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15 Jahre UMTS-Auktion: Nach dem großen Kater

Zig Milliarden hat die Wirtschaft bei der ersten großen Frequenzauktion im Sommer 2000 verbraten. Es war die Zeit, als Hirne und Börsen heißliefen und das Internet als große Verheißung galt. Doch schnell machte sich Ernüchterung breit.

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Matthias Kurth, UMTS-Auktion

Achtung, die Runde ist vorbei: Matthias Kurth, damals Vizepräsident der RegTP, stoppt nach einer der 40 Minuten dauernden Bieterrunden die Zeit. Die Uhr wurde nach der Auktion versteigert.

(Bild: Picture Alliance/dpa)

99.368.200.000 Deutsche Mark. Das war der Kassenstand, als bei der großen UMTS-Auktion am 18. August 2000 der letzte Hammer fiel. Heute wären das gut 50 Milliarden Euro. So viel haben Netzbetreiber und solche, die es werden wollten, damals für ein paar Megahertz im 2,1-GHz-Band hingelegt. Es war der bei weitem höchste Betrag, der weltweit für UMTS-Frequenzen gezahlt wurde. Für die Teilnehmer war es eine Wette auf die Zukunft. Nicht alle hatten eine.

Es herrschte Goldgräberstimmung. Das Internet war heißer Scheiß, ein riesiges digitales Neuland, auf dem die "New Economy" erblühte. Kleiner Schönheitsfehler nur, dass sich das hässliche Ende der schönen neuen Wirtschaftswelt bereits angekündigt hatte. Der aus der Blase entweichenden Luft zum Trotz sollte mit dem Mobilfunk der dritten Generation ("3G") das Internet aufs Handy kommen.

15 Jahre UMTS-Auktion (10 Bilder)

100 Milliarden Mark für ein paar Meter Luft. Das war für die Netzbetreiber ein ganz schöner Brocken. Danach gab's auch ein bisschen Mimimi.
(Bild: dpa)

48 Millionen Menschen in Deutschland besaßen im Jahr 2000 ein Mobiltelefon, doch nur wenige konnten Internet. Kaum jemand nutzte das 1999 eingeführte WAP mit seinen erbarmungswürdigen 9,6 kBit/s. Selbst mit dem Beschleuniger GPRS, damals der letzte Schrei, machte das keinen Spaß. Die 384 kBit/s, die mit UMTS möglich sein sollten, verhießen Internet immer und überall – in einer Zeit, in der über einen ISDN-Kanal gerade mal 64 kBit/s flossen. Das eröffnete in den Chefetagen unermessliche Vorstellungsräume.

So war die Gemengelage im Sommer 2000, als der Irrsinn seinen Lauf nahm. Von elf Unternehmen, die die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP, heute die Bundesnetzagentur) zur Auktion zugelassen hatte, warfen einige noch vor Auktionsstart das Handtuch. Schließlich traten sieben Bieter an, um eine der sechs begehrten Lizenzen für das UMTS-Band zu ersteigern – darunter auch die vier bereits etablierten Netzbetreiber T-Mobil, Mannesmann (heute Vodafone), E-Plus und Viag Interkom (heute O2).

Ergebnis der UMTS-Auktion 2000
Teilnehmer Blöcke Downlink Lizenzkosten
Uplink
E-Plus Hutchison 2 x 5 MHz 2130,1–2140,0 MHz 16,49 Mrd. DM
(1 x 5 Mhz)* 1940,1–1950,0 MHz (8,43 Mrd. EUR)
Group 3G (Quam) ** 2 x 5 MHz 2120,2–2130,1 MHz 16,57 Mrd. DM
(1 x 5 Mhz)* 1930,2–1940,1 MHz (8,47 Mrd. EUR)
Mannesmann (Vodafone) 2 x 5 MHz 2110,3–2120,2 MHz 16,59 Mrd. DM
(1 x 5 Mhz)* 1920,3–1930,2 MHz (8,48 Mrd. EUR)
MobilCom Multimedia** 2 x 5 MHz 2140,0–2149,9 MHz 16,49 Mrd. DM
(1 x 5 Mhz)* 1950,0–1959,9 MHz (8,43 Mrd. EUR)
T-Mobile 2 x 5 MHz 2159,8–2169,7 MHz 16,70 Mrd. DM
(1 x 5 Mhz)* 1969,8–1979,7 MHz (8,54 Mrd. EUR)
Viag Interkom (O2) 2 x 5 MHz 2149,9–2159,8 MHz 16,52 Mrd. DM
1959,9–1969,8 MHz (8,45 Mrd. EUR)
* Außer Viag Interkom haben alle Teilnehmer in der zweiten Auktionsphase einen 5-MHz-Block ungepaart erworben.
** Group 3G und Mobilcom haben die Lizenzen später zurückgeben müssen. Quelle: Bundesnetzagentur/Wikipedia

Dass die Gebote durch die Decke gingen, war aber nicht nur dem Dotcom-Boom geschuldet. Das Establishment, zuvorderst die Telekom und Mannesmann, hatte kein Interesse an einem weiteren Wettbewerber auf dem Milliardenmarkt Mobilfunk. Als Debitel das Handtuch warf, hätten sich die sechs verbliebenen Teilnehmer die Lizenzen auch aufteilen können. Doch die Netzriesen trieben die Gebote weiter hoch, um Neulinge draußen zu halten.

Das ist ihnen nicht gelungen – und dann doch. Der Reseller Mobilcom sowie die Group 3G, ein Konsortium aus der spanischen Telefónica und der finnischen Sonera, hatten für jeweils über 16 Milliarden Mark eine Lizenz ergattert. Doch genutzt haben sie die Frequenzen nie: Beide mussten ihre Lizenzen zurückgeben, weil sie die vorgegebenen Ausbauziele nicht erfüllten. Verkaufen durften sie die Lizenzen nicht. Im Mai 2010 wurden die Frequenzen dann zusammen mit anderen wieder versteigert.

Die Group 3G wollte in Deutschland den Mobilfunkanbieter Quam neu etablieren. Als virtueller Netzbetreiber auf dem E-Plus-Netz gestartet, sollte Quam mit der UMTS-Lizenz auch eigene Infrastruktur aufbauen. Doch die mit viel Trara lancierte Marke erwies sich als kolossaler Flop: Im Sommer 2002 zogen die Eltern schon nach einem Jahr den Stecker. Die Quam GmbH hat sich noch etliche Jahre mit der Regulierungsbehörde vor Gericht über den Entzug der UMTS-Lizenz gestritten und existiert bis heute im Schlafmodus bei Telefónica Deutschland in München.

Mobilcom hat die teure UMTS-Lizenz an den Rand der Pleite gebracht. Der norddeutsche Mobilfunkprovider hatte sich mit seinem Partner France Télécom überworfen und mit den Netzkosten übernommen. 2002 stand das Unternehmen kurz vor der Insolvenz und zog die Notbremse. Mobilcom-Anleger, darunter die Frau des vom Hof gejagten Gründers Gerhard Schmid, prozessierten jahrelang, aber schließlich vergeblich, um Schadensersatz von France Télécom zu erhalten.

Doch auch für die großen Vier wollte das Manna nicht sofort vom Himmel regnen. Die überlebenden Auktionsteilnehmer wollten einen Teil der Summe zurückfordern oder suchten ihr Heil vor Gericht; auch Viag Interkom forderte Geld vom Staat zurück. Denn das fehlte jetzt für einen schnellen Netzausbau. Ab 2004 gab es zwar UMTS-Tarife, das Netz deckte noch nicht viel mehr als die großen Ballungsgebiete ab. Eine UMTS-Karte für den PCMCIA-Slot des Laptops sollte etwa bei Vodafone 360 Euro kosten – aber nur in Verbindung mit einem Datentarif. Und die hatten es bei allen Anbietern in sich: Eine "Flat" mit 500 Megabyte Verkehrsvolumen kostete bei T-Mobile zur Einführung 110 Euro im Monat.

Angesichts solcher Tarife hielt sich die Euphorie auf Kundenseite in Grenzen – zumal auch die Hardwarehersteller mit UMTS-tauglichen Handys nur langsam in die Pötte kamen. Bei T-Mobile und Vodafone gab es die ersten UMTS-Handys ab Mitte 2004. Auch schicke neue Dienste hatten sich die Netzbetreiber ausgedacht: Bei der Telekom konnte man für 1,50 Euro (Einführungspreis!) MP3-Songs runterladen. Vodafone betrieb sein eigenes "live!"-Portal, E-Plus experimentierte mit dem in Japan sehr erfolgreichen iMode.

Fünf Jahre nach der UMTS-Auktion war der Kater vorbei und Ernüchterung hatte sich breit gemacht. 2005 besaßen 79 Millionen Menschen in Deutschland ein Handy, nur zwei bis drei Prozent davon nutzten auch UMTS. Doch stiegen Nutzung und Umsätze bei Datendiensten – auch dank der neuen “No Frills”-Anbieter – kontinuierlich an. 2007 definierte Apple das Smartphone neu – mit einem iPhone, das nicht mal UMTS konnte. 2010 war das mobile Internet dann endlich erwachsen. Von über 100 Millionen Handys im Land ging jedes fünfte regelmäßig im Internet; 65 Millionen Gigabyte flossen durch die Mobilfunknetze.

Ein bisschen peinlich ist den Netzbetreibern das mit den UMTS-Lizenzen offenbar schon. Zumindest sprechen wollen sie darüber nicht mehr. Die Preise seien wohl "nicht so ganz passend" gewesen, ließ sich ein E-Plus-Sprecher zum Zehnjährigen immerhin entlocken. Heute leben wir mit der vierten Mobilfunkgeneration und planen die fünfte. Von 112 Millionen Mobilfunkanschlüssen nutzt fast die Hälfte regelmäßig UMTS oder LTE. Mobiles Internet ist (fast) überall. (vbr)

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