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100 Jahre Frequenzregulierung

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Mit einem Festakt hat die internationale Fernmeldeunion (ITU) am heutigen Montag der Berliner Radiotelegraphie-Konferenz gedacht, auf der der "Funkentelegraphievertrag" entstand. Auf dieser zweiten internationalen Konferenz, die am 3. November 1906 zu Ende ging, unterzeichneten 27 seefahrende Staaten ein Abkommen, das heute noch als richtungsweisend gilt. Die Staaten verpflichteten sich, den damals gerade im Aufbau begriffenen Funkverkehr unabhängig von den Eignerinteressen der Funknetze durchzuführen. Außerdem wurde erstmals mit der Festlegung von 500 kHz für den Seenotruf beim Schiffsfunk das Frequenzband reguliert. Heute reguliert die ITU im Bereich von 9 kHz bis 400 GHz über 40 verschiedene Funksysteme und bewirtschaftet das Frequenzspektrum für etwa 2 Millionen Dienste.

Unmittelbarer Anlass für die Berliner Konferenz war die rasante Ausbreitung der drahtlosen Telegraphie. Als nichtmilitärische Anwendung wurde die militärisch im Burenkrieg von 1898 entwickelte Telegraphie vor allem in der Schifffahrt ab 1901 eingesetzt. Gab es 1902 gerade 70 große Handelsschiffe mit Funkausrüstung, die mit 25 Küstenstationen kommunizieren konnten, waren 1907 alle Schiffe im Transatlantikdienst mit Funk ausgestattet. Dazu gab es ein dichtes Netz von Küstenstationen. Ökonomisch hatte in diesem Netz die Firma des britisch-italienischen Erfinders Guglielmo Marconi ein Monopol, entstanden aus einer engen Kooperation von Marconi mit dem englischen Staat, der ein schnelles Commonwealth-Kommunikationssystem suchte. Marconi war es, dem 1900 die erste transatlantische Funkverbindung gelang, auch wenn damals nur ein "S" gesendet werden konnte. Er entwickelte ein Geschäftsmodell, bei dem die Funkstationen an Schiffe vermietet, nicht verkauft wurden; Marconi-Funkern kamen beim Betrieb zum Einsatz, die "Marconigramme" verschickten. In seinen Verträgen mit den Schifffahrtsversicherungen, die die Anlagen installieren ließen (die Reeder hatten zunächst kaum Interesse), untersagte Marconi die Übermittlung von Nachrichten, die mit Funkausrüstungen der Konkurrenz verschickt wurden. Eine Reihe von Vorfällen, bei denen in Seenot geratene Schiffe ihr SOS nicht verbreiten konnten, weil Marconi-Funker die Übermittlung verweigerten, führten zur Konferenz im Berliner Reichstag vor 100 Jahren, an der 29 Staaten teilnahmen, und einer Folgekonferenz im Jahre 1908.

Das wichtigste Ergebnis der Verhandlungen war, dass alle Seefunkstationen und Schiffe verpflichtet wurden, ungeachtet der Fabrikate der Einrichtungen Nachrichten zu und von Schiffen gegen Gebühr zu übermitteln; Notrufe wurden gebührenfrei. Als im Jahre 1912 die Titanic verunglückte, gab es auf Basis dieser Vereinbarungen zumindest funktechnisch keine Probleme. Das 1906 festgelegte Prinzip wurde bei der Einführung der Sprachtelefonie wieder aufgegriffen: Damals wollten Firmen Verträge durchsetzen, die das Telefonieren nur zwischen Telefonen der gleichen Marke erlaubten. In direkter Nachfolge gilt die Regelung bis in das Internet-Zeitalter, in dem Komponenten der unterschiedlichsten Firmen miteinander kommunizieren. Unter Verweis auf den Berliner Vertrag wurde beispielsweise ein Versuch der damals gerade gegründeten Firma Cisco abgeschmettert, die mit Verträgen erreichen wollte, dass ihre Router keine Datenpakete der Konkurrenz transportieren dürfen.

Das zweite Ergebnis der Berliner Konferenz war die Festlegung des See-Telegraphie auf eine bestimmte Frequenz. Mit dem Seenotruf und der Reservierung des Spektrums von 500 bis 1000 kHz für den Seefunk, von 150 bis 188 kHz für die Küstenstationen und 188 bis 500 kHz für militärische Anwendungen begann die Bewirtschaftung des Frequenzspektrums. Sie gilt heute als wichtigste Aufgabe der ITU, die darum als eine Behörde der Vereinten Nationen gilt. Als Folge dieser Bewirtschaftung wurden experimentierfreudige Techniker in den Kurzwellenbereich abgedrängt, in dem 1914 zum ersten Mal der Amateurfunk im Relaisbetrieb aufgenommen wurde, gewissermaßen ein früher Vorläufer der Freifunk-Bewegung.

In ihren Festreden zum 100. Geburtstag des Berliner Vertrages betonten darum die ITU-Verantwortlichen die Bedeutung der Frequenzbewirtschaftung für die moderne mobile Kommunikation. ITU-Präsident Valery Timofjev erklärte, dass moderne Funksysteme die Brücke bildeten, über die der digitale Graben zwischen Erster, Zweiter und Dritter Welt überwunden werden könne. Gerhard Geier, Vizepräsident der 1933 gegründeten Firma Rohde & Schwarz, beschäftigte sich mit der Bedeutung von Messegeräten für die Techniker bei gleichzeitiger "Unwissenheit" der Anwender bezüglich WLAN, Wimax oder Triband-Telefonen: "In der modernen mobilen Welt des Always-On müssen die Menschen nicht mehr darüber grübeln, welche Frequenzen sie wann mit welchem Gerät benutzen." Scott Wickware, Vizepräsident der 1895 gegründeten kanadischen Firma Nortel, gab einen Überblick, der die Nortel-Technik von 1900 bis heute zum Thema hatte. Das, was 1906 begonnen wurde, stelle die Grundlage für die heutige Kommunikationstechnik in einer Welt, in der der "drahtlose Pulsschlag" das Leben bestimme. (Detlef Borchers) / (jk)

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