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30 Jahre IBM-PC: Ein Tramp erobert die Welt

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Heute vor 30 Jahren erschien das IBM System 5150, vulgo IBM-PC genannt. Im Vergleich zu anderen Rechnern für den Heimgebrauch war das aus Fertigteilen kompilierte Gerät nicht sehr leistungsfähig. Der IBM-PC inspirierte durch seine für IBM sehr ungewöhnliche Offenheit aber einen "Standard", mit dem die Branche weiter wachsen konnte. Zum Jubiläum wird kräftig vergessen.

Im offiziellen Geburtstagsblog, von der IBM-Presseabteilung an alle Redaktionen verschickt, schreibt Mark Dean einen Nekrolog auf den Rechner, an dessen Entwicklung er beteiligt war. Der Text zeigt, dass auch bei IBM (und nicht nur bei Apple) ein "Reality Distortion Field" existiert: "We anticipate changes and try to get out ahead of them – rather than waiting and reacting defensively." Tatsächlich lief die Geschichte vollkommen anders: IBM hatte das Aufblühen eines Marktes für Home Computer vollkommen unterschätzt und musste in aller Eile ein Gerät produzieren, bei dem die Entwickler nicht auf eigene Hardware zurückgreifen konnten. Stattdessen sollten sie beim "Project Chess" (später "Acorn") nur Komponenten nehmen, die billig und von vielen Herstellern angeboten wurden, damit IBM an den Einkaufspreisen kitzeln konnte. Ein Jahr hatte man Zeit, während normale IBM-Entwickler drei, vier Jahre an den Komponenten feilten.

Der Original-IBM-PC mit CGA-Monitor und Tastatur. Hier ist er schon aufgerüstet mit 10 MByte Festplatte und 512 KByte RAM für rund 10.000 US-Dollar.

(Bild: heise online / Andreas Stiller)

Das Ergebnis? Haben wir es so vermisst? "Irgendwas aus der Grabbelkiste" beschrieb Prozessorflüsterer Andreas Stiller von der c't den Rechner , für den zum Start kein Kuchen da war. Der Rechner durchlief die harten Tests in der Redaktion mit großer Verspätung, zum 20. Geburtstag. Die Redaktion hatte damals große Mühe, die Benchmarks auf Disketten in ihren Grabbelkisten zu finden. Immerhin konnte getestet werden: IBM hatte für seinen PC alle Spezifikationen veröffentlicht; und so wurde er geklont und geklont, bis ein Massenklonmarkt entstanden war, bei dem jeder Defekt und jede schwachsinnige Design-Entscheidung kopiert wurde. Das war zunächst durchaus im Sinne von IBM: Man wollte Apple und Co. das Wasser abgraben, die das Image von IBM bedrohten, jeden beliebigen Rechner bauen zu können. Als sich aber gestandene IBM-Ingenieure daranmachten, aus dem Murks früher Tage ein durchdachtes, zukunftsfähiges Sytem zu machen, ernteten sie Niederlage auf Niederlage. Der Microchannel war gut, hatte aber nicht den Hauch einer Chance gegen den EISA- und PCI-Bus: Die mit dem IBM-PC-Standard entstandene Industrie in Gestalt von Compaq & Co. wehrte sich erfolgreich. Besonders trist endete der Versuch, mit OS/2 die Leidensgeschichte von MS-DOS zusammen mit dem strategischen Partner Microsoft zu beenden.

Damit der IBM-PC bekannt wurde, entschied sich IBM, eine 36 Millionen US-Dollar schwere Marketingaktion zu starten. Das war mehr, als das Entwicklungsteam um Don Estridge für den PC zur Verfügung hatte. Vor 30 Jahren warb in den USA jede Homecomputerfirma mit einer "Personality". Apple wurde damals vom Talk Show-Star Dick Cavett repräsentiert, Commodore warb mit dem Schauspieler William Shatner (Raumschiff Enterprise). IBMs Werbeagentur entschied sich für eine Fiktion, den von Charlie Chaplin verkörperten Tramp. Ein herzensguter Mensch, der unverschuldet gegen die Unbilden der Technik kämpft, aber aus jedem Abenteuer zerrupft und glücklich davonkommt und in die Zukunft watschelt, das hatte was. Der Tramp, der weltfremd dahinstapft und bei seinen Abenteuern eine "unerwartete und unverständliche Komplizenschaft mit den Gebrauchsgegenständen der modernen Welt entwickelt, macht Mut. In seinem schwierigen, aber siegreichen Kampf gegen die Gebrauchsgegenstände liegt eine groteske und spöttische Empörung gegen unsere naturfremde Werkzeugzivilisation überhaupt." (Béla Balázs) Millionen von Menschen in aller Welt haben über den IBM-PC und seine Klones mit Ach und Krach die Technik gemeistert. "Der Tramp stellt die Angst vor der Technologie auf den Kopf und wird die Menschheit mit dem Computer versöhnen", befand Charles Pankenier, IBMs Werbeleiter für den PC-Bereich zur Vorstellung heute vor 30 Jahren in New York. Nach 30 Jahren sind wir am Ende einer Ära angelangt. Mit dem Computer hat der Tramp uns möglicherweise nicht versöhnt – aber eine Entwicklung in Gang gebracht, die heute zur Auflösung des klassischen PCs in unzählige Varianten zwischen Smartphone, Tablet, Embedded Computing und Cloud-Rechenzentren führt.

Siehe dazu auch den Text von Andreas Stiller in der neuen Ausgabe der c't:

  • Triumph der Treppenwitze, 30 Jahre PC und DOS, c't 18/11, S. 47
Zur Geschichte des IBM PC siehe auch:
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