1,4 Millionen Deutsche wollen weniger arbeiten

Insbesondere Führungskräfte und Selbständige arbeiten länger als der Durchschnitt. 2,2 Millionen würden aber gerne mehr arbeiten.

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(Bild: And-One / shutterstock.com)

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Über drei Millionen Deutsche sind mit ihren Arbeitszeiten unzufrieden. Mehr als 1,4 Millionen Beschäftigte würde sogar einen Gehaltsverzicht hinnehmen, um mehr Freizeit zu haben. Noch größer ist jedoch die Zahl der Unterbeschäftigten: 2,2 Millionen Deutsche würden gerne ihre Arbeitszeit erhöhen. Dies geht aus neuen Zahlen für das Jahr 2018 vor, die das Bundesamt für Statistik nun vorgelegt hat.

Im Schnitt arbeiten die 41,7 Millionen Erwerbstätigen pro Woche 35,4 Stunden. Zählt man nur Vollzeit-Stellen, sind es sogar 41,4 Wochenstunden. Es gibt aber deutliche Ungleichgewichte: So arbeiten 9,1 Millionen Frauen nur auf Teilzeit-Stellen, aber nur 2,5 Millionen Männer. Für große Unzufriedenheit sorgt dabei die sogenannte "unfreiwillige Teilzeitarbeit". Das heißt, dass die Beschäftigten zwar eine Vollzeitstelle antreten wollten, aber ihnen nur eine Teilzeitstelle angeboten wurde. Dieses Problem ist insbesondere in den Neuen Bundesländern verbreiteter.

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Dank der großen Nachfrage nach Arbeitskräften hat sich die statistische Unterbeschäftigung in den vergangenen Jahren aber deutlich reduziert. Vor zwei Jahren wollten noch hochgerechnet 400.000 Arbeitskräfte mehr ihre Stundenzahl erhöhen. Vor zehn Jahren verzeichneten die Statistiker im Zuge der Weltwirtschaftskrise 4,2 Millionen Unterbeschäftigte in Deutschland. Gezählt wurden hier nur Arbeitnehmer, die eine solche Stelle auch kurzfristig antreten konnten und nicht durch andere Aufgaben wie die Versorgung von Kindern oder kranken Angehörigen von einer Vollzeitstelle abgehalten würden.

Das Problem der Überbeschäftigung hat im Gegensatz dazu in den vergangenen Jahren sogar zugenommen. Im Vergleich zu den Zahlen von 2016 würden 200.000 Arbeitnehmer mehr kürzertreten, selbst wenn sie nicht mit einem Gehaltsausgleich rechnen können. Zwei Jahre vorher war es gar nur eine Million Beschäftigter.

Die Arbeitszeit selbst ist dabei nur ein Faktor. Die Überbeschäftigten in Vollzeit arbeiteten im Schnitt 43,4 Stunden pro Woche, die Unterbeschäftigten hingegen 40,1 Stunden. Die goldene Mitte gibt es nicht: So wollen die Überbeschäftigten im Schnitt 11,2 Stunden weniger arbeiten, die Unterbeschäftigten hingegen 6,9 Stunden mehr. Am meisten Zustimmung findet aber eine 35-Stunden-Woche.

Ein offensichtlicher Grund für dieses scheinbare Missverhältnis ist die Bezahlung: Wer gut verdient, kann sich einen Gehaltsabstrich eher leisten, ohne auf Lebensqualität zu verzichten. Doch die Betriebsabläufe in vielen Unternehmen lassen dies kaum zu. So müssen insbesondere Führungskräfte im Schnitt länger arbeiten. Insgesamt 10 Prozent der Vollerwerbstätigen arbeitet 48 Stunden pro Woche und mehr. Am häufigsten jedoch verzeichnen Selbständige solche überlangen Arbeitszeiten: Hier ist knapp die Hälfte über 48 Stunden bei der Arbeit.

Auch Führungskräfte liegen bei den Arbeitszeiten weit oben. 31,3 Prozent von ihnen arbeiten gewöhnlich länger als 48 Stunden pro Woche. bei Arbeitnehmern ohne Führungsaufgaben liegt die Quote im Schnitt unter 9 Prozent. Solche Arbeitszeiten sind stark branchenabhängig. Bei Handwerkern beträgt die Quote unter 5 Prozent, bei Bürokräften und kaufmännischen Angestellten unter 4 Prozent.

Immerhin: Laut einer Befragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin konnten in den vergangenen Jahren viele Arbeitnehmer ihre stärkere Verhandlungsposition ausnutzen, um ihre Arbeitszeiten anzupassen. Von 2015 zu 2017 schafften es 42 Prozent der Beschäftigten mit einem Verkürzungswunsch tatsächlich auch, ihre Arbeitszeit zu reduzieren – allerdings meist nicht im gewünschten Umfang. Gründe sind neben den befürchteten Gehalts- und Renteneinbußen auch die Anforderungen im Job: Mit geringeren Arbeitszeiten seien die Aufgaben nicht zu schaffen.

Ein wesentlicher Grund für die Unzufriedenheit sind Überstunden. 31 Prozent der Befragten wären damit zufrieden, wenn sie tatsächlich nur so viel arbeiten müssten, wie es im Anstellungsvertrag vorgeschrieben ist. Inwieweit diese Überstunden vergütet wurde, wurde in der Befragung allerdings nicht erfasst.

Neben der Länge der Arbeitszeit ist auch die mangelnde Flexibilität ein Problem. Aktuell können nur 39 Prozent der Arbeitnehmer entscheiden, wann konkret sie am Arbeitsplatz entscheiden und wann sie sich auf den Heimweg machen. Die Flexibilität dafür ist bei Großbetrieben mit mehr als 500 Mitarbeitern deutlich höher als bei Kleinbetrieben. Lediglich bei der Planung von Arbeitspausen haben Beschäftigte in Deutschland im Wesentlichen den gewünschten Spielraum. (axk)