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20C3: Die Vertreibung aus dem Hackerparadies

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Abrupt ging in der Nacht zum Dienstag der Jubiläums-Congress 20C3 der Hackerzunft zu Ende. Schon vor der Abschlussveranstaltung am Montagabend hatten eifrige Chaos-Engel, die traditionell als Helfer in allen technischen und organisatorischen Notlagen auf dem Stelldichein der kritisch-schöpferischen Sicherheitstester fungieren, Besuchern die Tische unter ihren Desk- und Laptops mitsamt den hinterlassenen Müllresten wegzuziehen begonnen. Auf dem letzten, der Veranstaltungsleitung gehörenden Panel machte Andy Müller-Maguhn, Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC) dann unmissverständlich deutlich, dass die übliche Party vor dem Abschied leider nicht stattfinden könne. Sie fiel der Tatsache zum Opfer, dass im erstmals für die Tagung bezogenen Berliner Congress Center am Alex die Vorbereitungen für die Silvesternacht anliefen und die Hacker das Gebäude um 8 Uhr morgens am Dienstag "besenrein" übergeben mussten.

Gleichzeitig wurde rigoros Resümee gezogen. Dabei half eine vorläufige Auswertung der erstmals zur besseren Qualitätskontrolle ausgelegten Fragebögen, mit denen sich die Congress-Leitung der Kritik der Teilnehmer stellte. Im Feedback waren diese sich aber nicht immer einig, wunderte sich Müller-Maguhn. So habe einer kritisiert, dass der "Drogenkonsum nicht nur geduldet, sondern gefördert wird". Ein anderer Chaosjünger habe dagegen besonders gelobt, dass es so "günstiges Gras" gegeben habe.

Arge Schelte mussten sich die Netzwerker für die mehr schlechte als rechte Versorgung der Möchtegern-Datenreisenden mit Internet gefallen lassen. Tim Pritlove vom Veranstaltungsteam suchte das Network Operation Center (NOC) zwar in Schutz zu nehmen. Es habe "mit widrigen Umständen zu kämpfen" gehabt. Neben den Hardwareproblemen seien ganze Glasfaserstrecken entgegen der Planung nicht zu gebrauchen gewesen. "Trotzdem: Ich habe mein Netz gehabt", erklärte Pritlove und wollte so darauf hinweisen, dass man doch immer wieder zum Surfen gekommen sei. Nach einigen Buhrufen musste er hinzufügen, dass es natürlich keine gesonderte Standleitung für das Leitungsteam gegeben habe.

Keine Probleme gab es dagegen mit dem guten alten Telefonnetz, das die Crew des Phone Operation Center (POC) mit einer eigenen Anlage zum zweiten Mal nach dem Sommer-Camp auf einer Großveranstaltung des CCC hochgezogen hatte. "Wir konnten komplett auf den Betrieb von Funkgeräten verzichten", freute sich Pritlove. Auch ihre Handys konnten die Hacker weit gehend stecken lassen: Gefragt waren stattdessen schnurlose DECT-Fernsprecher, mit denen man im Gebäude kostenlos telefonieren konnte und auch von außerhalb über eine eigene Endstellen-Nummer erreichbar war. Die Verkäufer so manchen nahen Elektronikmarktes dürften sich über die starke Nachfrage nach DECT-Telefonen am Samstag und die hohe Rückgabequote am Montagabend gewundert haben.

Während sich die Nähe zum Alexanderplatz damit als klarer Vorteil der neuen Congress-Unterkunft entpuppte, fielen die Vergleiche zu dem in den Jahren zuvor bezogenen Haus am Köllnischen Park (HAKP) nicht immer rosig für ersteres aus -- obwohl es sich bei beiden um sozialistische Schmuckstücke handelt. Das loungige "Art & Beauty Center" mit seinen ausgedehnten Sofaflächen habe genauso gefehlt wie einfach mehr "Ecken zum Hinsetzen", bemängelten viele Teilnehmer. Insgesamt habe das Gebäude aber mehr Platz geboten, korrigierte Pritlove falsche Eindrücke. Vor allem die beiden "kleinen" Vortragssäle seien deutlich geräumiger gewesen als zuvor. Ein dickes Lob schickte Müller-Maguhn an das aus dem HAKP schon bekannte Management-Team des Congress Center: Wer sonst würde es ertragen, dass ein Veranstaltungsgebäude komplett "beschlafen" werde und die Leute gar eigene Kaffeemaschinen mitbringen, statt auf das Haus-Catering zuzugreifen?

Keine besonderen Vorkommnisse gab es aus dem Reich der Hackerinnen, dem Haecksencenter, zu vermelden. Die Damen hätten "durchklingen lassen, dass alles toll ist", konstatierte Pritlove. "Sie sind glücklich, wir auch." Gut geklappt habe auch die Versorgung einiger überanstrengter Chaoten durch das "CERT" -- das Congress-eigene Sanitäterteam. Positiv aufgefallen sei ferner, dass der "Bastelanteil" im Hackcenter mit mehr Lötkolben und auseinander geschraubten Xboxen deutlich zunahm. Den Preis für die "umfangreichste musikalische Darbietung" verlieh die Congress-Leitung schließlich an die Schlösser "hackenden" Lockpicker. Sie hatten auf ihre Siegerehrung mit einem angeheuerten Spielsmannszug durch das komplette Gebäude aufmerksam gemacht. In den Feedback-Bögen sei aber "mehr auf die Miniröcke" einiger Bechbläserinnen "als auf die Musik eingegangen" worden, witzelte Müller-Maguhn.

Zum 20. Chaos Communication Congress siehe auch:

(Stefan Krempl) / (Stefan Krempl) / (jk)

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