Zahlen, bitte! 110/112 – die Nummern für eine schnelle Rettung

110/112 stehen bundesweit für schnelle Hilfe. Die Verbreitung ist der Björn Steiger Stiftung zu verdanken. Deren Gründung hat einen tragischen Hintergrund.

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Beep! Beep! Beep! - Der Alarmempfänger piept. Früh morgens. Ich werde wach und blicke auf das LCD-Display. Ein Einsatz! Verkehrsunfall mit mehreren Insassen. Ich ziehe mich schnell an. Noch ehe ich mich versehe befinde ich mich im Auto auf dem Weg ins Feuerwehrhaus. Ich fahre konzentriert, um flott – aber auch verkehrssicher – anzukommen.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Zu diesem Zeitpunkt haben bereits mehrere Kommunikationssysteme ineinander gegriffen; sie reichen von der Alarmierung durch den Telefon-Notruf 112 bis zur Alarmierung der entsprechenden Einsatzkräfte durch die Einsatzzentrale über den BOS-Funk (BOS = Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben), mit dem die Kommunikation und Koordinierung zwischen Einsatzleitstelle mit den Einsazkräften sichergestellt wird.

Im Jahr 1969 war eine solch effektive, bundesweit einheitliche Alarmierung noch undenkbar. Zwar war das Schema 110 für Polizei und 112 für Feuerwehr/Rettungsdienst seit mindestens 1948 bekannt und seit 1955 auch in einigen Großstädten geschaltet, aber es konkurrierte mit anderen Rufnummern wie 22222 und ähnlichen. Das führte dazu, dass von Bezirk zu Bezirk verschiedene Nummern gelten konnten. In der DDR sah es besser aus: Da galten die Nummern seit 1958 landesweit.

Wie die Notrufnummern war damals auch das Rettungswesen ein Flickenteppich. Die Errichtung eines Rettungssystems oblag den Ländern, die es auf verschiedene Rettungsdienste ohne jede Regelung delegierten. Anstatt miteinander wurde oftmals nebeneinander gearbeitet. Das führte zu paradoxen Auswirkungen: Wer in einer Großstadt tagsüber verunglückte, konnte durchaus erleben, dass er von zwei konkurrierenden Rettungsdiensten behandelt werden wollte, die über die Zuständigkeit in einen Konflikt gerieten.

Verunglückte man in einer Kleinstadt, auf dem Land oder nachts, konnte es wiederum dauern, bis ein Krankenwagen vor Ort war. Zudem waren die Standards in Notrufkette, Ausrüstung und Ausbildung sehr unterschiedlich. Schlimmstenfalls musste sich ein Helfer, der grade einmal eine Handvoll Übungsstunden hinter sich gebracht hatte, um Schwerverletzte kümmern.

Eine bundesweite Koordination oder gar gesetzliche Regelungen existierten nicht. Somit geriet eine angemessene Versorgung zum Glücksspiel. Und Tragödien wurden dadurch begünstigt.

Björn Steiger: Er wurde nicht einmal neun Jahre alt und starb an den Folgen eines Unfalls und einer zu langsamen Rettung.

(Bild: Björn Steiger Stiftung)

Björn Steiger war ein aufgeweckter und hilfsbereiter Junge; geboren wurde er am 10. Mai 1960. Am 3. Mai 1969 war er auf dem Heimweg vom Schwimmbad. Es kam dabei zu einer Verkettung tragischer Umstände: Die Scheibe eines herannahenden VW Käfer war verschmutzt, dann fing es auch noch an zu regnen. Da der Fahrer urplötzlich nichts mehr sah, schaltete er den Scheibenwischer ein und bremste - was Björn vermutlich als Anhalten interpretierte, das ihm galt: Er rannte los. Der Fahrer sah ihn zu spät: Der VW Käfer überfuhr ihn.

Der Junge hatte lebensgefährliche Verletzungen und einen Schock. Während sein Vater und ein zufällig vorbeikommender Arzt ihn beatmeten, wurde mehrere Male Hilfe angefordert. Ein Krankenwagen war erst nach einer knappen Stunde vor Ort und verfügte nicht über Sauerstoff.

Björn Steiger verstarb beim Transport ins Krankenhaus, eine Woche vor seinem neunten Geburtstag. Und er starb nicht an seinen Verletzungen, sondern am Schock. Wäre der Krankenwagen rechtzeitig vor Ort gewesen und hätte die richtige Ausrüstung an Bord gehabt, dann würde Björn Steiger womöglich heute noch leben.

Für die Eltern Ute und Siegfried Steiger war es ein nur schwer zu ertragener Schicksalsschlag. Sie fassten noch in der Nacht des Trauertages einen Entschluss: Sie wollten alles dafür tun, dass solch eine Tragödie aufgrund einer unzureichenden Notfallhilfe vermieden wird. Die Steigers gründeten am 7. Juli 1969 die Björn Steiger Stiftung mit dem Ziel, eine bundesweit einheitliche Notfallhilfe einzurichten und zu unterstützen.

Sigfried Steiger, Ute Steiger und Hilda Heinemann

(Bild: Björn Steiger Stiftung)

Unterstützung erhalten sie dabei auch von Hilda Heinemann, Frau des damals amtierenden Bundespräsidenten Gustav Heinemann. Sie war vom Schicksal des kleinen Björn berührt und von dem Anliegen der Björn Steiger Stiftung überzeugt; Hilda Heinemann verschaffte dem Anliegen durch ihre Kontakte und Prominenz Gehör bei den zuständigen Ministerien.

Bereits am 7. November 1969 beginnt die Stiftung mit der Teilfinanzierung von Funkgeräten für Krankenwagen. Allein ein Funkgerät kostete soviel wie das Fahrzeug drumherum, deswegen waren Funkgeräte nicht verbreitet. Mit der Initiative der Stiftung wird der Funksprechverkehr in Krankenfahrzeugen eingeführt.

Das Logo der Björn Steiger Stiftung. Es symbolisiert Schutz, sowie durch seine Asymetrie Flexibilität. Die sieben Strahlen gehen zurück auf die Zahl 7, die Lieblingszahl der Familie Steiger.

(Bild: Björn Steiger Stiftung)

Außerdem veröffentlichte Siegfried Steiger in einem offenen Brief an die Innenminister einen Forderungskatalog mit 15-Punkten, wie sich das Rettungswesen reformieren, vereinheitlichen und effektiver gestalten ließe. Damals noch weitgehend von den Innenministern ignoriert, die offenbar die verbundenen Kosten und Interessenskonflikte mit den Rettungsdiensten scheuten, definierte dieser Plan bereits umfassend die Grundzüge der modernen Notfallhilfe.

Und der Plan war dringend notwendig: Mit 21.332 getöteten Personen im Straßenverkehr bildete das Jahr 1970 den Höhepunkt in der Unfallstatistik. Und Experten vermuteten, dass mindestens 10% der Getöteten bei einer effektiven und schnellen Notfallhilfe hätten gerettet werden können.

112 - Die 5 W-Fragen im Notfall

Als kleine Erinnerung: Das 5-W-Fragenschema:

Wo ist es geschehen?
Bitte so gut wie möglich den Notfallort beschreiben, idealerweise mit Adresse und Besonderheiten, die für eine Rettung notwendig sein könnten.

Wer ruft an?
Bitte Name, Standort und idealerweise Telefonnummer für Rückfragen bereithalten.

Was ist geschehen?
Beschreiben Sie kurz, was sie beobachtet haben, und was Sie sehen. Z. B. Verkehrsunfall und zwei eingeklemmte Personen.

Wieviele Personen?
Beschreiben Sie so gut Sie es können die geschätzte Anzahl der Verletzten, ihre Lage und nach Möglichkeit die vermuteten Verletzungen. Achten Sie darauf bei Kindern das Alter zu schätzen.

Warten auf Rückfragen!
Nach Absetzen des Notrufs bitte nicht sofort auflegen. Es könnte sein, dass noch wichtige Fragen bestehen.

Ihre Angaben können unter Umständen Leben retten!

Die Stiftung reagiert auf die Tatenlosigkeit der Politik, indem sie Fachgremien und -Ausschüsse entwickelte, die die Politik beratend unterstützen sollten. Auf die damalige Absurdität hinweisend, dass selbst das Absetzen ein Notrufs 20 Pfennige kostete, hatte die Stiftung Notfall-Pappkarten mit 20 Pfennigen für den Notfall verteilt und in Telefonzellen angebracht. Obwohl die Post es prinzipiell anbot, wurde ein kostenfreier Notruf erst 14 Jahre später im Jahr 1984 beschlossen.

1971 wurde begonnen, die Straßen und Autobahnen mit Notrufsäulen zu versorgen, nachdem sich staatliche Stellen bei der Finanzierung nach vereinzelten Tests zurückgezogen hatten. In Höchstzeiten waren 35.000 Kilometer Landes- und Bundesstraßen damit versorgt. Erst mit dem Aufkommen der Handys nahm die Anzahl der Notrufsäulen ab. 2016 wurden noch insgesamt 53.000 Notrufe über Notrufsäulen abgesetzt.

Die Weigerung der Politik, aus Kostengründen die 110/112 bundeseinheitlich einzuführen, durchbrach Siegfried Steiger mit einem Trick: Er verklagte das Land Baden-Württemberg sowie die Bundesrepublik auf unterlassener Hilfeleistung.

Zwar war es klar, dass der Antrag abgelehnt wird, jedoch sorgte das Verfahren für Aufmerksamkeit in der breiten Öffentlichkeit; die Politik kam nicht mehr an der Initiative vorbei. Die Klage scheiterte erwartungsgemäß am 3. September 1973, aber bereits am 20. September 1973 wurde mit dem Konzept "Notruf 73" die bundeseinheitliche Einführung der beiden Nummern von den Länder-Ministerpräsidenten und dem damaligen Bundeskanzler Willy Brandt beschlossen.

Endlich war der Wildwuchs an Telefonnummern beseitigt; die Rettungsdienste waren ab da bundeseinheitlich und ohne Vorwahl erreichbar. Bundespostminister Prof. Dr. Horst Ehmke informierte Siegfried Steiger direkt nach der Sitzung mit den Worten: "Ihr Dickschädel hat sich durchgesetzt!".

Das Euronotruf 112 - Logo. Seit 2003 kann EU-weit mit der 112 ein Notruf abgesetzt werden.

Die Idee der einheitlichen Notrufnummer setzte sich europaweit durch: Seit 2003 ist die 112 europaweit geschaltet und gilt als Symbol des Zusammenwachsens der europäischen Staaten. Mittlerweile erhebt die Stiftung weitere Forderungen, den Notruf 112 weiter zu vereinheitlichen.

2006 startete die Stiftung mit LifeService 112 ein Ortungssystem, welches Handyortungen von Verunglückten erleichtern sollte. Die Bemühungen sind Ende 2016 eingestellt worden, da Änderungen am Telekommunikationsgesetz notwendig sind, die bisher nicht umgesetzt wurden.

Weitere Meileinsteine, die durch die Stiftung ereicht wurden:

1971 Übergabe eines komplett ausgerüsteten Notarztwagens an die Stadt Stuttgart, mit der Maßgabe, dass dafür 24 Stunden am Tag ein Notarzt verfügbar sein solle. Das war der Startschuss für ein flächendeckendes Notarzt-System und gleichzeitig die Einführung des Rettungswagen-Konzepts mit einer besseren materiellen Versorgung und Betreuung durch geschultes Personal auch während der Fahrt.

1972 erfolgte die Einrichtung der zivilen Luftrettung als Deutsche Rettungsflugwacht e.V.

1974 entwickelte die Stiftung einen Babynotarztwagen (NAW), speziell ausgerichtet auf die Bedürfnisse von Säuglingen in Notlagen.

Bis heute bringt die Stiftung stets Initiativen ein, um die Notfallrettung zu verbessern.
Aktuelle Beispiele sind die "Kampf dem Herztod"- Kampagne oder die Mobile-Retter-App fürs Smartphone, mit der sich gut ausgebildete Ersthelfer registrieren lassen können, um bei einem Notfall noch schneller erste Hilfe leisten zu können.

Für diese Arbeit ist die Stiftung, auf Spenden durch die Bevölkerung angewiesen.

Jubiläum ohne Jubel - Eine Übersicht der Arbeit der Björn Steiger Stiftung zum zehnten Geburtstag 1979.

Bei der Eingangs erwähnten Alarmierung waren übrigens die Sanitäter bereits innerhalb weniger Minuten vor Ort; kurz darauf traf unsere Feuerwehr ein. Glücklicherweise verlief der Unfall verhältnismäßig glimpflich ab: Zwar hatte sich das Fahrzeug überschlagen, aber die Insassen konnten sich selbst befreien und wurden bereits versorgt, sodass die Feuerwehr beim Einsatz (der am gestrigen Montag stattfand) bald wieder einrücken konnte.

Aber dass wir als Feuerwehr, und die Sanitäter sowohl schnell vor Ort, als auch standardmäßig für einen schwereren Unfall gerüstet waren, das ist ein maßgeblicher Verdienst der Björn Steiger Stiftung und der Hartnäckigkeit von Ute und Siegfried Steiger. Sie agierten stets mit dem Antrieb, eine Tragödie wie die ihres Sohn für die Zukunft mit allen Mitteln zu verhindern. Auch dank dieser Maßnahmen konnte die Anzahl der Verkehrstoten auf Straßen und Autobahnen von über 21000 (1970) auf 3180 (2018) reduziert werden - der drittniedrigste Wert seit 1950. Auch wenn jeder Tote einer zuviel ist, sind die Zahlen ermutigend.

Das heutige Notfallhilfe ist so engmaschig, dass somit ein solcher tragischer Fall, wie bei Björn Steiger, sehr unwahrscheinlich geworden ist. Somit lebt in jedem geretteten Menschen das Gedenken an Björn Steiger ein kleines bißchen weiter. (mawi)