openSUSE Leap 15.3: SLE-Kompatibilität, Podman & vorsichtige Software-Updates

Leap 15.3 bietet volle Kompatibilität zu SUSE Linux Enterprise 15 und neue Features für den Betrieb von Containern. Zum Teil etwas altbacken wirkt die Software.

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Nicht nur beim KDE-Plasma-Desktop zeigt sich: openSUSE Leap richtet sich nicht an Bleeding-Edge-Freunde, sondern an Admins, die sich Stabilität wünschen.

(Bild: Screenshot)

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Von
  • Martin Gerhard Loschwitz

Nach knapp einem Jahr Entwicklungszeit hat das openSUSE-Projekt eine neue Version seiner stabilen Linux-Distribution openSUSE Leap vorgestellt. Die meisten Neuerungen lassen sich drei Teilbereichen zuordnen: der Kompatibilität zum SUSE Linux Enterprise (SLE), dem Betrieb von Containern und dem Themenbereich Künstliche Intelligenz.

Keine großen Sprünge macht openSUSE Leap 15.3 bis auf wenige Ausnahmen in puncto mitgelieferter Software. Allerdings richtet sich die neue Version als LTS-Version (Long Term Support, Langzeitunterstützung) auch eher an Desktop-Anwender und Server-Betreiber, denen stabile Software typischerweise wichtiger sein dürfte als die neuesten Features.

Bis dato war openSUSE Leap eine Mischung aus SUSE Linux Enterprise (SLE) und einer Vielzahl zusätzlicher Pakete aus anderen Quellen. Mit Leap 15.3 ändert sich das: Alle Basispakete stammen nun unmittelbar aus den Paketquellen für SLE. Vereinfacht ausgedrückt wird Leap zu einem freien Pendant zu SUSE Linux Enterprise Server (SLES) und der Desktop-Variante (SLED) ohne kommerziellen Support. Wird (kostenpflichtiger) Support gewünscht, ist ein Umstieg auf SLE nötig.

Mit der starken Annäherung von Leap an sein kommerzielles Vorbild geht SUSE den diametral entgegengesetzten Weg zur Strategie des Rivalen Red Hat: Während dieser den Klon seines Server-Produktes, CentOS, vor einiger Zeit in einen "Vorboten" für das jeweils kommende Red Hat Enterprise Linux umgewandelt (und damit eher degradiert) hat, wertet SUSE sein Desktop-Produkt für Server-Dienste auf und bietet dafür volle Unterstützung.

Die Installer von openSUSE und SLE ähneln sich nun stark – ebenso wie das am Ende installierte System. SLE-Updates kann man schon während des initialen Setups mit YaST aktivieren.

(Bild: Screenshot)

openSUSE Leap 15.3 bringt alle Komponenten mit, um Container ohne zusätzliche Werkzeuge zu betreiben. Die Container-Verwaltung Podman liegt der Distribution in Version 2.1.1 bei. Sie kommt standardmäßig im "rootless"-Modus, so dass Container keine Root-Berechtigungen besitzen. Das wiederum macht den Betrieb in openSUSE Leap 15.3 "ab Werk" sehr sicher. Die Installation einer zusätzlichen Lösung – in der Vergangenheit kam üblicherweise Docker in der Community-Edition zur Anwendung – entfällt. Die Podman-Version in openSUSE Leap ist nun zudem identisch mit der in SUSE Linux Enterprise Server. Admins können entsprechend davon ausgehen, dass sich Container, die auf einem openSUSE-System mit Podman gebaut wurden, auch reibungslos auf SLE-Maschinen betreiben lassen.

Mit zum Lieferumfang gehört in der neuen openSUSE-Version auch CRI-O 1.17.3. CRI-O ist die Software-seitige Implementierung der Laufzeitschnittstelle für Container, die Kubelet erwartet – also der Kubernetes-Agent auf Hosts, auf denen dieser Container betreiben soll. Ein Host mit openSUSE Leap 15.3 lässt sich damit durch Installation der "Kubelet"-Komponente sehr leicht in einen Compute-Knoten für Kubernetes verwandeln. In aktuellen Versionen liegen dem System außerdem Containerd zur Steuerung von Containern auf lokaler Ebene sowie kubeadm, das schnell einen Kubernetes-Cluster nach Best Practices aufsetzt, bei.

Die Binärkompatibilität zu SLE in Kombination mit den verbesserten Container-Features dürfte manchem Admin interessante Optionen eröffnen. Wer ausschließlich Kubernetes fährt, hat mit der neuen openSUSE-Version nun die Möglichkeit, einen Proof-of-Concept eines Enterprise-Setups unter realen Bedingungen zu bauen und später über den Umweg von SUSE in den produktiven Betrieb zu übernehmen.

Selbst für die Maßstäbe eines LTS-Desktops bringt openSUSE Leap 15.3 zum Teil wirklich alte Komponenten und Software mit. Aus SLE 15.3 Service Pack 3 erbt die Distribution etwa den Linux-Kernel 5.3.18. Linux 5.3 gab Linus Torvalds bereits im September 2019 frei. Zwar betont SUSE, den Kernel – wie bei LTS-Systemen üblich – um eine Vielzahl von zurückportierten Patches aus späteren Kernels angereichert zu haben. So enthält der Kernel für Leap 15.3 etwa die nötigen Patches, um die Distribution auf Raspberry-Pi-4-Computern zu betreiben. Gerade auf besonders aktueller Hardware dürfte der ältere Kernel aber nichtsdestotrotz Schwierigkeiten bereiten.

Als KDE-Desktop liegt Leap 15.3 KDE Plasma 5.18 bei, das seinerseits ebenfalls ein LTS-Release ist und auch schon wieder anderthalb Jahre auf dem Buckel hat. Anstelle des aktuellen Gnome 40 ist Gnome 3.34 von Ende 2019 dabei. Zumindest Xfce 4.16 zeigt sich auf der Höhe der Zeit.

Für "normale" Desktop-Anwender umfasst openSUSE Leap 15.3 vor allem Modellpflege. Gängige Anwendungen wie Firefox, Thunderbird oder VLC wurden aktualisiert – auch wenn die enge Bindung an SLE 15 hier erneut dafür sorgt, dass einige der "neuen" Programme schon wieder ziemlich alt aussehen. Zahlreiche Werkzeuge für spezielle Einsatzzwecke wie Kdenlive, ImageMagick oder Blender haben die Entwickler ebenfalls eher behutsam modernisiert. Sie schließen nicht aus, aktuellere Desktop- und Software-Versionen im Rahmen eines Service-Releases nachzuliefern.

Ein Kernaspekt bei der Entwicklung von Leap 15.3 war offensichtlich die künstliche Intelligenz – denn aus diesem Bereich hat es Software in Versionen im Gepäck, die zwar nicht durchweg topaktuell, aber immerhin etwas mehr auf der Höhe der Zeit ist. Unter anderem mit dabei sind die Machine Learning-Frameworks TensorFlow und Pytorch sowie ONNX, das der Konstruktion neuronaler Netze dient. Zum sinnvollen Sammeln und Visualisieren der aus Machine Learning gewonnenen Informationen dienen in openSUSE Leap 15.3 Prometheus, Grafana und Loki.

Ebenfalls halbwegs aktuell sind die mit openSUSE Leap 15.3 mitgelieferten gängigen Entwicklungswerkzeuge und Skriptsprachen: Go kommt in Version 1.15, Python in Version 3.6 und PHP für LAMP-Setups in Version 7.4.6. Überdies finden Entwickler in der neuen Leap-Version ein paar spannende Funktionen. Der aufgebohrte Git-Server Pagure ist eine davon. Neben der Fähigkeit, Git-Verzeichnisse zu hosten, bietet er etwa auch die Möglichkeit, Zugriffsberechtigungen auf Git-Repositories anhand von ACLs zu verwalten. In den "master"-Branch eines Ordners darf dann nur ein Nutzer mit spezieller Berechtigung Code einchecken, eine Funktion, die Git selbst nicht anbietet. Trotzdem präsentiert sich Pagure deutlich leichtfüßiger als Alternativen wie etwa GitLab.

Unterm Strich ist openSUSE Leap 15.3 ein eher behutsames Update, das mit noch mehr direkter Kompatibilität zu SLE punktet. Große Versionssprünge macht das neue System nicht: Wer openSUSE 15.2 betreibt, braucht sich vor dem Update auf 15.3 nicht zu fürchten. Wer hingegen brandaktuelle Software will, ist mit der "Rolling-Release-Distribution"-Variante Tumbleweed wohl besser bedient.

Die neue Version steht auf den Servern des Projekts zum Download bereit. Eine Übersicht über alle Neuerungen liefern die Release-Notes zu openSUSE Leap 15.3 sowie die Feature-Übersicht.

Update 03.06.21, 10:50: Korrektur von Flüchtigkeitsfehlern & inhaltliche Verbesserung:

Ein Mitarbeiter des SUSE-Team wies uns darauf hin, dass der Satz: "Allerdings bietet SUSE Nutzern künftig die Möglichkeit an, Support für openSUSE Leap 15.3 zu kaufen" irreführend sei: Kostenpflichtigen Support gebe es weiterhin nur für SLE. Zumindest dürfte die Binärkompatibilität aber den Umstieg, sofern denn gewünscht, erleichtern. Wir haben den Text entsprechend angepasst.

(ovw)