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30 Jahre CCC: Am Anfang war das Chaos

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Heute ist der Chaos Computer Club eine respektierte Institution der Bundesrepublik. Seine Repräsentant/Innen diskutieren mit Bundesministern, sie sitzen in parlamentarischen Enquete-Kommissionen, melden sich regelmäßig in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung "Aus dem Maschinenraum" und kuratieren Wettbewerbe wie Vergessen im Internet. Vergessen sind da schnell die Anfänge, als vor 30 Jahren die ersten Komputerfrieks zusammenkamen und sich chaotisch organisierten.

Berlin, im August 1981. Der Tuwat-Kongress der Hausbesetzer schlug hohe Wellen. Mittendrin erschien ein eher unscheinbares Textchen in der taz, TUWAT.TXT Version überschrieben: "Damit wir Komputerfrieks nicht länger unkoordiniert vor uns hinwursteln, tun wir wat und treffen uns am 12. 9. 81 in Berlin, Wattstr. (taz-Hauptgebäude) ab 11:00. Wir reden über internationale Netzwerke – Kommunikationsrecht – Datenrecht (Wem gehören meine Daten?) – Copyright – Informations- u. Lernsysteme – Datenbanken – Encryption – Komputerspiele – Programmiersprachen – processcontrol – Hardware und was auch immer. Tom Twiddlebit, Wau Wolf Ungenannt." Das ganz spezielle Tuwat-Treffen wurde heute vor 30 Jahren abgehalten. Auch wenn der Chaos Computer Club weit länger brauchte, sich als solcher zu organisieren, um schließlich 1986 ein richtiger deutscher Verein zu werden, gilt jenes Treffen vor 30 Jahren als das Geburtstagsdatum des Clubs. Komputerfrieks, das waren damals enthusiastische Bastler, die bei der Beschäftigung mit ihren leistungsschwachen Rechnern eine Ahnung davon bekamen, wie die Zukunft aussehen könnte. Vor allem waren es nicht simple Rechner. "Computer sind Spiel-, Werk- und Denkzeug", lautete die erste These, die in den Redaktionsräumen der taz diskutiert wurde.

Weitere Treffen folgten, doch zwei Jahre lang geschah nichts, bis Anfang 1984 Wau Holland in Hamburg die erste Ausgabe der "Datenschleuder" herstellte, ein einfaches Faltblatt im DIN-A4-Format mit einer Auflage von 800 Exemplaren, das über linke Buchläden in Deutschland verteilt wurde. In ihm stellte er den Chaos Computer Club vor, "eine galaktische Vereinigung ohne feste Strukturen", doch mit einer klaren Mission: "Wir stinken an gegen die Angst- und Verdummungspolitik in bezug auf Computer sowie die Zensurmaßnahmen von internationalen Konzernen, Postmonopolen und Regierungen." In der Rubrik "Unsere Aufgaben für 1984 und die nähere Zukunft" wurde die Datenschleuder konkreter. Die "Gründung verschiedener öffentlich (per Telefon) zugänglicher Datenbanken" wurde angestrebt, dazu wollte man Bauanleitungen und Bausätze für "billige und universelle Modems" in Angriff nehmen und eine "Passwordfabrik" installieren. Denn Passwörter von Konzernsystemen dienen der abendlichen "Weiterbildung unserer Jugend".

Nachdem der "Spiegel" über diese erste Datenschleuder berichtete, trafen über 300 Leserbriefe in der Spiegel-Redaktion ein, die das Blatt abonnieren wollten. Weitere 500 kamen zur Redaktionsadresse, dem Buchladen "Schwarzmarkt". Auch der Verfassungsschutz wollte ein Abonnement. Ein Mitarbeiter fragte bei Grossisten und der Deutschen Bundespost nach. Da dort niemand das Blatt kannte, tippte er auf eine Aktion eines gegnerischen Dienstes, der Adressen abschöpfen wollte. Besonders alarmiert war die Deutsche Bundespost. Denn die dann achtwöchig erscheinende Datenschleuder und später die elektronische Version Chalisti brachten fortlaufend Details einer US-amerikanischen "Hacker- und Phreakerszene", wie Kommunikationsnetze ausgetrickst werden konnten. Dafür sorgte Wau Holland die antreibende Kraft hinter der Datenschleuder: Der ehemalige Pfadfinder hatte als Mitglied der Sponti-"Gruppe Grüner Gummihammer" die "Grastriebe-Zeitschrift" Kompost abonniert, die im Verlag Grüne Kraft von Werner Pieper erschien. Darin enthalten: die Nachrichten aus der US-Szene über Kommunen, Kiffer, Phreaker und eben über diese Hacker. Wau dankte später dem Pionier, indem er sowohl die erste Hackerbibel wie später Das Neue Testament in seinem Verlag erscheinen ließ.

Um die Anfänge des Chaos Computer Clubs zu verstehen, muss man wissen, was alles im Deutschland der 80er-Jahre verboten war im Bereich der staatlich kontrollierten Telekommunikation. Bei Anmeldung eines Fax-Gerätes prüfte in einigen Bundesländern der Verfassungsschutz den Antragssteller. Die Eigenkennung des Fax-Gerätes verändern durfte nur ein zugelassener Techniker. Wer selbst das Mäuseklavier bediente, beging einen Straftatsbestand, den gefährlichen Eingriff in den Fernmeldeverkehr. Noch übler sah es bei den Akustikkopplern und Modems aus, eben den Geräten, mit denen Hobbycomputer ebenso wie I/O-Terminals an große Systeme angeschlossen werden konnten. Sie brauchten eine FTZ-Nummer, desgleichen jeder Rechner, der mit ihnen verbunden war. Ein Komputerfriek, der mit seinem zusammengeschraubten Rechner auf Datenreise gehen wollte, bewegte sich damit automatisch außerhalb der Legalität, jedenfalls so lange, bis Günther Leue seinen VFTK-Schutzschirm aufspannen konnte. Die Ankündigung der ersten Datenschleuder, Bauanleitungen für Modems zu veröffentlichen, alarmierte die staatliche Bundespost ("Der Gilb" in CCC-Parlando) schon vor dem Auftauchen der ersten Datenklos. Man fürchtete eine Beschädigung des damals rasant wachsenden Geschäftsbereiches Rechnerkommunikation mit den Spitzenprodukten Datex-P und Datex-J, dem Trägerdienst für den Btx-Dienst, der auf der IFA 1983 gestartet wurde.

Der ziemlich holperige Start dieses Systems sorgte dafür, dass der kleine Chaos Computer Club 1984 schlagartig einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde. Der CCC hatte eine eigene, gebührenpflichtige Informationsseite im Btx-System eingerichtet. In einer sehr öffentlichkeitswirksamen Aktion programmierten CCC-Hacker ein Skript, das diese Seite im Namen der Hamburger Sparkasse (Haspa) eine Nacht lang fortlaufend abfragte und damit 135.000 DM Gebühren für die Sparkasse erzeugte, die dem Club gutgeschrieben wurden. Der Hack als solcher war eine geschickte Erfindung, denn das notwendige Passwort der Sparkasse wurde dem CCC per Post zugeschickt und nicht erhackt.

Die Aktion reichte jedenfalls aus, um Btx nachhaltig zu schädigen und den Chaos Computer Club als Organisation zu etablieren. Am Ende war damit der Start aus dem Chaos geschafft: Auf dem 1C3 feierte man sich mit dem Slogan "CCC84 nach Orion64 " und einer wunderbaren Aussicht in die fernen Welten der Raumpatroullie am Rande der Unkenntlichkeit: "Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein. Hier ist ein Märchen von übermorgen. Es gibt keine Kupferkabel mehr, es gibt nur noch die Glasfaser und Terminals in jedem Raum. Man siedelt auf fernen Rechnern. Die Mailboxen sind als Wohnraum erschlossen. Mit heute noch unvorstellbaren Geschwindigkeiten durcheilen Computerclubs unser Datenverbundsystem. Einer dieser Computerclubs ist der CCC. Gigantischer Teil eines winzigen Sicherheitssystems, das die Erde vor Bedrohungen durch den Gilb schützt." (jk)

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