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30 Jahre Videotext: Der Mut zur Lücke

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Am 1. Juni 1980 starteten die Fernsehsender ARD und ZDF das gemeinsame Informationsangebot Videotext, begleitet von heftigen Protesten der Zeitungsverleger. Sie nutzten dabei ein von britischen Ingenieuren entwickeltes Verfahren, Texte in der Austastlücke des Fernsehsignals zu übertragen. Obwohl immer wieder totgesagt, ist Videotext heute in ganz Europa verfügbar, während es in den USA floppte.

Als britische Fernsehtechniker Anfang der 70er Jahre begannen, mit der vertikalen und horizontalen Austastlücke des Fernsehsignals zu experimentieren, suchten sie nach einer einfachen Methode, zusätzliche Signale zu übertragen. Schnell schälte sich heraus, dass einfache Texte optimal geeignet waren, fortlaufend als "Tables" oder Tafeln gesendet zu werden, die aus 24 Zeilen mit 40 Stellen bestanden. Vorbild der Techniker war der damalige modernste monochrome IBM-Terminal 3270.

Als erster Sender adoptierte die BBC das System im Jahre 1972 und nannte es Ceefax, eine lautmalerische Adaption von "See Facts". Daraufhin startete die britische Independent Television Authority mit einem eigenen, inkompatiblen System namens Oracle. Aus der Verschmelzung beider Verfahren erwuchs der "Prestel" genannte Standard für den späteren Bildschirmtext, eine Abkürzung für "Press telephone". Der Zeichensatz des Pressetelefons umfasste 92 alphanumerische und 64 Grafik-Zeichen, die normal, in doppelter Größe und blinkend mit 8 Farben dargestellt werden konnten. Die internationale Fernmeldebehörde CCITT (heute ITU genannt) adoptierte den Standard unter dem Namen "teletext". Unter diesem Namen konnte der Dienst in Westdeutschland freilich nicht starten, weil die Post die Gefahr einer Namensverwechslung mit dem damals ebenfalls startenden Telex-Ersatzdienst Teletex geltend machte.

Ehe Videotext bei ARD und ZDF gesendet werden konnte, gab es nach scharfen Protesten der Verlegerverbände in Deutschland ab 1973 eine heftige Diskussion um ein neues Presserechtsrahmengesetz: Videotext wie Kabelfernsehen (Kabeltext) sollten dem Pressebegriff zugeordnet und Sache privater Zeitschriftenverlage sein. Eine Definition der Technik als Rundfunk und damit als Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Fernsehens würde zum Niedergang der Tageszeitung führen, so die Verlegerverbände. Post- und Forschungsminister Horst Ehmke setzte im September 1973 eine aus 22 Mitgliedern bestehende "Kommission für den Ausbau des technischen Kommunikationssystems" ein, die 1976 ihren Bericht vorlegte. Darin wurde Videotext dem Rundfunk zugeschlagen und den Verlegern empfohlen, als Technik auf das Fernkopieren und die Übermittlung der Zeitung als elektronischen Brief zu setzen und dafür das damals schon in ersten Planungen befindliche BIGFON-Netz der Post zu nutzen (BIGFON = Breitbandiges integriertes Glasfaser-Fernmelde-Ortsnetz).

Gegen diesen Expertenratschlag setzte sich der Bundesverband der Deutschen Zeitungsverleger weiterhin zur Wehr, der die "Bildschirmzeitung" verhindern wollte. Schließlich einigte man sich auf den Kompromiss, dass im Rahmen von Videotext täglich eine "Presseschau" von 5 überregionalen Tageszeitungen erscheint, die 15 Videotext-Tafeln umfasst. Nach dem Testbetrieb von zwei Jahren sollte eine wissenschaftliche Untersuchung zum Mediennutzungsverhalten klären, ob Tageszeitungen Leser durch Videotext verlieren. Diese Untersuchung wurde nicht gemacht, stattdessen wurde der Testbetrieb von Videotext Jahr für Jahr verlängert. Er endete erst im Jahre 1990, als längst das Privatfernsehen mit Beteiligung der Verlage gestartet war – und eigene Videotext-Inhalte anbot.

Seit dem Start vor 30 Jahren hat sich Videotext nur unwesentlich verändert und ist weiterhin das millionenfach genutzte Medium für den schnellen Informationsklick zwischendurch am TV, wenn gerade kein Web-Zugang vorhanden ist. Zum 30. Geburtstag zitiert die ARD die Stimmen der Anderen, aus denen wiederum die c't zitiert sei: "Auch wenn Geräte wie Netbooks, Smartphone und nicht zuletzt Apples iPad dazu beitragen dürften, dass immer mehr Menschen beim Fernsehgucken auf anderen Geräten als webtauglichen Fernsehern und Receivern durchs Internet surfen, hat HbbTV durchaus Chancen: Wie der Teletext bietet sich dieses Angebot als schnelle Informationsquelle an, die viele verschiedene Bereiche abdeckt – ohne dass man sich dafür erst einmal etliche Apps zusammensuchen muss." (anw)