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25C3: Mit dem 3D-Drucker zurück zur Heimindustrie

Bre Pettis, Gründer der Hackerenklave NYC Resistor in Brooklyn, ist sichtlich begeistert von 3D-Druckern und günstiger werdenden Maschinen der klassischen computergesteuerten Industrieproduktion. Ein Objekt zunächst auf dem Rechner in Zeichen- oder Konstruktionsprogrammen zu erstellen und dann gleichsam auszudrucken oder maschinell zuschneiden zu lassen, "bietet eine absolute Befriedigung", erklärte der ehemalige Lehrer aus Seattle den Hackermassen am gestrigen Sonntagabend auf dem 25. Chaos Communication Congress (25C3) in Berlin. Es sei zwar nicht schlecht, Software zu programmieren. Viel interessanter wäre es aber, 3D-Objekte selbst herzustellen. "Das hat auch den Mehrwert, dass es das zentral gesteuerte Konsumparadigma unterläuft."

"Ihr könnt alle digitale Designer werden, wenn ihr nur wollt", warb Pettis weiter für die schier unbegrenzten Möglichkeiten der Computermanufaktur. Es gebe inzwischen Dienstleister wie Ponoko oder das von Philips ins Leben gerufene Shapeways, an das man seine Designdateien senden, die darin umschriebenen Objekte anfertigen und sich zuschicken lassen könne. Besser sei es freilich, die gewünschten und selbst kreierten Gegenstände in der Hackergemeinde oder gleich bei sich zuhause in Materie zu verwandeln. Dies entspreche besser dem dezentralen Modell für digitales Design und Fertigung, das der Produzent heraufziehen sieht.

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Er schwärmt von einer neuen Art der Heimindustrie und einer "Kultur des Teilens", die nach der rein digitalen Welt nun auch die Güterproduktion erfasse. Da gehe es schon auch um eine Wiederbelebung "kommunistischer Ziele", führte Pettis aus: "Jemand veröffentlicht das Design für eine Butterdose im Internet und Millionen können sie damit anfertigen." Diesen radikalen Wandel des Fertigungsprozesses hätten viele Menschen noch nicht verstanden.

Seinen Vortrag hat Pettis unter den Aufhänger "Rapid Prototype Your Life" gestellt. In seiner mit vielen Videoelementen über Pioniere der Heimfabrikation und gemeinschaftliche Produktionsstätten wie dem Hackerspace Metalab in Wien angereicherten Rede würfelt er aber Formen des Rapid Prototyping und gängige Formen des Fräsens oder Zuschneidens aus der Industrieproduktion bunt durcheinander. Einmal verweist er auf das Projekt RepRap, mit dem sämtliche Bauteile einer 3D-Fertigungsmaschine selbst von einer solchen erstellt werden sollen und dem ein eigener Vortrag heute Abend auf der Hackerkonferenz gewidmet ist. Dann wieder verweist Pettis auf Plotter oder Maschinen zum Laserschneiden, mit denen sich Bastler etwa einen Laptop-Ständer gegen die ständigen Rückenschmerzen beim Sitzen am mobilen Rechner zurechtgestanzt haben.

Unter Rapid Prototyping versteht man generell die vergleichsweise schnelle Herstellung von Musterbauteilen ausgehend von Konstruktionsdaten, wobei die automatische Fertigung dreidimensionaler Prototypen oder Modelle im Vordergrund steht. Das "rapid" im Namen ist noch relativ zu verstehen: Es dauert oft mehrere Stunden oder Tage, bis ein einzelnes Teil das Licht der Welt erblickt. Oft ist die additive, ein Objekt mit diversen Stoffen quasi aus dem Nichts aufbauende Fertigung aber flotter als Formen der klassischen industriellen Produktion, bei denen ein Gegenstand aus einer größeren Masse gemäß dem Bildhauermodell herausgeschnitten wird. Ein Beispiel für Letzteres ist das CNC-Formfräsen (Computer Numerical Control), das wegen seiner großen Genauigkeit viel Zeit beansprucht.

Rapid-Maschinen sind letztlich Peripheriegeräte wie Scanner oder gängige Drucker, die allerdings in der Regel noch so groß wie ein professioneller Kopiererautomat und teilweise störrisch sind. Einfach einen "Druckbefehl" an einen der Kästen zu schicken und auf das Ergebnis zu warten, klappt selten. Haupteinsatzgebiete sind bislang die Auto- und Raumfahrtindustrie, die Vorstudien für kleine Einspritzpumpen genauso wie für große Titanium-Bauteile rund um die Internationale Raumstation (ISS) fertigen.

Mittlerweile ist die Technik laut Pettis aber soweit fortgeschritten, dass ein Zeichenprogramm wie Corel Draw ausreiche, um eine Fabrikationsblaupause am PC zu schaffen. Das sei zwar alles noch etwas umständlich, da man die Maßeinheiten aus anderen Applikationen erst neu berechnen müsse. Standards für die Umwandlung von Designvorlagen in Maschinencode müssten noch geschaffen beziehungsweise verbessert werden. Sobald man einen der 3D-Drucker oder der anderen Produktionsautomaten aber einmal in Aktion gesehen habe, werde man "süchtig". Rund 1000 Leute sieht der US-Amerikaner in der neuen Fabrikationsbewegung derzeit aktiv. Um noch mehr dafür zu begeistern, hat er erst mal eine Mailingliste für angehende digitale Designer eingerichtet.

Einwände von Hackern, dass man offenbar bislang nur sehr einfache oder hochkomplexe Gegenstände mit dann recht hohem Aufwand kreieren könne, ließ Pettis nicht gelten: Zusammen sei man gerade in Hackerkollektiven stark und könne so etwa auch einen Bauplan für eine Kaffeemühle erstellen. Zudem sei die aufgemotzte Heimfertigung genau das Richtige für das Überstehen der Wirtschaftskrise. Jetzt sei die beste Zeit, das neue Modell auszuprobieren.

Zum 25C3 siehe auch:

(Stefan Krempl) / (Stefan Krempl) / (pmz)

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