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19C3: Lange Schlangen vor dem Hackertempel

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"Ist hier irgendwo noch ein Parkplatz?", fragt ein blonder Junge, der seinen Führerschein noch nicht lange haben kann und den sein Autokennzeichen (NU) als Neu-Ulmer enttarnt, rhetorisch in die lange Schlange der Wartenden vor dem Haus am Köllnischen Park hinein. Gequetschtes Lächeln ist die stumme Antwort der Freaks, die mit Computer-Towern, Bildschirmen, Laptops und anderen digitalen Gadgets bepackt geduldig über eine halbe Stunde anstehen, um das aus der nahen C-Base geliehene, spacige Tor zum 19. Chaos Communication Congress (19C3) nach dem Erwerb der Eintrittskarten und dem Check-in großteiliger Hardware zu passieren.

Der Andrang ist dieses Jahr trotz des erlahmenden Interesses der allgemeinen Medienwelt an allem, was mit Computer und Internet zu tun hat, am ersten Tag besonders groß: Die Schlange reicht am Vormittag über hundert Meter weit über die nächste Straßenecke hinaus. "Vor zwei Jahren ging das alles noch deutlich fixer", sagt ein Typ mit langem Zopf, der nur unter dem Pseudonym amdraht zitiert werden möchte. "Aber wir tragen das mit Fassung." Drinnen im zweistöckigen Hackcenter werden derweil Rechner aufgebaut, Betriebssysteme wie Linux oder alle erdenklichen BSD-Unix-Familien installiert und unter der Hand nach "ersten offenen Servern" gesucht.

Einen ersten Streit gibt es bei der Begrüßungsveranstaltung in der plüschbestuhlten Aula anlässlich der Frage, ob auf dem Congress die Hackergemeinde sowie Pressevertreter ihre neu geschenkten Digi-Cams ausprobieren dürfen. Denn die Paranoia wird von den Besuchern gern gepflegt, obwohl am Eingang extra ein großes Schild prangt, dass sich "Vertreter von Polizei und Ermittlungsbehörden bitte am Eingang anmelden". Doch auch in der Zeitung will mancher Zeitgenosse nicht mit einem Foto landen: "Wenn ich gewusst hätte, dass in den ersten Stunden offiziell fotografiert werden darf, wäre ich nicht gekommen", entrüstet sich ein Vertreter der Hackerzunft.

Das Management-Team, das sich dieses Jahr ganz professionell zur Chaos Computer Club Veranstaltungs GmbH zusammengeschlossen hat, ist dagegen zunächst die inständige Warnung wichtiger, nicht wie im vergangenen Jahr Server auf den Laminat-Boden des Hackcenters zu werfen oder die Wände mit Postern zu verkleben. Das würde nur die Reinigungs- und Mietkosten für das nach wie vor sozialistisches Flair versprühende Schmuckstück am Köllnischen Park in die Höhe treibe.

Alteingessene Kongressbesucher fordern derweil vehement die Wäscheklammer zurück: Während es vor wenigen Jahren für jeden Teilnehmer noch eine eigene IP-Adresse gab, die auf den Haltevorrichtungen notiert wurden, funzt der DHCP-Server für das WLAN dieses Mal wieder nicht so richtig. Denn ständig müssen findige Hacker auch interne Sicherheitslücken nachweisen -- auch wenn sie dabei das drahtlose Surfen immens erschweren. "Nichts geht mehr", ist daher ein Standardseufzer auf dem Congress. Ein neuer Service, den die Veranstaltungs-GmbH eingeführt hat, ist dagegen ein im Hackcenter aushängender Umgebungsplan, auf dem nahe Supermärkte und Fresstempel eingezeichnet sind. Er soll die Zufuhr mit Hackerbrause, Energy-Drinks, Chips und Pizza erleichtern. Ein Döner-Laden in der Nähe will die Computerbesessenen dagegen von anderen Speisen überzeugen: Fünf Prozent Rabatt bietet er beim Vorzeigen des Congress-Ausweises. Ob die Nahrungsfrage Einfluss auf den weiteren Verlauf des 19C3 haben wird? Wir harren gespannt der Dinge, die da kommen ...

Zum Start und den Diskussionen im Vorfeld des 19C3 siehe auch:

(Stefan Krempl) / (Stefan Krempl) / (jk)

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