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200 Jahre Werner von Siemens: Konzern-Chef Kaeser fordert faire Geschäftsmodelle für das digitale Zeitalter

Mit Mut und Optimismus – so will Siemens 200 Jahre nach der Geburt des Unternehmensgründers die Digitalisierung angehen. Zum Geburtstag des Erfinders gibt es auch nachdenkliche Töne.

Siemens-Chef: Digital-Zeitalter braucht faires Geschäftsmodell

Werner von Siemens

(Bild: Siemens)

Siemens-Chef Joe Kaeser hat dazu aufgerufen, Bedenken angesichts der Digitalisierung ernst zu nehmen. "Viele Menschen machen sich Sorgen, ob sie im digitalen Zeitalter überhaupt noch gebraucht werden", sagte Kaeser. Diese Menschen müssten mitgenommen werden.

"Unsere Aufgabe ist es auch, ein faires, ein inklusives Geschäftsmodell zu entwickeln. Das braucht das digitale Zeitalter", sagte Kaeser bei einem Festakt zum 200. Geburtstag des Gründers Werner von Siemens (geboren am 13. Dezember 1816). Dabei hob Kaeser hervor, dass der Unternehmer auch Verantwortung für die Gesellschaft übernommen habe. Werner von Siemens etablierte 1872 eine Pension-, Witwen- und Waisenkasse als betriebliche Altersversorgung.

Der Vorstandschef würdigte auch Siemens' Optimismus und Mut zum Wandel. "Von diesem Optimismus, diesem Willen müssen auch wir uns wieder mehr leiten lassen", forderte Kaeser. "Wenn wir es richtig anstellen, bietet die Digitalisierung enorme Chancen für uns. Sie kann Wachstum erzeugen, Arbeitsplätze schaffen."

Der Zeigertelegraf

(Bild: Siemens)

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, die Digitalisierung lasse sich nicht aufhalten, sie lasse sich nur gestalten. "Dabei muss es unser Anspruch als Industrieland sein, vorne dabei zu sein." Siemens spiele eine zentrale Rolle. Es gehe auch darum, Kompetenzzentren zu bilden, durch die kleine und mittlere Unternehmen die neuen Chancen nutzen könnten, hob Merkel hervor. Notwendig sei eine lebendige Gründerkultur. So habe sich in Berlin eine vielversprechende Start-up-Szene entwickelt. "In manchen Hinterhöfen herrscht heute genauso ein Erfindergeist wie seinerzeit bei Werner von Siemens – allerdings ganz anderer Natur."

Die Geschichte von Siemens begann in den Jahren 1846 und 1847 in einer Berliner Hinterhofwerkstatt. Mit der Konstruktion des Zeigertelegrafen legte Werner von Siemens zu diesem Zeitpunkt den Grundstein seiner technisch-wissenschaftlichen, aber auch unternehmerischen Laufbahn. Das Gerät arbeitete zuverlässig und war den damals bereits existierenden Apparaten der Nachrichtenübertragung überlegen.

Um es in Serie herstellen zu können, gründete der Erfinder zusammen mit dem Feinmechaniker Johann Georg Halske im Oktober 1847 die "Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske". Im gleichen Jahr entwickelte Werner von Siemens zudem ein Verfahren, um Drähte mit einer nahtlosen Umhüllung aus Guttapercha zu versehen, einem dem Kautschuk ähnliches Material.

Siemens' Dynamomaschine

(Bild: Siemens)

Auf dem Gebiet der Elektrotechnik gilt die Entdeckung des elektrodynamischen Prinzips und die Entwicklung des ersten Generators im Jahr 1866 als Werner von Siemens' bedeutendste Leistung. Damit schuf er die Voraussetzung, Elektrizität in größerem Umfang zu erzeugen und zur Energieversorgung nutzbar zu machen.

Mit der Zeit erschloss das Unternehmen immer neue Anwendungsfelder der Elektrizität: 1879 präsentierte Siemens & Halske auf der Berliner Gewerbeausstellung die erste elektrische Eisenbahn der Welt mit Fremdstromversorgung. Auch die neu entwickelte Differential-Bogenlampe wurde anlässlich der Ausstellung in einer Berliner Ladenpassage installiert, auf die drei Jahre später die erste ständige elektrische Straßenbeleuchtung Berlins folgte.

1880 konstruierte Werner von Siemens den ersten elektrischen Personenaufzug der Welt. Ein Jahr später wurde die weltweit erste elektrische Straßenbahn im heutigen Berliner Stadtteil Lichterfelde in Betrieb genommen. 1890 schied Werner von Siemens offiziell aus dem Geschäft aus – das lief aber mit Auf und Abs gut weiter.

Ende 1987 werden die ersten 1-MB-Chips produziert.

(Bild: Siemens)

1903 fusionierten die Starkstromabteilungen von Siemens & Halske mit der Elektrizitäts-Aktiengesellschaft vorm. Schuckert & Co. zur Siemens-Schuckertwerke GmbH. 1919 schlossen sich die führenden Glühlampenhersteller Deutschlands zur Osram GmbH KG zusammen.

Während des Zweiten Weltkriegs beschäftigte Siemens auch Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in seinen Werken. Zum Ende des Krieges war das Unternehmen in seiner Existenz bedroht. Die meisten Gebäude und Werksanlagen waren zerstört, das Vermögen wurde konfisziert.

Siemens berappelte sich aber wieder, wuchs stetig. Die Gründung der Siemens Aktiengesellschaft erfolgte zum 1. Oktober 1966. In den 80ern folgte die Entwicklung von Megabit-Speicherchips, die stetig verbessert wurden, was aber nicht hieß, dass in der Mikroelektronik für Siemens alles glatt lief: 1999 wurde die Halbleitersparte Infineon an die Börse geschickt, Siemens selbst verabschiedete sich praktisch aus der Mikroelektronikproduktion. 2005 gab Siemens dann auch das Handy-Geschäft an BenQ ab, später folgte dessen Pleite.

Mit viel Negativpresse musste sich der Konzern ab dem Jahr 2006 auseinandersetzen – der Korruptionsskandal war aufgeflogen. Über Jahre sollen rund 1,3 Milliarden Euro in dunkle Kanäle geschleust worden sein, um lukrative Auslandsaufträge zu ergattern. Nach der Aufdeckung des Skandals trat im April 2007 der damalige Aufsichtsratsvorsitzende und frühere Vorstandschef Heinrich von Pierer zurück, wenige Tage später gab auch sein Nachfolger an der Konzernspitze, Klaus Kleinfeld, auf.

Im Mai 2014 stellte der nunmehrige Konzernchef Joe Kaeser seine Pläne für einen radikalen Konzernumbau vor. Die Aufteilung des Geschäfts in Sektoren wurde aufgehoben, um den Konzern schlanker und wettbewerbsfähiger zu machen. Siemens sollte auf Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung ausgerichtet werden. Der Umbau kostete tausende Jobs. Im gleichen Jahr brachte Kaeser die Verselbstständigung der Medizintechnik, den Verkauf des Anteils am Hausgeräteherstellers BSH und der Hörgerätesparte auf den Weg. Es ist die endgültige Trennung vom Endkundengeschäft. Zur Bilanz-Pressekonferenz gab Kaeser im November 2016 bekannt, dass auch die Medizintechnik an die Börse gebracht werden soll. Mittlerweile hat der Konzern weltweit etwa 348.000 Beschäftigte. (dpa, Kristina Beer) / (kbe)

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