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20 Jahre World Wide Web Consortium

Am 1. Oktober 1994 gründete sich das World Wide Web Consortium, das die Hoheit über fast alle Techniken hat, die im Web eine Rolle spielen.

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Für den einen ist sie die einzige überparteiliche Autorität in einem von Fragmentierung bedrohten Web, der andere geißelt sie als träge, fortschrittsverschleppende Bürokratie: Heute vor 20 Jahren gründete sich das W3C, das World Wide Web Consortium.

Am 1. Oktober 1994 lagen Tim Berners-Lees und Robert Caillaus erste Gehversuche mit dem "World Wide Web" vier Jahre zurück. Das WWW kombinierte die Idee von "Hypertexten" mit dem Internet. Damit wurde es zum durchschlagenden Erfolg, der konkurrierende Entwicklungen wie Gopher der Vergessenheit anheimfallen ließ und in der Öffentlichkeit bald als Synonym für das Internet galt.

Die Ursprünge des WWW waren akademisch, aber die Technik drängte mit Macht aus dem Elfenbeinturm heraus: Im April 1994 hatte Marc Andreessen, der junge Erfinder des damals beliebtesten Browsers Mosaic, die Firma Netscape gegründet, die Industrie stürzte sich auf das WWW, von dem sich allmählich abzeichnete, dass es die Welt verändern würde.

Tim Berners-Lee

(Bild: Le Fevre Communications)

Das W3C, das mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) eine der am meisten respektierten Forschungseinrichtungen als Standort wählte, konnte einen Teil der Kontrolle über die Webtechniken behalten und wirkte der Fragmentierung zwischen verschiedenen kommerziellen Interessen größtenteils erfolgreich entgegen – auch wenn im "Browser-Krieg" zwischen Netscape und Microsoft zwischen 1995 und 1998 erst einmal nicht danach aussah.

Mit der Spezifikation von HTML 4 (1998) und CSS (1996/98) definierte das W3C einen lange gültigen Grundstock von Webtechniken, der sich allerdings erst mit jahrelanger Verspätung gegen die überwältigende Marktdominanz Microsofts mit seinem Internet Explorer durchsetzte, dessen Vorstellungen von Webtechniken in vielen Details zu denen des W3C im Widerspruch standen. Die Erfinder der Programmiersprache JavaScript wählten für ihre Spezifizierungsarbeit ein anderes Dach (die Ecma, die ironischerweise im WWW-Geburtsort Genf sitzt), aber für die wichtigen Schnittstellen zum Browser ist wiederum das W3C zuständig.

Auf dem Höhepunkt des Browser-Kriegs nahm das W3C ein weiteres Großprojekt in Angriff: XML sollte als universelle Auszeichnungssprache von noch fundamentalerer Bedeutung werden als HTML. Basierend auf der klareren XML-Grammatik versuchte man auch, HTML neu als XHTML zu formulieren. XHTML 2 schließlich sollte die Geburtsfehler der lingua franca des Web beseitigen, notfalls auch auf Kosten von Abwärtskompatibilität.

Doch ambitionierte Projekte wie XHTML 2 oder auch Berners-Lees Steckenpferd eines Semantischen Webs steuerten das W3C in seine bis dahin größte Krise. Die Arbeiten daran fielen in die bleiernen Jahre des Web Anfang der Nuller-Jahre; solche hochfliegenden Konzepte passten nicht zu der schleppenden Entwicklung nach der geplatzten Dotcom-Blase und dem Ende des Browser-Kriegs. Was es an praxistauglicher Innovation gab, lief meist am W3C vorbei – seien es proprietäre HTML-Erweiterungen von Microsoft oder Macromedias Plug-in Flash.

Die alten Konflikte zwischen dem akademisch geprägten Kräften im W3C und den ebenfalls darin vertretenen Praktikern, welche die Techniken implementieren mussten, brachen wieder auf. Mozilla, Opera und Apple, die mit ihren Browsern am riesigen Marktanteil Microsofts knabberten, drängten auf praxisnahe Innovationen. 2004 gründeten sie die Rebellengruppe WHATWG. Daraus wurde schließlich HTML5, was eine bis heute nicht abebbende Innovationswelle bei den Webtechniken auslöste.

Dem W3C ist es gelungen, ohne großen Gesichtsverlust die erfolgreichen Rebellen einzufangen und sich hinter ihr Projekt zu stellen. Heute sind die Aktivitäten des Standardisierungsgremiums so vielfältig wie noch nie: 45 Arbeitsgruppen sind innerhalb der Organisation mehr oder weniger aktiv, darunter Riesen wie die für HTML und CSS oder die zahlreichen JavaScript-Browser-Schnittstellen, aber auch Exoten wie "Evaluation and Repair Tools" oder "Multimodal Interaction". Nicht eingerechnet sind dabei Interessengruppen wie die für Semantisches Web oder Barrierefreiheit (WAI) sowie Communities wie die für die Zukunftstechnik Extensible Web.

Auch wenn immer wieder Konflikte aufbrechen, Prozesse schleppend ablaufen und die Standardisierung der rasanten und mitunter chaotischen Implementierung um Jahre hinterherhinkt, ist die Bedeutung des W3C nicht zu unterschätzen: Anders als in den 90er-Jahren findet die Innovation in einem offen standardisierten Prozess ihren Rahmen – und nicht zuletzt sind alle W3C-Techniken patentfrei. In diesem Sinne: Alles Gute zum Geburtstag, W3C! (anw)