Leidenschaft für den Weltraum in einer derart "toxischen Umgebung" manipuliert worden sei. Teilweise hätten die Autorinnen und Autoren menschenunwürdige Erlebnisse gehabt.

Zu den problematischsten Punkten der Unternehmenskultur von Blue Origin gehört sicher die beschriebene Fixierung auf den ersten Weltraumflug von Unternehmenschef Jeff Bezos. Eine der am häufigsten gestellten Fragen bei Besprechungen in der Führungsebene sei gewesen: "Wann fliegt Elon [Musk] oder [Richard] Branson?" Der Wettlauf mit anderen Milliardären scheine wichtiger gewesen zu sein, als Sicherheitsbedenken, die zu Verzögerungen hätten führen können, heißt es. Angesichts der Personalstärke und der Ressourcen sei man in halsbrecherischem Tempo vorgegangen und habe die Sicherheit außer Acht gelassen. Die Verfasserinnen und Verfasser des Briefes fühlen sich an die Challenger-Katastrophe erinnert und einige würden nicht in der Raumkapsel von Blue Origin mitfliegen wollen.

Beschrieben wird in dem Brief darüber hinaus eine sexistische Unternehmenskultur, die von Verantwortlichen an der Unternehmensspitze aktiv gedeckt werde. Bei vielen gebe es eine klare Präferenz gegen Frauen, die sogar erniedrigt würden, wenn sie Bedenken zur hauseigenen Technik vorgebracht hätten. Darüber hinaus behaupte Blue Origin zwar öffentlich immer, an einer besseren Welt zu arbeiten, aber der Umgang mit Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen strafe das Lügen. So gebe es ihres Wissens nach keine konkreten Pläne, CO2-neutral zu werden oder den großen ökologischen Fußabdruck zu verkleinern.

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Die drastischen Formulierungen zur unzureichenden Sicherheit kommen nun nur wenige Tage vor dem nächsten geplanten Start und fallen in eine Zeit viel schlechter Presse für das Raumfahrtunternehmen. Das hatte sich vor allem mit dem Vorgehen gegen die Entscheidung der NASA, den Konkurrenten SpaceX mit der Entwicklung einer Mondlandefähre zu beauftragen, keine Freunde gemacht. Das in dem offenen Brief gezeichnete Bild eines Unternehmens mit vergifteter Arbeitsatmosphäre, das ganz auf die extravaganten Wünsche des Milliardärs Bezos ausgerichtet ist, dürfte nicht helfen. Blue Origin hat die Vorwürfe bereits zurückgewiesen und behauptet, Abrams sei nach Warnungen vor Verstößen gegen Exportkontrollen entlassen worden. Die Rakete "New Shepard ist das sicherste Weltraumfahrzeug, das je gebaut oder entwickelt wurde", heißt es noch.

(mho)