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10 Jahre Neumayer III in der Antarktis – Wie im Raumschiff auf Stelzen

Der südlichste deutsche Arbeitsplatz ist auch einer der kältesten. Besucher kommen nur selten. Nur ein tierischer Freund sorgt gelegentlich für Abwechslung.

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10 Jahre Neumayer III in der Antarktis – Wie im Raumschiff auf Stelzen

Die Windkraftanlage der Station.

(Bild: AWI / Thomas Steuer)

Eine öde Eiswüste ist das Ekström-Schelfeis im Südpolargebiet: In dieser endlosen weißen Landschaft wirkt das bunte Objekt am Horizont fast wie eine Fata Morgana. Das rot-weiß-blaue Gebilde ähnelt einem Raumschiff auf Stelzen, das auf dem Eis gelandet ist – die Rede ist von der Neumayer-Station III. Seit zehn Jahren ist sie der wichtigste Pfeiler in der deutschen Polarforschung – so wie schon zuvor die Vorgänger-Stationen Georg von Neumayer und Neumayer II.

Der Arzt Eberhard Kohlberg (71) hat in den vergangenen 30 Jahren auf allen drei Stationen gearbeitet und dort auch mehrere Winter verbracht. Dann herrschen dort Temperaturen bis minus 50 Grad, peitschende Winde und drei Monate totale Finsternis. In dieser Zeit ist das Team, bestehend aus einem Koch, einem Arzt, drei Ingenieuren und vier Technikern, von der Außenwelt nahezu abgeschnitten. "1981 gab es auf der ersten Georg-von-Neumayer-Station nur Funk und für Notfälle ein Satellitentelefon", erinnert sich Kohlberg.

Die weit auseinander liegenden Polarstationen von Deutschland, Großbritannien und Indien funkten sich bei Langeweile gerne an und tauschten Nachrichten aus. "Mit der DDR-Station war das aber schwierig, denn da saß ein linientreuer Politoffizier am Funkgerät", sagt Kohlberg. Das ändert sich 1989, als die von der Wende überraschten DDR-Forscher gesprächiger werden: Sie wollen von den westdeutschen Kollegen wissen, was zuhause bei ihnen los ist. Später werden die ostdeutschen Überwinterer vom Forschungseisbrecher "Polarstern" abgeholt und kehren nach Monaten in ihr völlig verändertes Land zurück.

Moderne Kommunikation wie Internet und E-Mails bekommt 1992 der doppelt so große Neubau Neumayer II. Er ist wie die Vorgängerstation eine Röhrenkonstruktion: In zwei 90 Meter langen Tunneln sind Wohncontainer, Labore, Krankenstation und Werkstätten untergebracht. Weil sich ständig neue Schneeschichten bilden, versinkt die Anlage immer weiter unter der Oberfläche. Sie wird im Laufe der Jahre durch Eisgewicht und -bewegung stark verbogen und schließlich unbewohnbar.

Eine völlig neue Konstruktion soll schließlich der Neumayer-Station III eine längere Lebensdauer als ihren beiden Vorgängern bescheren. Die Station geht am 20. Februar 2009 nach sieben Monaten Bauzeit offiziell in Betrieb. Das Gebäude ruht auf 16 Stelzen. Einmal im Jahr werden die Fußplatten der Stelzen nacheinander hydraulisch bis zu zwei Meter angehoben und dichter Schnee darunter gepackt. Die Stelzen fahren anschließend gemeinsam die Station hydraulisch nach oben. So wächst sie mit der Schneedecke in die Höhe.

"Das funktioniert und hat sich in zehn Jahren bewährt", sagt der damalige Projektleiter Saad El Naggar vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI). Moderne Dieselaggregate und ein Windrad sorgen für Strom, aus der früher schmalen Internetverbindung ist eine leistungsstarke Satelliten-Standleitung geworden. Mindestens bis 2035 soll die bisher größte und komfortabelste deutsche Antarktis-Station im Einsatz bleiben, "vielleicht auch länger", glaubt El Naggar. Das Verfallsdatum setzt letztlich die Natur.

10 Jahre Neumayer III (32 Bilder)

Die Basis für die deutsche Antarktisforschung wurde 2009 in Betrieb genommen.
(Bild: AWI)

Anders als die früheren Stationen, die wie U-Boote unter dem Eis lagen, kann die überirdische Stelzenkonstruktion zwar nicht zerdrückt werden. Das Schelfeis aber, das den antarktischen Kontinent größtenteils bedeckt, fließt an dieser Stelle täglich bis zu 40 Zentimeter Richtung Küste: Irgendwann wird der Untergrund der Station als Eisberg abbrechen und durch das Südpolarmeer treiben.

"Bevor das in mehr als 100 Jahren passiert, kann Neumayer III jedoch komplett abgebaut werden", versichert El Naggar. Die Station auf Stelzen hat aber noch weitere Vorteile: Erstmals gibt es jetzt große Panoramafenster für einen weiten Blick auf die weiße Schneewüste draußen. Dort sind gelegentlich auch Pinguine zu beobachten – die einzigen dauerhaften Bewohner in dieser sonst menschenfeindlichen Umgebung.

(anw)