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15 Jahre Wikipedia: Die Unvollendete

Als Online-Experiment gestartet, hat die Online-Enzyklopädie Wikipedia das Internet verändert. Doch die goldenen Jahre des Community-Projekts scheinen vorbei, wieder einmal sucht die Wikipedia nach dem nächsten Entwicklungsschritt.

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Wikipedia

(Bild: dpa, Jens Büttner)

„This is the new WikiPedia“. Chefredakteur Larry Sanger hatte das auf die Startseite geschrieben, als das neue Experiment einer geradezu anarchischen Online-Enzyklopädie am 15. Januar 2001 ins Internet brachte. Wie genau die allererste Version der Wikipedia aussah, ist heute nicht mehr genau zu rekonstruieren.

Über ein Jahr lang hatte sich Sanger im Auftrag von Jimmy Wales mit dem Projekt "Nupedia" beschäftigt, das die erste wirklich freie Enzyklopädie des Internets sein sollte. Doch das komplexe System von Artikelautoren und Gegenlesern konnte nie überzeugen. Sanger gelang es nicht, genug Autoren zu finden, die sich ohne Bezahlung dem Redaktionsprozess anschließen wollten. Die Wiki-Software, die gänzlich auf solche Rollen verzichtete und jedem im Netz die Chance zum Mitschreiben gab, bot sich als Alternative an, um Interessierten einen leichten Einstieg zu verschaffen, und auf diese Weise Edit um Edit das Weltwissen anzuhäufen.

15 Jahre Wikipedia (12 Bilder)

Nupedia war der gescheiterte Vorläufer der Wikipedia. In einem komplexen Peer- Review-Prozess sollte die erste wirklich freie Enzyklopädie des Internets entstehen. (Bild: nupedia.com, CC BY-SA 3.0 )

Das Experiment ist zumindest nach Zahlen geglückt. Heute enthält die Wikipedia über 36 Millionen Artikel in mehr als 290 Sprachversionen. Allein die englische Ausgabe enthält mehr als fünf Millionen Artikel, in der deutschen sind aus 150 Millionen einzelnen Beiträgen 1,9 Millionen Artikel entstanden. Auch wenn die Nutzerzahlen im vergangenen Jahr nachgelassen haben, ist die Online-Enzyklopädie die siebtgrößte Website der Welt und das einzige unkommerzielle Angebot in den Top 50 des Statistikdienstleisters Alexa.

Der Erfolg der Wikipedia gründet sich auf einige wichtige Faktoren. So widerstand Finanzier Jimmy Wales nach Sangers Abgang der Versuchung, die Online-Enzyklopädie seiner Firma Bomis.com zuzuschlagen und mit Werbung vollzupflastern. Stattdessen übergab er das Projekt der Community und gründete 2003 die gemeinnützige Wikimedia Foundation – allerdings nicht ganz freiwillig: So hatten schon Gerüchte über die Einführung von Werbung genügt, um für die Abspaltung der spanischen Wikipedia zu sorgen. Eine kommerzialisierte Wikipedia wäre vermutlich wie viele Konkurrenten einen schnellen Tod gestorben.

Auch vom Aufstieg Googles konnte die Wikipedia profitieren: Online-Enzyklopädie und Suchmaschine ergänzten sich ideal. Die interne Linkstruktur der Wikipedia wirkte wie eine ungeplante Suchmaschinenoptimierung. Je mehr Leute auf Wikipedia verlinkten, um so weiter stieg das Projekt in der Gunst der Google-Algorithmen nach oben. Und je öfter Wikipedia-Artikel an der ersten Stelle der Google-Suchergebnisse standen, um so mehr freiwillige Mitarbeiter sorgten dafür, dass die Artikel möglichst korrekt und vollständig waren. Bereits 2004 konnte das Projekt die erste Million Artikel feiern.

Mit dem Start von Wikipedia hatte Jimmy Wales und seine Mitstreiter offenbar genau das richtige Zeitfenster getroffen. Spätere Projekte, wie zum Beispiel das 2004 gestartete frei lizenzierte Nachrichtenportal Wikinews, konnten den Erfolg der Online-Enzyklopädie nicht wiederholen und dümpeln bis heute dahin.

Gerade in Deutschland schlug die Idee, gemeinsam eine Enzyklopädie zu verfassen und dem Brockhaus ein Schnippchen zu schlagen, auf reges Interesse. Während die Wikimedia Foundation in Florida eher schlecht als recht die Geschäfte führte, entstand in Deutschland bereits 2004 ein schlagkräftiger Wikimedia-Verein, der früh die Zusammenarbeit mit Universitäten und anderen Institutionen suchte.

In Deutschland musste Wikipedia auch die ersten gerichtlichen Auseinandersetzungen führen. So sorgte der Streit um den bürgerlichen Namen des Hackers Tron 2006 für einen Prozess in Berlin. Zwar gewannen die Wikipedianer die Auseinandersetzung, ein nachhaltiges Zerwürfnis mit der Hacker-Community war jedoch die Folge.

Die Prominenz der Wikipedia sorgte für ein dauerhaftes Missverständnis: Während die Aktiven die Wikipedia als lebendiges "Projekt" begriffen, bei dem Vandalismus dazugehört, glaubten die Nutzer an der Weisheit letzter Schluss. So landete im vergangenen Herbst ein kurzzeitig entstellter Eintrag über Bundeskanzlerin Angela Merkel als Definition in Apples Sprachassistenzsystem Siri.

2007 zeigte der vorgestellte WikiScanner, dass Unternehmen, Verbände und Politiker die scheinbar anonyme Teilhabe nutzten, um Artikel zu beeinflussen. Bis heute liefern sich Wikipedianer und spezialisierte Agenturen ein Wettrennen um die Inhalte. Immer wieder werden ganze Netze von Accounts enttarnt, die entweder im Auftrag Artikel veränderten oder sogar Fremde mit ihren Wikipedia-Artikeln zu erpressen versuchten.

Eiferte gerade die deutsche Wikipedia-Ausgabe in den ersten Jahren noch mit regelmäßig herausgegebenen DVD-Ausgaben und sogar einem gedruckten Wikipedia-Lexikon den klassischen Enzyklopädien hinterher, ist die Idee einer Wikipedia-Printfassung heute allenfalls noch ein Kunstprojekt.

Als die Journalistin Sue Gardner 2007 die Leitung der Wikimedia Foundation übernahm, veränderte sich auch das Verständnis der Aufgaben der Wikipedia. Statt dort Wissen anzuhäufen, wo es sowieso schon reichlich und kostengünstig zur Verfügung steht, wollte Gardner die Wikipedia dorthin bringen, wo Wissen am nötigsten gebraucht wird.

Zwar schaffte es die neue Geschäftsführerin, die Stiftung in San Francisco neu anzusiedeln und die Softwareentwicklung mit fast 300 Mitarbeitern voranzutreiben. Gardners Versuche, die Wikimedia- Strukturen in Entwicklungsländer zu exportieren, scheiterten jedoch vollständig. Auch die hochgesteckten Ziele, die Anzahl der Autoren zu verdoppeln und den seit jeher niedrigen Frauenanteil zu erhöhen, musste Gardner aufgeben. Ihre wichtigste Aufgabe – Geldbeschaffung – erledigt die Wikimedia Foundation jedoch vorzüglich. Jahr für Jahr konnte die US-Stiftung ihre Einnahmen steigern, ihr Jahresbudget liegt bei mittlerweile fast 60 Millionen Dollar.

Pünktlich zum Geburtstag hat die Wikimedia Foundation bekannt gegeben, dass sie ein Stiftungsvermögen aufbauen will, wie es zum Beispiel auch bei den US-Elite-Universitäten üblich ist. In den nächsten zehn Jahren sollen insgesamt 100 Millionen Dollar im "Wikimedia Endowment" angesammelt werden. Die Erträge aus diesem Investitionstopf sollen helfen, die laufenden Kosten für den Betrieb der Wikipedia auf lange Sicht zu finanzieren.

Waren die Wikipedianer in den ersten zehn Jahren exponentielles Wachstum gewohnt, ist die Plattform kein Selbstläufer mehr. So schrumpft die Zahl der Autoren seit 2012 rapide, hat sich nach Zählung der Wikimedia Foundation aber im vergangenen Jahr wieder stabilisiert.

Auch die Besucherzahlen schrumpfen beunruhigend schnell: Innerhalb von zwei Jahren sanken sie von über 500 auf unter 400 Millionen pro Monat. Auch das Projekt Wikipedia Zero, das den mobilen Abruf von Artikeln in vielen Ländern kostenlos ermöglicht, konnte den Trend nicht umkehren. Nicht einmal Google funktioniert noch als zuverlässiger Publikumsvermittler, sondern beantwortet viele Fragen der Suchenden direkt – mit Inhalten der Wikipedia

Wikimedia ist nun auf der Suche nach der nächsten Metamorphose: Der Weg geht von der Enzyklopädie in Artikelform zur Frage-Antwort-Maschine. So startete 2012 das Projekt Wikidata, das Fakten in einer Datenbank verknüpft und das dazu dienen kann, Wikipedia-Artikel in allen Sprachausgaben aktuell zu halten.

Die neue Geschäftsführerin Lila Tretikov will diesen Weg offenbar weiter verfolgen. So hat sie in ihrer Amtszeit eine neue Abteilung mit dem Namen "Discovery" aufgebaut, die sich damit beschäftigt, wie man den Wissensschatz der Wikipedia neu aufbereiten kann, um Fragen von Nutzern direkt zu beantworten. Wie das jedoch genau aussehen soll und welche Rolle Wikipedia dabei spielen soll, ist jedoch unklar.

Ein neues Zerwürfnis zwischen der Wikimedia Foundation und der Autorencommunity der Wikipedia scheint derweil unausweichlich. So beklagt der langjährige Wikimedia-Aktivist Liam Wyatt, dass sich die Wikimedia Foundation abkapselt: "Ein Teil des Vorstandes und die Geschäftsführerin der Wikimedia Foundation glauben, dass sie wie ein Startup behandelt werden sollen, ohne dass die Community ihnen reinredet", schreibt Wyatt in einer aktuellen Analyse. So empören sich viele, dass der Wikimedia-Vorstand nicht nur ein von der Community gewähltes Mitglied entlassen hat, sondern auch den in das Job-Kartell des Silicon Valley verstrickten ehemaligen Google-Manager Arnnon Geshuri als neues Mitglied berufen hat.

Hinter den Streitigkeiten steckt ein grundsätzlicher Konflikt: Die Wikipedia- Autoren befürchten, dass ihre jahrelange Arbeit entwertet wird, sollte die Wikimedia Foundation die Wikipedia nicht mehr als Hauptzweck, sondern nur noch eine von mehreren Wissensquellen behandeln. Die Wikimedia Foundation befürchtet wiederum, dass sie Relevanz verliert und so ihrer Mission, das Weltwissen an möglichst viele Menschen zu verteilen, nicht mehr nachkommen kann.

Die Konflikte sollen jedoch gerade zum Jubiläum hintenan stehen. So planen die Wikipedianer weltweit von Albanien bis Vietnam Geburtstagsfeiern. Auch in Stuttgart, Köln und Hamburg werden Wikipedia-Autoren zusammenkommen, um den Erfolg ihres Projekts zu feiern. Eine Feier in Berlin ist für März geplant.

Lesen Sie dazu auch in der aktuellen c't 02/2016:

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