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22C3: Hackerethik-Hotline soll Massen-Cracks verhindern

Erstmalig gibt es auf dem Chaos Communication Congress, dem alljährlichen Stelldichein der europäischen Hackerszene zwischen Weihnachten und Silvester in Berlin, ein rund um die Uhr besetztes Beratungstelefon. Die "Hacker Ethik Hotline" soll selbsternannte Sicherheitstester davon abhalten, nach Belieben "Kisten aufzumachen". Dies kündigte Tim Pritlove vom veranstaltenden Chaos Computer Club (CCC) bei der Eröffnung des 22. Hackertreffs (22C3) am Dienstagvormittag im Berliner Congress Center am Alexanderplatz an. Der CCC reagiert damit auf einen Massencrack während des Kongresses im vergangenen Jahr, bei dem über 18.000 bei einem Provider gehostete Websites durch ein Skript automatisch verändert wurden.

Die Hotline ist aus dem kongresseigenen Telefon-Netz mit DECT-Geräten über die Nummer 1042 kostenfrei zu erreichen. Sie soll Fragen nach der moralischen Vertretbarkeit von Sicherheitstests beantworten und Anrufende anonym etwa darüber aufklären, "wie viel Stress es gibt, wenn's schief geht". Im vergangenen Jahr waren die Kongress-Organisatoren einen geschlagenen Tag damit beschäftigt, am "Abuse"-Telefon die Gemüter von Anrufenden zu beruhigen, die über "dumme Parolen" und das Vereinslogo auf ihren Sites wenig entzückt waren. "Um uns allen viel Ärger zu ersparen und mir außerdem zu zeigen, dass ihr keine Nihilisten seid, die am liebsten alles zerstören würden, bitte ich euch hiermit um Folgendes: Bitte sperrt dieses Jahr von eurem Treffen aus von vorneherein meine URL", hatte sich ein genervter Webmaster im Vorfeld des diesjährigen Kongresses in einem auch im Vereinsmagazin Datenschleuder abgedruckten Schreiben an die Hacker gewandt. "Ich hab zwischen den Jahre ne Menge zu tun und daher keine Zeit für eure Späßchen".

Generell forderte Pritlove die Teilnehmer der "größten europäischen Hackerparty" auf, "das beste Bild davon abzugeben, um was es in der Szene geht". Das Hackerimage sei in der Öffentlichkeit nach wie vor etwas verzerrt, weswegen es einige Punkte klarzustellen gebe: "Wir sind keine Kriminellen", proklamierte der Eröffnungsredner. Das Hauptbestreben der Computerexperten sei darauf gerichtet, die Freiheit zu wahren sowie die Technologie und damit auch die Welt zu verstehen. "Wir sind aber nicht die allmächtigen Über-Geeks", stellte Pritlove weiter klar. "Wir dringen nicht in alles ein und knacken keine Bankkonten." Ein Hacker sei jemand, der erforschen wolle, wie etwas funktioniere. "Wir reparieren auch nicht deine Windows-Maschine", räumte der Mitorganisator mit weiteren falschen Erwartungen an die Konferenz auf. "Wir haben eine Stimme und wir wollen, dass sie gehört wird."

Bei den politischen Zielsetzungen will sich der CCC laut Pritlove in diesem Sinne insbesondere gegen eine weitere Überwachung der Bürger stark machen. "Wir starteten mit dem Kongress im Orwell-Jahr 1984, weil es ein Sinnbild für die Unterdrückung war. Jetzt haben wir auch in Deutschland all diese Gesetze und Regeln, von denen wir dachten, dass sie '1984' existieren würden", versuchte der Hacker seine Mitstreiter aufzurütteln. In 150 Vorträgen können sich die Teilnehmer dieses mal an erstmals vier Tagen über Sicherheitslücken, den Einfluss der Computer- und Netztechnik auf die Gesellschaft sowie auch über die Angriffe auf die Privatsphäre und die Meinungsfreiheit aufklären lassen. Daneben verspricht das Hackcenter im Untergeschoss erneut viel "Spaß am Gerät", während insbesondere im "Art & Beauty"-Saal mit Robotern, dem Öffnen von Schlössern (Lockpicking) oder Visuals experimentiert werden darf. Weitere größere Projektecken halten etwa die Vertreter des deutschsprachigen Wikipedia besetzt, die am morgigen Mittwoch Besuch vom Chefentwickler der Mediawiki-Software, Brion Vibber, erwarten, die Wauland-Stiftung zur Erinnerung an den 2001 verstorbenen CCC-Doyen Wau Holland oder die Freifunk-OLSR-Bewegung besetzt.

Siehe zum 22. Chaos Communication Congress (22C3) und zur Veranstaltung 21C3 im vergangenen Jahr:

(Stefan Krempl) / (Stefan Krempl) / (ciw)

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