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20 Jahre GIMP: Mehr als eine Geschichte der Bildbearbeitung

Am 21. November 1995 wurde die freie Photoshop-Alternative The GIMP offiziell angekündigt. In den folgenden 20 Jahren entstanden nicht nur Funktionen und Algorithmen, sondern auch Kommunikation, Engagement und liebenswerte Maskottchen.

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20 Jahre Gimp

Das Bildbearbeitungsprogramm GIMP feiert 20. Geburtstag und seine Geschichte dreht sich um kleine Projekte, aus denen unerwartet Großes entstand, überraschende Lösungen und vor allem um Zusammenarbeit und Engagement. Schon die Initialzündung kam eher unbeabsichtigt von einem Professor der Universität Berkeley: Seine Studenten Spencer Kimball und Peter Mattis sollten einen Compiler programmieren, waren von der gestellten Aufgabe aber nur mäßig begeistert und schlugen als Alternative die Programmierung einer Bildbearbeitung vor. Das fehlende Grafiker-Wissen besorgten sich die Computerspezialisten in diversen Newsgroups.

Nur mal so aus Neugier: Welche Features sollte ein Bildbearbeitungsprogramm haben?

Nur wenige Monate später, am 21. November 1995, kündigten die Entwickler das Bildbearbeitungsprogramm The GIMP offiziell an, im Februar 1996 erschien die erste Beta 0.54 nebst Roadmap für die Zukunft. The Gimp 0.54 hat eine Plug-in-Schnittstelle, Zeichenwerkzeuge, Kanäle, eine Undo-Funktion und – eine Fangemeinde. Ursprünglich stand GIMP für General Image Manipulation Program, später wurde daraus GNU Image Manipulation Program. Inspiriert von der Arbeit mit Photoshop 3 während der Semesterferien stürzten sich die Entwickler gleich in den ersten großen Umbau: The GIMP sollte ebenenfähig werden, die Community wolle sich bitte etwas gedulden. Derweil zeichnet Larry Ewing mit 0.54 das berühmte Linux-Maskottchen Tux.

Was wäre Linux ohne Gimp? Larry Ewing nutzte kurz nach Veröffentlichung der ersten Beta 0.54 die Gelegenheit und zeichnete das Linux-Maskotthcen Tux.

(Bild: Larry Ewing lewing@isc.tamu.edu, The Gimp)

Danach folgte eine Experimentierphase, während der unter anderem das GIMP Toolkit (GTK) entstand. Es sollte das kommerzielle Motif als Baukasten für die grafische Benutzeroberfläche ersetzen. Die GTK-Bibliothek schreibt eine eigene Erfolgsstory, sie bildet unter anderem das Fundament für den Gnome Desktop. Als Kimball und Mattis im Februar 1997 The GIMP 0.99 präsentieren, scheint die nächste stabile Release zum Greifen nahe, doch nach der Veröffentlichung von GTK+ und GIMP 0.99.10 im Juni ziehen sich GIMPs Väter zurück.

Es dauert noch ein weiteres Jahr, bis die verbliebenen Entwickler unter Leitung von Federico Mena-Quintero The GIMP 1.0 herausbringen – mit Ebenen, Auswahlen und Unterstützung für größere Bilder. Tuomas Kuosmanen nutzt die neuen Zeichenmöglichkeiten, um das GIMP-Maskottchen Wilber in die Welt zu setzen. Es wird bis heute als offizieller Projektleiter geführt. Außerdem hat es die Version 1.0 bis nach Hollywood geschafft. Weil die Filmindustrie einen Ersatz für das unter IRIX eingestellte Photoshop benötigte, entwickelten die Firmen Silicon Grail und Rhythm & Hues aus dem Sourcecode Film Gimp. Es verlieh Filmen wie Harry Potter oder Planet der Affen den letzten Schliff und heißt inzwischen CinePaint.

Mit Version 1.2 kümmert sich ein neues Entwicklerteam rund um Manish Singh, Michael Natterer und Sven Neumann vor allem um Stabilität und Benutzerfreundlichkeit. Natterer und Neumann lenken unter Wilbers Aufsicht die Geschicke des Projekts. Von Ausgabe 2.0 bis 2.8 wurde das wilde Pflänzchen GIMP gehegt, gepflegt und kultiviert, sodass es sich nun deutlich benutzerfreundlicher und im lang ersehnten Ein-Fenster-Modus präsentiert. Außer der Usability wurden Ebenen-, Auswahl-, Pinsel- und Textwerkzeuge stark verbessert, die 2.8er läuft nativ unter OS X.

GIMPs Zukunft und die Erfüllung fast aller Bildbearbeiter-Sehnsüchte liegt in einer neuen Grafikbibliothek namens GEGL, die einen nicht-destruktiven Workflow mit Einstellungsebenen und Ebeneneffekten in GIMP realisiert. Außerdem erlaubt GEGL bis zu 32 Bit Farbtiefe pro Kanal, den verlustfreien Wechsel in andere Farbmodelle wie CMYK und Lab sowie Multi-Core- und GPU-Beschleunigung. Die kommende Version 2.10 wird komplett auf der Generic Graphics Library basieren. Die Umstellung des aus über einer Million Zeilen bestehenden Source Codes war und ist ein gigantisches Unterfangen, bei dem kaum eine Code-Zeile auf der anderen bleiben sollte.

So ist GIMP mit seinen zahlreichen direkten und indirekten Entwicklern auch ein beeindruckendes Kommunikations- und Koordinationsexperiment. Einen Meilenstein der Entwicklungsgeschichte markierte der 1997 eingerichtete IRC-Channel #gimp, der Echtzeit-Diskussionen unter den Entwicklern ermöglichte. Wichtige Schübe kommen von persönlichen Treffen wie dem jährlich veranstalteten Libre Graphics Meeting, dem Google Summer of Code oder Hacking-Sessions einzelner Entwickler. Der Google Summer of Code 2008 bescherte Gimp seine feine Text-Engine, die folgenden Events standen im Zeichen von GEGL. Während einer GIMP-GEGL-Hacking-Woche im Jahr 2012 erprobten Michael Natterer und Øyvind Kolås eine Migrationsmethode, die sich als überraschend effizient herausstellte. Das Treffen ging in die Verlängerung und nach drei Wochen waren 90 Prozent des GIMP-Cores auf GEGL portiert.

Womit wir bei einem häufigen Missverständnis wären: Aus purer Vorfreude neigen Nutzer dazu, aus hohen Prozentwerten oder Versionsnummern mit Hilfe allzu simpler Berechnungsmethoden exakte Release-Daten abzuleiten. Mittlerweile hat die Fertigstellung der restlichen zehn Prozent drei Jahre verschlungen. GIMP-Kenner hätten das ahnen können – schließlich hat der vermeintlich letzte kleine Schritt von 0.99 auf 1.0 auch ein ganzes Jahr gedauert. (atr)

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