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20 Jahre Centrum für "B" und "IT": Die CeBIT hat Geburtstag (Teil 1)

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Wenn heute Abend vor 2000 Gästen die CeBIT 2006 unter dem offiziellen Motto "Join the vision" eröffnet wird, werden sich möglicherweise doch einige für die Re-Vision interessieren, die auch gefeiert werden kann. Die CeBIT wird 20 Jahre alt und feiert das unter anderem mit dem ersten offiziellen CeBIT-Song ihrer Geschichte. Außerdem gibt es einen "Walk of Fame", der sich durch die Halle 1 schlängelt, die selbst Geschichte schrieb, als sie 1984 als "weltgrößte Messehalle" ins Guiness-Buch der Rekorde eingetragen wurde. Besuchern ist diese Hall of Fame mit Bezeichnungen wie 4g5/4f4/ eher als weltverwirrendste Messehalle in Erinnerung. Jedenfalls sollen auf dem besagten Walk of Fame "geschichtsträchtige Produkte" aus 20 Jahren Messegeschichte stehen, der am Stand "Secure Printing" seinen Start- und Zielpunkt hat. Ob Typenraddrucker oder Akustikkoppler, zu allen Artefakten ausgestorbener Computerei gibt es natürlich ein großes Gewinnspiel mit täglicher Preisverleihung.

Nun sind 20 Jahre CeBIT in einer ausgesprochen ruhigen Stadt, die seit 34 Jahren vom gleichen Bürgermeister regiert wird, kein Grund, in große Aufregung zu verfallen. Tatsächlich gab es das "Centrum der Büro- und Informationstechnik" schon früher, nur eben als Teil der Hannover-Messe. Da gab es eine "Büromaschinenhalle", wegen der ratternden Kartenleser und Kettenraddrucker auch "Hölle 17" genannt, in der die Nixdorf 820 im Jahre 1968 als erster "Bürocomputer" für Furore sorgte. Nixdorf sei deshalb erwähnt, weil Computerpionier Heinz Nixdorf auf der allerersten "Hannover-Messe CeBIT" am 17. März 1986 starb. Das hielten einige Kommentatoren für ein böses Omen, doch der Start des "Centrums für Büro- und Informationstechnik" mit 2142 Ausstellern und 334.400 Besuchern wurde am Ende allgemein als gelungen bezeichnet, Die Branche boomte, und Necomer wie die Firma Novell, die damals ihre deutsche Niederlassung eröffnete, hätten niemals ein Platz auf der überbuchten Hannover-Messe finden können. Als glückliche Fügung erwies sich auch die Entscheidung der CeBIT-Macher, den Bereich Telekommunikation mit 190 Anbietern der Rechentechnik anzufügen, um über die 2000er-Marke zu kommen: Die erste Welle der "Konvergenz" rollte. Star der ersten CeBIT war – jedenfalls in der parteiischen Erinnerung des Autors – der Commdore Amiga. O. K., das gute Stück war wenige Tage zuvor in Frankfurt in der alten Oper einer illustren Versammlung von Stars und Sternchen des Showbusiness vorgestellt worden, doch der normale Computerfan konnte den Rechner erst in Hannover bewundern – anfassen verboten.

1987 startete die CeBIT, diesmal unter dem etwas anspruchsvolleren Namen "Welt-Centrum Büro-Information-Telekommunikation" erstmals mit ihrem permutierten Katalog, dick wie ein Telefonbuch, mit alphabetischem Index, Warenindex, Landex und Produktgruppenverschlagwortung offenbar das Produkt eines durchgedrehten Datenbank-Operators. Die erstmals in größerer Zahl ausstellenden Amerikaner lernten Hannover von seiner östlichsten Seite kennen: Als Schneebit ging diese Messe in die Geschichte ein. Über die lächerlichen 2 Meter Schnee lachen sie derzeit im Süden. Star der Messe waren Laptops mit orange wabernden Plasma-Dislays von Toshiba und Compaq. Genauso dick und genauso hässlich wie der Messekatalog: ein Ziegel mit Antenne dran, von Mobira Oy, der Tochter des finnischen Reifenherstellers Nokia, das erste GSM-Telefon. Die Finnen dementierten, den Schnee gesponsort zu haben.

1988 (dickerer Katalog, kein Schnee) kündigte die Hamburger Niederlassung von McGraw Hill zur CeBIT die deutsche Byte an, um den ewigen Kampf zwischen c't und mc aus dem Franzis-Verlag noch mehr Pfeffer zu geben – doch nichts geschah. Stattdessen feierte die Star Division eine Messe-Premiere der besonderen Art, weil alle Journalisten Standverbot bekamen, die schlecht über den gerade erschienenen Starwriter 2 geurteilt hatten. Also hatte die Messe endlich ihren Star gefunden, einen jugendlichen Hitzkopf namens Marco Börries, der gegen Microsoft wetterte, ehe es Microsoft in der heutigen Form gab: Erst im Herbst 1988 sollte Bill Gates auf der Comdex das Windows-Mirakel von den Fingertips verkünden. Bis zum Verkauf von StarOffice an Sun Microsystems wurden die CeBIT-Vorstellungen der Lüneburger, später Hamburger Firma zum Pflichtermin für jeden Journalisten, der "kräftige Ausdrücke" suchte. Übrigens auch danach: Verdisoft, die Börries-Firma, die sämtliche Handy-Einstellungen und -Inhalte zwischen inkompatiblen Marken kopieren konnte, lud Journalisten in einem harmlosen Wohnzimmer zum Empfang – in dem dann Tacheles geredet wurde, wie schlecht die Journalisten wieder einmal schreiben. Heute ist Verdisoft Teil von Yahoo. Der Star der Messe, der Erinnerung nach: die Sony Mavica, eine Digitalkamera, die ihre Bilder auf 3,5-Zoll'-Disketten speicherte.

Mit dem Jahr 1988 hatte sich die CeBIT als IT-Messe endgültig etabliert, was dem Chronisten erlaubt, die folgenden Jahre zügig abzuhaken. 1989 (noch dickerer Katalog, subjektiver Messestar das erste ISDN-Modem mit Kanalbündelung von Zyxel) spielte das CeBIT-Geschehen auch nach draußen: In der Rödermark fand das erste CeBIT-Großtreffen von deutschen Compuserve-Nutzern statt, während auf der Messe der CCC seine Rundgänge und später den CeBIT-Award institutionalisierte. 1990 – die wahnsinnigen Datenbank-Abfragen mussten in zwei dicke Kataloge plus Begleitheft zur Benutzung der Kataloge geteilt werden – bewunderte manche Besucher der CeBIT die NeXT-Station von Steve Jobs nächster Firma, während die Jäger des verlorenen Wissens TOM Productions zum Messestar erklärt haben. In subjektiver Erinnerung waren es die Gespräche mit DDR-Computerfreaks, den von Las Vegas aus beobachteten Mauerfall zu begreifen.

Obwohl stetig wachsend, litt die CeBIT viele Jahre darunter, nicht als Veranstaltung angesehen zu werden, die wirklich die Trend-Themen aufgreift, also "Agenda-Setting" betreibt. Das war anderen Messen, etwa der Comdex (R.I.P.) oder der CES, mitunter auch der immer vor der CeBIT stattfindenden Entwicklerkonferenzen von Intel vorbehalten, nicht dem Welt-Centrum. So richtig visionär war die CeBIT vielleicht nur ein einziges Mal, im Jahre 1994, als die israelisch-schweizer Firma Vocaltech (am Stand von NCR untergeschlüpft) die Voice-over-IP-Telefonie mit "kostenlosen Telefonaten nach Afrika" vorführte und Apple seinen Newton demonstrierte, den Urahn aller heutigen mobilen Informationsspeicher. Ähnlich wie beim Amiga anno 1986 hatte es zwar eine Gala in Paris mit Stars und Sternchen gegeben, doch erst in Hannover konnten die Fans gucken und staunen – anfassen verboten.

Der Wunsch nach internationaler Anerkennung erfüllte sich übrigens im Folgejahr 1995, als Bill Gates eben jene Eröffnungsrede hielt, die heute Abend Arun Sarin von Vodafone bestreiten wird. Damals stand Windows 95 vor der Tür und musste um jeden Preis gelobt und beworben werden. Dementsprechend wurde das frisch umgetaufte "World Center Office-Information-Telecommunications" überrannt: Die Messegesellschaft zählte anrüchige 218.000 Privatpersonen unter den 755.000 Profi-Besuchern und entschloss sich zur Teilung: 1996 wurde die erste CeBIT Home installiert, eine Internet-ist-wunderbar-Messe mit themenzentrierten Ausstellern, einem schmalen Katalog (samt CD-ROM voller Permutationen), und Angeboten wie "Deutschland sagt Ja zur Informationsgesellschaft". Komplettiert mit zwei gesondert zu bezahlenden Tanzhallen für wunderbare Aufführungen.

Ob das superspannende Konzept der Besuchertrennung aufgegangen ist, erfahren Sie im zweiten Teil des Rückblicks – nach der CeBIT 2006: Darf wachsen, was zusammenwächst? Gehört zusammen, was eine Steckdose nutzt? Die Spannung steigt.

Siehe dazu auch:

(Detlef Borchers) / (Detlef Borchers) / (jk)

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