heise meets… Was haben Assistenzsysteme, Bots und digitale Zwillinge gemeinsam?

Schnittstellen zwischen Menschen und Maschine werden selbstverständlicher. Aber erst, wenn mein Smarthome das Badewasser einlässt, sind wir in der Zukunft.

Lesezeit: 5 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen
Von
  • Gisela Strnad

Im Gespräch mit Sascha Wolter, Experte für Schnittstellen zwischen Menschen und Maschine, sprechen wir über das aktuelle und zukünftige Bild privater und beruflicher Assistenzsysteme. "Die Basis heutiger Systeme ist häufig Künstliche Intelligenz (KI), diese wird aber oft über und unterschätzt. Denn KI ist nicht wirklich intelligent. Alles, was die Systeme können, ähnelt in Fällen Wenn-Dann-Regeln", bemerkt Wolter.

heise meets... Der Entscheider-Podcast

heise meets.... Der Entscheider-Talk – von Entscheidern für Entscheider – immer aktuell und nah am Geschehen. Sie können uns auf allen Podcast Kanälen hören. Wählen Sie Ihren Kanal aus.

Die KI hilft dabei, dass wir anstelle von tausenden von Regeln mit einigen wenigen Beispielen auskommen. Die Maschine übernimmt dann auf Basis dieser Beispiele das Training der Regeln in einer Art Blackbox. Diese Blackbox muss aber beobachtet werden, um ethische und moralische Standpunkte zu berücksichtigen, die die Maschine selbst noch nicht erkennen kann. Das Ergebnis ist dann zum Beispiel ein System wie Alexa oder die Navigation im Auto. Insbesondere im Zusammenhang mit Sprache ist KI hilfreich. Solche sprachbasierten Systeme reduzieren Barrieren und erlauben dem Nutzer nebenläufige Aufgaben parallel zu erledigen.

Bislang werden jedoch die Gemütslagen, Ironie oder Emotionen des Nutzers noch nicht erkannt. "Der nächste Schritt ist, dass sich die Schnittstellen noch intuitiver verhalten, und so für uns noch natürlicher anfühlen", meint Wolter. Eine Voraussetzung dafür ist, dass die Maschine sich Zusammenhänge merken kann und sich die Antworten selbst erschließt.

Sascha Wolter

In den vergangenen Jahren ist das Thema Smarthome schleppend gestartet, jetzt nehmen die Geräte mehr und mehr Einzug in den Haushalt. Die Systeme sind zugänglicher geworden und durch den Preisverfall lohnt sich die Investition immer mehr. Was früher mühevoll über eine Handysteuerung erledigt werden musste, kann heute über den Google Assistant oder Amazon Alexa intuitiv erfolgen. Dadurch haben die Systeme einen merklichen Komfortgewinn erfahren. "Durch KI kann ich es mein Zuhause zwar einfach steuern, aber warum weiß das System noch nicht von allein, dass immer, wenn ich nach Hause komme, automatisch das Badewasser eingelassen werden soll. Hier stehen wir noch am Anfang und wirklich intelligent sind die Systeme noch nicht", sagt Sascha.

Bots und Chatboots unterscheiden sich technisch nicht von Assistenzsysteme im Smarthome. Ich drücke auf einen Knopf und es passiert etwas, das kann zum Beispiel sprachlich über eine "Speech-to-Text-Schnittstelle" durchgeführt werden. Das gesprochene Wort wird in Schrift umgewandelt und für die Antwort alles wieder rückwärts.

Bei der Kommunikation mit einem Chatbot ist es zwingend erforderlich, dass der Mensch weiß, dass er mit einem Chatbot, also einer Maschine kommuniziert. Der Nutzer muss die Chance haben, sich darauf einzustellen, auch in der Gesprächsführung. "Die Maschine hat bislang noch keine menschlichen Qualitäten bei der Gesprächsführung, und ob und in welcher Form das jemals kommen könnte, steht in den Sternen", stellt Sascha fest.

Kommen wir zum Thema digitaler Zwilling. Der ermöglicht Analoges in eine digitale Welt zu bringen und darüber zum Beispiel Simulationen ablaufen zu lassen. Diese kann eine Maschine, eine Werkshalle, ein Bahnhof oder ein Zug sein. "Der digitale Zwilling oder Digital Twin ist in erster Linie eine Denkweise, das sogenannte Twin-Thinking, kurz Twinking, bei dem ich ein Projekt von mehreren Seiten betrachten kann", erläutert Sascha Wolter. Ich baue ein virtuelles Spiegelbild, an dem mit realen Daten simuliert oder modelliert werden. "Vielleicht schaffen wir es damit auch, dass schlechte analoge Prozesse, nicht in schlechte digitale Prozesse umwandeln werden. Denn das Twinking erlaubt uns dank dieser Abstraktion mutige neue Sichtweisen und Umsetzungsideen", wünscht sich Wolter. Am digitalen Abbild kann schließlich nichts kaputt gemacht werden.

Der gemeinsame Aufhänger dieser ganzen Themen ist sicherlich die KI, die uns hilft, ein komplexes Regelwerk zu vereinfachen. Perspektivisch könnten die Systeme in der Zukunft selbst erkennen, wo die Bedürfnisse der Nutzer und Nutzerinnen liegen. "Der digitale Zwilling hilft uns als Denkweise dabei, die Art und Weise darzustellen. Und der Bot ist letztendlich ein User Interface, über das wir kommunizieren. Doch wohin die Entwicklung in den nächsten Jahren gehen wird, ist ungewiss. Gewiss ist aber, dass wir Schnittstellen und Interfaces wie Mouse. Touchscreen, grafische Schnittstellen und so weiter nicht mehr isoliert betrachten dürfen", stellt Sascha Wolter fest.

Die zukünftige Aufgabe wird sein, wie wir alles im Sinne der Anwender und Anwenderinnen zusammenfügen und beispielsweise Gesten und Sprache miteinander kombinieren. So, wie ein Mensch natürlich agieren würde. Einfach nur hinzeigen und sprechen "kannst Du das bitte einschalten". In naher Zukunft sollte alles multimodal und ganzheitlich sein.

Wer mehr zum Thema "Voice- und Chatbots im Unternehmensumfeld" erfahren möchte, findet einen Videokurs mit Sascha Wolter bei der heise Academy.

Am 09. August 2022 erscheint außerdem "Smart Home: Heizkosten und Energie sparen mit Smart Home-Technik" – und bereits jetzt erhältlich ist c't – Energie-Tipps.

(mho)