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24C3: Das Hackerchaos dräut erneut in Berlin

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Zwischen Weihnachten und Neujahr lädt der Chaos Computer Club (CCC) Datenreisende mit Spaß am Gerät und politischer Debatte erneut zum größten europäischen Hackertreffen nach Berlin. Der 24. Chaos Communication Congress (24C3), der vom 27. bis zum 30. Dezember im Berliner Congress Center (bcc) am Alexanderplatz über die Bühne gehen soll, steht unter dem Motto "Volldampf voraus!". Damit verordnen sich die Datenreisenden nach skeptischen Einschätzungen über "verlorene Kriege" im Kampf gegen den unverhältnismäßigen Ausbau von Überwachungsstrukturen in den vergangenen Jahren nicht etwa eine rosarote Zukunftsvision. Vielmehr wollten die Veranstalter eine Assoziation finden zu der (literarischen) Bewegung des Steampunk, die vor allem in den USA ausgeprägt ist.

Bei der Gegenbewegung zum Cyberpunk gehe es um den "Spaß, unsere hochmoderne Industriezeit mit den Tagen der Einführung der Dampfmaschine zu vergleichen", erläutert Tim Pritlove vom Organisationsteam in einem anderthalbstündigen Sonder-Podcast der Reihe Chaosradio-Express. Damals wie heute würden sich Strukturen und Zusammenhänge von Ort und Zeit ändern. Steampunk habe in der Auseinandersetzung mit diesen Gemeinsamkeiten viele Ausprägungen entwickelt, die "Retro" und "Futurismus" mixen. Dies schlage sich unter anderem in einer "netten Bastelszene mit Messing-beschlagenen Laptops" nieder, die das viktorianisches Zeitalter mit Hightech zu verknüpfen suche. Passend zum Kongressmotto wollen CCC-Anhänger im Frack in einem der ersten Hauptvorträge einen Apparat für den Zusammenschluss einer historischen Telegraphenmaschine mit dem Internet präsentieren.

Die "Botschaft von innen" soll vier Tage lang gemäß Pritlove lauten: "Es ist so viel gegangen im Club wie schon lange nicht mehr." Deswegen sei der eigene CCC-Jahresrückblick wieder auf zwei Stunden ausgedehnt worden. Viele politische Themen zur Überwachung habe die Hackervereinigung in diesem Jahr beackern müssen, etwa im Rahmen des Streits um heimliche Online-Durchsuchungen. Rund um die geforderte Netzbespitzelung wollen die schöpferisch-kritischen Technikfreunde "Fehlinterpretationen" und "Mythen" beleuchten.

"Wir verlieren eine Schlacht nach der anderen", räumt Pritlove in politischer Hinsicht ein. So seien in diesem Jahr etwa mit der Verpflichtung zur Vorratsspeicherung von Telefon- und Internetdaten wieder eine Reihe von Überwachungsgesetzen beschlossen worden, die nun vom Bundesverfassungsgericht zurechtgerückt werden müssten. Es gebe aber auch Teilerfolge mit dem Wahlstift in Hamburg und dem Ausschluss von Wahlcomputern in Holland zu vermelden. Vorsichtig hoffnungsvoll stimmt Pritlove, dass "junge Leute wieder ein stärkeres Interesse an gesellschaftspolitischen Themen zeigen" und der Trend weg gehe von einer "rein verspielten Abenteuerlust mit der Technik". Bei der Berliner Großdemo gegen den "Überwachungswahn" in Staat und Wirtschaft sei zu spüren gewesen, "wir sind nicht die einzigen, die meinen, dass etwas falsch läuft", ergänzt in dem Podcast CCC-Sprecherin Constanze Kurz.

Das Organisationsteam konnte in diesem Jahr aus fast 200 Einreichungen für Vorträge auswählen. Um den Fahrplan für den Kongress trotzdem nicht zu überbordend wie in manchem Jahr zuvor zu gestalten, haben die Veranstalter die vierte Vortragsschiene aus dem Programm gestrichen. Es solle "nicht so stressig werden wie auf den Business-Konferenzen", begründete Kurz den neuen Ansatz. Dafür würden das Workshop-Angebot und der Lounge-Bereich unter dem Aufhänger "Art & Beauty" ausgedehnt. Raum für abwechslungsreiche Eigenbetätigung und Projekte bietet wie jedes Jahr zudem das Hackcenter. Gebastelt werden darf unter anderem an unbemannten Flugobjekten wie dem "Autopiloten" mit dem Titel "Paparazzi".

Im Bereich Datenschutz und Sicherheit stehen nicht zum ersten Mal unter anderem die Weiterentwicklung des derzeit löchrigen Anonymisierungsnetzes Tor sowie die "biometrische Vollerfassung" auf der Agenda. Vorgestellt werden auch das anonyme Zugangskontrollsystem OpenAccess sowie der Verschlüsselungsalgorithmus AES. Auf Sicherheitslücken untersucht haben Hacker zudem Spielekonsolen wie die tragbare Playstation oder die Xbox 360 und scheinbar einfache Alltagsgegenstände wie Barcodes.

Nicht fehlen darf die Auseinandersetzung mit "Hackerideologien" wie dem Open-Source-Phänomen. Falls noch Fragen offen bleiben, locken bunte Vorträge über die "Agenten des Bösen" beziehungsweise Verschwörungstheorien, Kommunismus im Weltraum, Überlebenstipps nach einem Aufstand der Roboter oder Sex 2.0 und das "Hacken der Heteronormativität". Unklar ist derzeit noch, wer die Eröffnungsrede halten wird. Wunschkandidat Bruce Sterling, der als Autor sowohl den Steampunk wie den Cyberpunk entscheidend mitgeprägt hat, musste passen.

Siehe dazu auch:

Zum 23C3 im vergangenen Jahr siehe auch:

Zum 22C3 im Jahr 2005 siehe:

Zum 21. Chaos Communication Congress im Jahr 2004 siehe auch:

Zum 20. Chaos Communication Congress im Jahr 2003 siehe auch:

(Stefan Krempl) / (jk)