28C3: Hacker kämpfen für "echtes Netz" und "echte Computer"

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Der Verein Digitale Gesellschaft hat am Mittwoch auf dem 28. Chaos Communication Congress (28C3) in Berlin eine Kampagne für Netzneutralität gestartet. "Wir wollen damit den Sachverhalt so erklären, dass ihn auch unsere Eltern verstehen", erklärte Markus Beckedahl von der Lobbygruppe eines der Ziele der Aktion, die unter dem Titel "Echtes Netz" firmiert. Damit solle jedem klar werden, dass es um den Erhalt des offenen Internets und nicht um geschlossene Dienste wie AOL gehe, ergänzte sein Mitstreiter Falk Lüke. Finanziell unterstützt werde die Initiative von der "Stiftung Bridge", die sich für digitale Bürgerrechte einsetzt.

Die Kampagne setzt sich dafür ein, dass im Internet keine Dienste bevorzugt und alle Teilnehmer unabhängig von der von ihnen genutzten Hard- oder Software gleich behandelt werden. "Wir fordern ein echtes Netz auch im Mobilfunk", unterstrich Beckedahl einen weiteren Punkt. Dies sei besonders wichtig, da sich die Bundesnetzagentur angesichts eines fehlenden marktbeherrschenden Betreibers nicht als zuständig für diesen Bereich erklärt habe. Ferner dürfe "kein Rumschnüffeln" im Datenverkehr erfolgen, die "Risikotechnologie" Deep Packet Inspection (DPI) zum Durchleuchten sämtlicher übers Netz verschickter Inhalte sei zu verbieten. Nicht zuletzt spreche sich der Vorstoß gegen Netzsperren oder die künstliche Verlangsamung von Internetanschlüssen etwa zum Bekämpfen von Urheberrechtsverstößen oder Kinderpornographie aus.

Diese Forderungen zur Netzneutralität müssten endlich gesetzlich verankert werden, betonte der Netzpolitik-Blogger. Die jüngste Chance dafür habe der Gesetzgeber trotz des Drängens der Oppositionsparteien mit der erneuten Änderung des Telekommunikationsgesetzes (TKG) gerade grandios verpasst. Länder wie Holland oder Chile seien da schon weiter, während die Bundesregierung immer noch darauf baue, dass der Markt allein das offene Internet erhalte. Zudem solle ein Bündnis geschaffen werden, das über den Chaos Computer Club (CCC) und die üblichen Verdächtigen hinausgehe und sich bis hin zu Menschenrechtsgruppen oder Journalistenverbänden erstrecke. Neben dem Online-Auftritt, der in den nächsten Tagen noch überarbeitet und erweitert werde, seien Offline-Aktionen geplant, "um medienwirksame Bilder zu erzeugen".

An überzeugenden Antworten etwa auf die Frage, wie der Aufbau neuer Netzinfrastrukturen finanziert werden solle, wollen die Aktivisten noch feilen. Mit der Aufsplittung in "langsames und schnelles DSL" komme man jedenfalls in Teufels Küche, meinte Lüke. Der staatlich geförderte Ausbau von Netzen solle zudem auf jeden Fall "neutral" erfolgen. Die vielfach von Telekommunikationsfirmen geforderten Möglichkeiten zum Netzwerkmanagement oder zum Festlegen von Transportklassen seien offenbar nicht erforderlich, befand Beckedahl. Nachweise für Engpässe in den eigenen Leitungen habe keiner der großen Anbieter hierzulande liefern können. Der zentrale hiesige Austauschpunkt und Netzknoten DE-CIX sei auch nur zu rund zehn Prozent ausgelastet.

Eine Lanze für den Erhalt des "echten Computers" hatte Tags zuvor bereits der Boing-Boing-Blogger Cory Doctorow gebrochen. Er warnte vor einem "Krieg gegen die allgemeine Datenverarbeitung" und den Universalrechner. Hollywood habe mit seinem Bestehen auf ständigen Copyright-Ausweitungen und den rechtlichen Schutz von Systemen zum digitalen Rechtekontrollmanagement (DRM) nur den Anfang gemacht, meinte der Aktivist. Immer mehr Wirtschaftszweige und Lobbyverbände seien mittlerweile der Ansicht, dass die Benutzer keinen Allzweckcomputer bräuchten, sondern mit kastrierten, auf einzelne Applikationen wie Spiele oder Streaming zugeschnittenen Geräten besser bedient seien. Um die Nutzungsmöglichkeiten zu beschränken, würde tief in Systeme eingreifende Schadsoftware wie Rootkits und Zensuranwendungen fürs Internet aufgefahren.

Für Doctorow macht es "Ubiquitous Computing" aber unerlässlich, dass die Rechner frei und offen bleiben und "wir die volle Kontrolle darüber haben". Schon heute sei eine Hörhilfe nichts anders als ein Computerimplantat in den menschlichen Körper. Setze sich ein so aufgerüsteter Bürger in ein Auto, das letztlich nichts anderes als ein weiteres Instrument zur Datenverarbeitung sei, müsse er sichergehen können, dass die Rechner nicht gegen die Interessen des Nutzers handelten. Auf unternehmerische Hilfe im Kampf für den Universalcomputer können die Hacker Doctorow zufolge nicht zählen, da viele Firmen auch ohne umfassende Freiheiten gedeihen könnten. (ps)