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25C3: Wikileaks-Gründer beklagt leichte Zensierbarkeit des Internet

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Julian Assange, der als führender Kopf hinter der Enthüllungsseite Wikileaks gilt, hat mit dem Mythos der Unzensierbarkeit von Online-Medien aufgeräumt. "Kein Medium ist einfacher zu zensieren als das Internet", warnte der Australier die versammelte Hackergemeinde am gestrigen Dienstag auf dem 25. Chaos Communication Congress (25C3) in Berlin. Elektronische Archive könnten sehr einfach verändert werden. So löschten etwa große Tageszeitungen in Großbritannien wie der Guardian oder der Telegraph "permanent" Material aus ihren Sammlungen. Die Texte existierten dann einfach nicht mehr.

Assange, der selbst jahrelang in Hackerkreisen verkehrte und wegen Einbruchs in Computersysteme rechtlich verfolgt wurde, kritisierte scharf die über umfangreiche Firewall-Systeme durchgeführte "präventive Zensur" in Ländern wie China. Um den Aufbau vergleichbarer Blockaden in weiteren Nationen zu unterlaufen, habe Wikileaks in den vergangenen Tagen die Zensurlisten aus Thailand mit insgesamt 15.000 zu sperrenden Webseiten sowie aus Dänemark mit 3863 Internetadressen komplett ins Netz gestellt.

Die Enthüllung der zu blockierenden Seiten hat der Verband der Europäischen Internetprovider EuroISPA als Zeichen dafür gewertet, dass die auch hierzulande laufenden Bestrebungen zu Websperren kontraproduktiv sind. Findige Nutzer in der Schweiz haben die dänische Liste unterdessen bereits dafür genutzt, um einen Teil der im Alpenland gesperrten Seiten ausfindig zu machen und eine "verfassungswidrige" Zensur zu beklagen.

Die Macher von Wikileaks selbst sehen ihre Seite mit Spiegelservern in zahlreichen Ländern als Plattform, um geheim gehaltene, zensierte oder anderweitig nicht frei zugängliches Materialien von politischer, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher oder diplomatischer Bedeutung ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Der Online-Auftritt sei nicht nur anonym, sondern durchaus auch aufgebaut im Hinblick auf das Ziel, "unzensierbar" zu sein, erläuterte ein Mitstreiter Assanges. Glücklicherweise hätten Länder wie Belgien, Schweden oder die USA starke Gesetze, welche die Pressefreiheit und investigative Journalisten schützen würden.

Beim Blick nach Skandinavien sollten die Hacker daher nicht nur an The Pirate Bay denken, um "demokratische Werte nicht durch reinen Medienkonsum zu unterwandern" und so eine Änderung der Gesetzeslage zu befördern. Helfen könnten die Datenreisenden etwa auch beim Schreiben von Routinen, um Dokumente von verräterischen Metadaten zu säubern oder andere neue Funktionen zu implementieren. Sie sollten sich zudem nicht auf undokumentierte Verschwörungstheorien versteigen, sondern besser die auf Wikileaks tonnenweise zu findenden "Faktenpapiere" zu echten Verschwörungen durchlesen. Es gehe darum, die Zukunft durch die Bewahrung der Vergangenheit zu retten. Dazu könne jeder natürlich auch durch das Weiterleiten sensibler Papiere beitragen.

Wikileaks selbst sieht sich immer wieder mit juristischen Schritten oder Androhungen dazu konfrontiert. Assange erinnerte an die seit zwei Monaten geführte Auseinandersetzung mit dem Bundesnachrichtendienst (BND). Diese habe angefangen mit der Verbreitung eines Dokuments von T-Systems mit IP-Adressen, die der BND und dessen Tarnfirmen genutzt haben sollen. Dann sei der Plattform ein Bericht über organisierte Kriminalität im Kosovo zugespielt und mit einem Presseartikel über die dortige Festnahme von BND-Mitarbeitern mitsamt brisanten Laptop-Informationen veröffentlicht worden. Dies könne aber kein Grund dafür sein, dass BND-Chef Ernst Uhrlau nun der internationalen "journalistischen Organisation" Wikileaks strafrechtliche Schritte androhe. Dieser habe wohl gedacht, dass es sich um eine deutsche Seite handle. Die Bundesbürger hätten "jemand Schlaueres" an der Spitzes ihres Auslandsgeheimdienstes verdient.

Assange bedauerte, dass von den Massenmedien hauptsächlich "bunte" Enthüllungen aufgegriffen würden wie etwa die E-Mails aus einem geknackten Yahoo-Konto der einstigen Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin. Dass es in diesem Fall auch Proteste von Datenschützern gab, nimmt der frühere Hacker in Kauf. Die Republikanerin habe den kommerziellen Maildienst genutzt, um offensichtlich auch dienstliche Kommunikation Anfragen auf Basis des Informationsfreiheitsgesetzes der USA zu entziehen. Jeder müsse daher selbst über die politische Relevanz des Materials entscheiden. Lieber wäre es dem Aktivisten aber, wenn etwa auch ein Bericht über Hunderte Hinrichtungen in Kenia vergleichbare Aufmerksamkeit erfährt.

Zum 25C3 siehe auch:

(Stefan Krempl) / (Stefan Krempl) / (anw)

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