rC3: Photovoltaik auf dem Dach "stabilisiert ökosuizidale Lebensweise"

Der Postwachstumsökonom Niko Paech sieht Deutschland keineswegs als "Musterschüler" der Energiewende. Das EEG werde verklärt, Ablasshandel betrieben.

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(Bild: CC by 4.0 rC3 media.ccc.de)

Von
  • Stefan Krempl

Der deutsche Ansatz, das Wirtschaftswachstum zu steigern und mit erneuerbaren Energien den CO2-Ausstoß zu senken, ist für den Siegener Volkswirt Niko Paech zum Scheitern verurteilt. Der technologische Fortschritt werde religiös überschätzt, Rebound-Effekte würden dagegen massiv unterschätzt, erklärte er am Dienstag auf dem remote Chaos Communication Congress (rC3).

Prinzipiell müsse hierzulande der Ausstoß pro Kopf und pro Jahr von 12 Tonnen CO2-Äquivalenten auf eine Tonne herunter, führte der Professor auf der digitalen Hackerkonferenz aus. Doch dabei hälfen das "ökologische Versteckspiel" und der damit verknüpfte moderne Ablasshandel nicht.

Die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach oder der Kauf "ökofairen Kaffees" stabilisieren laut Paech nur die "ökosuizidale Lebensweise", ohne aber wirklich etwas in Richtung Klimaschutz und Nachhaltigkeit zu verändern. Das etwa bei der Produktion von Strom zuhause eingesparte Geld werde meist doch nur "für schmutzigsten Konsum wieder ausgegeben".

Noch nie sei eine Technologie erfunden worden, die den ökologischen Schaden habe beseitigen können, ohne ihn nur zu verlagern, führte der Forscher aus. Auch Photovoltaik-Module und Windräder fielen nicht vom Himmel und lösten das Wachstumsproblem angesichts von Klimakrise, Artenschwund und begrenzten Ressourcen nicht.

Deutschland sei keineswegs ein Musterschüler im "grünen Wachstum". Die Bundesrepublik habe es zwar auf den ersten Blick geschafft, den Anteil der erneuerbaren Energien ständig zu steigern. 2019 seien aber gerade mal 15 Prozent an der gesamten Primärenergiemenge tatsächlich regenerativ erzeugt worden, wovon wiederum die Hälfte aus Biomasse stamme, die keine grüne CO2-Bilanz aufweise.

Zudem verharre Deutschland beim Endenergieverbrauch auf hohem Niveau und liege insgesamt als "Klimaschutz-Schmuddelkind" unter dem europäischen Durchschnitt bei grünen Energien. Zugleich wachse die Bruttostromerzeugung wegen der Digitalisierung, sagte Paech.

Die energieintensivsten Bestandteile der Produktionsketten würden ferner verlagert vor allem nach China und Indien. Das könne die eigene Rechnung aufhübschen, wobei es sich aber um "Fake News" handle. Auch das "verklärte" Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) habe wenig gebracht. So seien insbesondere die Übertragungsnetze und Speicherkapazitäten weit vom Niveau entfernt, das für einen starken Aufwuchs von Solar- und Windkraft nötig sei.

In der EEG-Bilanz wird aus Sicht des Wissenschaftlers auch der europäische Emissionshandel nicht hinreichend einbezogen. Ein Kraftwerksbetreiber, der CO2-Emissionen verringere und dafür gegebenenfalls noch Geld vom Staat kassiere, könne seine Zertifikate verkaufen. Ein anderer Versorger, der noch auf Kohle setze und äußerst ineffiziente Kraftwerke betreibe, erhalte diese günstig. So bleibe es bei einem Nullsummenspiel und weiteren Verlagerungen des CO2-Ausstoßes letztlich rund um die Welt.

Dies gelte auch für die "entgrenzte Produktion", fuhr Paech in seiner Abrechnung fort. Die Prozesse würden immer weiter zerlegt und dahin verschoben, wo die geringsten betriebswirtschaftlichen Kosten zu erwarten seien und es etwa keine Gewerkschaften gebe. So könne sich hierzulande zwar jeder ein Samsung Galaxy leisten. Der Preis dafür sei aber der Verlust von Autonomie und mangelnde Kontrolle über die Lieferkette.

Wie zuletzt die Corona-Pandemie gezeigt habe, könne diese gerade in Krisen schnell in sich zusammenstürzen. Damit sei auch eine "hohe soziale Fallhöhe erreicht". "Viren und CO2-Moleküle werfen uns zurück auf die Frage: Was ist der Preis für den technisierten Wohlstand?", unterstrich der Anhänger der Postwachstumsökonomie.

Lösungswege hat Paech schon aufgezeigt: Die "globale industrielle Kette" solle geordnet auf 50 Prozent runtergefahren werden, parallel müsse die lokale Wirtschaft ausgebaut werden. Die Arbeitszeit solle auf 20 Stunden pro Woche sinken, um in der übrigen Zeit gemeinschaftlich eine Nebenökonomie aufzubauen sowie Gebrauchsgüter vom Auto bis zur Waschmaschine zu teilen und etwa Smartphones, Drucker sowie Computer zu reparieren.

Damit einhergehen müsse ein kultureller Wandel, um den bisherigen Teufelskreis zu durchbrechen, meint Paech. Gefragt seien Prosumenten, handwerkliche Kompetenzen sowie neue soziale Netze und Bewegungen. Damit tue der Einzelne viel für die Gesundheit und die "Selbstwirksamkeit", während sich parallel die gesellschaftliche Resilienz und Krisenstabilität erhöhe.

(cwo)