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30 Jahre WWW: Die Zähmung des Wild Wild Web

Das World Wide Web ist ein faszinierender Ort voller Katzen-Memes, seltsamer Geschichten und einer Unmenge an Informationen. Wären da nicht die Spaßverderber.

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30 Jahre WWW: Die Zähmung des Wild Wild Web

Das historische WWW-Logo von Robert Cailliau – hier in dreifacher Ausführung.

Am Anfang stand der Konsum von Informationen. Dafür war das World Wide Web zunächst gedacht, als Hypertext-System und als Medium für Wissenschaftler und Neugierige. Als Schöpfer des WWW gilt Sir Tim Berners-Lee, der dessen Konzept vor 30 Jahren erdachte, während er am CERN arbeitete. Das Web sollte den (automatisierten) Austausch zwischen Forschern, Instituten und Universitäten erleichtern. Am Anfang gab es nur Text, erst später konnten Browser auch Grafiken anzeigen. An putzige Katzen-GIFs und bescheuerte Memes dachte zu dem Zeitpunkt aber wohl noch niemand.

Die allererste Website lag 1990 noch auf dem NeXT-Computer von Berners-Lee; dieser Computer war also quasi "the Internet". (Heute steht der schwarze Kasten im Microcosm, dem Museum des CERN.) Die erste URL lautete: http://info.cern.ch – dort ist heute die erste Website "konserviert". Schön ist sie nicht, heute würde man das minimalistische Design vielleicht als "Web Brutalismus" bezeichnen.

So fing es also an, der Aufstieg dieses WWW, das heute nicht mehr aus dem Leben der meisten Menschen wegzudenken ist. In vielen Lebensbereichen kam es zu Umwälzungen – inzwischen ist Offline-Sein für viele Leute ein besorgniserregender Zustand. Die "Fear of missing out" (FOMO) macht echt nervös. Smartphone zu Hause vergessen? Router kaputt? Der Horror!

"Web-Brutalismus" vom Feinsten: Die erste Website im frühen WWW.

Im Jahr 1993 telefonierten die Menschen noch in Telefonzellen und schauten sich bei Dates in die Augen (und nicht aufs Smartphone). In jenem Jahr kam mit Mosaic ein Browser auf den Markt, der dem weltweiten Web eine "ungekannte Popularität jenseits der bisherigen Nutzerkreise und ein explosionsartiges Wachstum bescherte", erklärt Wikipedia. Mosaic war der erste Internet-Browser, der Text und Grafik einer HTML-Seite integriert darstellen konnte. Für eine kurze Zeit geriet Mosaic sogar zu einem Synonym für Webbrowser; wie "Tempo" für Taschentücher.

Ein Jahr später erschien 1994 der Netscape Navigator – für die ersten Netizens das Tor zum WWW. Mit der Software konnten Millionen Nutzer zum ersten Mal eine Webseite anschauten – ein Schlüsselmoment für viele, die sofort dem Charme des Web verfielen und dessen Potenzial erkannten. Unbegrenzte Möglichkeiten taten sich auf. Netscape erlebte einen kometenhaften Aufstieg und ging als erstes Internet-Unternehmen 1995 an die Börse. Gestoppt wurde der Höhenflug zwischen 1998 und 2000 durch Microsoft und seinen Internet Explorer. (Später erlebte Netscape eine Wiedergeburt als Open-Source-Projekt Firefox.)

Am 30. April 1993 gab das CERN das World Wide Web für die Öffentlichkeit frei – kostenlos, als Public Domain. 1994 gründete Tim Berners-Lee das World Wide Web Consortium, kurz W3C, das sich seitdem um Web-Standards kümmert. In dem Jahr war das Web noch ein kleines Dorf, das aus 10.000 Servern bestand; 2000 davon dienten kommerziellen Zwecken. Zehn Millionen Nutzer erzeugten Traffic, der dem Versand der gesammelten Werke von Shakespeare pro Sekunde entsprach.

Um das Jahr 2000 herum wurde das sogenannte Web 2.0 populär. Die Nutzer hatten den Y2K-Bug überlebt und wollten nun im WWW endlich mitmachen, eigene Inhalte vorzeigen und verändern. Das Web war gelebte Anarchie und ein buntes Chaos: Auf vielen Seiten blinkten GIFs – und auch Texte, weil Lou Montulli das <blink>-Tag erfunden hatte (was er später aber arg bereute). Das WWW sah 1996 aus wie die SpaceJam-Website die noch heute unverändert im Netz steht. Geocities wuchs und wuchs, weitere Online-Communitys entstanden, Foren füllten sich mit endlosen Diskussionen über alles und nichts – und dann noch mal von vorne. Am 4. Juni 1995 stellte Stefan Münz die erste Version seiner "Dokumentation zu Webtechniken" ins Netz – schnell wurde SELFHTML bei deutschen Webdesignern populär und avancierte zum beliebten Nachschlagewerk. Es war damals eine "romantische Homepage-Bauerei". Seufz.

"Vage, aber interessant": Die Idee des WWW von Tim Berners-Lee.

(Bild: CERN )

Dann gab es Wikipedia (seit 2001), MySpace (2003) und es gab Weblogs oder Blogs – eine Schwemme an Blogs: seltsame Internettagebücher, umfangreiche Abhandlungen über den Alltag, Supermarktgeschichten. Es gab Storys und Bilder, die es nie in irgendwelche Bücher oder Zeitungen geschafft hätten. Da waren etwa Blogs von Menschen, die ernsthaft glaubten, dass die Erde flach wie ein Pfannkuchen ist. Einfach jeder, der etwas (oder nichts) zu sagen hatte, konnte seine Ideen und Ansichten innerhalb von wenigen Minuten online bringen. Plattformen wie Blogger.com (1999) und später WordPress.com (2005) machten das kinderleicht. Sowieso WordPress: Das Content-Management-System beflügelte die Blog-Welt ungemein. Es war leicht, das CMS auf den eigenen Webspace zu kopieren und eine Onlinepräsenz zu starten. So entstand eine vielfältige "Blogosphäre", die sich fleißig untereinander verlinkte und austauschte.

Heute ist das alles etwas anders, viele Blogger, Kreative oder Autoren sind zu großen Plattformen weitergezogen, den Gated Communities des WWW. Statt in einem (selbst gehosteten) Fotoblog landen Fotos heute bei Instagram oder Facebook, auf geschlossenen Plattformen mit teils intransparenten Regeln, die sich jederzeit ändern können. Tumblr etwa, bekannt für seine freizügigen Inhalte, beschloss eines Tages: Sex ist tabu! Die Nutzer gerieten in Panik, fürchteten um ihre Bildersammlungen. Die volle Kontrolle über ihre Inhalte hatten sie nie – ein Gedanke, den viele gern verdrängen. Schmerzhaft wird es erst, wenn Twitter das eigene Konto sperrt.

Facebook und die anderen Plattformen sind heute mächtige Gatekeeper, die in erster Linie Geld verdienen wollen, die Nutzerdaten erfassen und auswerten, massenweise. Wer hat die Kontrolle im Web, wer hat die Macht und muss Verantwortung übernehmen? Google und Facebook zum Beispiel. Durchaus ein Problem, wenn der Widerstand ausbleibt oder schwach bleibt, wenn es keine Alternativen mehr gibt. Gefragt sind alle Nutzer: Sie entscheiden, wie das Web aussehen soll.

"Lasst uns zusammenarbeiten", fordert WWW-Vater Tim Berners-Lee im März 2018 anlässlich des 29. Geburtstags des WWW. Zu dem Zeitpunkt hatte das WWW einen wichtigen Meilenstein passiert: Zum ersten Mal waren mehr als die Hälfte der Erdbewohner online. Wie aber die andere Hälfte ins Netz bekommen? "Und sind wir überhaupt sicher, dass sie denn ins Web, wie wir es heute haben, wollen?", fragte Berners-Lee. Fake-News, falsche Informationen, Manipulationen, politische Einflussnahme, verlogene Werbung sowie der Kontrollverlust, was eigene Daten angeht – all das bedrohe das freie Web, das wir doch alle so sehr lieben. Das Web sei in Gefahr, mahnt Berners-Lee.

Dabei soll das Netz ein offener Raum für jeden sein. Für jede, für alle. Ein freier Ort, an dem sich Menschen austauschen und informieren können. Das Web muss für die gesamte Bevölkerung funktionieren, forderte Tim Berners-Lee nachdrücklich. Und die digitale Schere müsse sich schließen, es gebe eine globale Ungleichheit: Die einen surfen, konsumieren, kreieren; die anderen haben nicht einmal Strom. Wer offline ist, wird ausgeschlossen und kann nicht an einer demokratischen Debatte teilhaben. Der UN-Menschenrechtsrat erklärte den Internetzugang 2016 zu einem Menschenrecht.

Eine kurze Geschichte des WWW. (Quelle: CERN)

Das Web war immer auch freche Anarchie: Die Leute nahmen fremde Inhalte und kreierten Neues daraus – auf diese Weise bereicherten viele Memes das Netz. Schließlich gilt: "Everything is a Remix", wie Kirby Ferguson in seinen Video-Essays treffend zusammenfasste. Das WWW ist eben auch ein großer Mischmasch von allem. Es gibt zum Beispiel Menschen, die aus mehreren Star-Wars-Filmen einen einzelnen schneiden, oder Menschen, die sich vorgenommen haben, eine Ratte aus The Departed zu entfernen. Ohne das Web würde niemand von solchen Projekten oder anderen Heldentaten erfahren.

Urheberrechte stören diesen großen Remix-Spaß jedoch. Konzerne und die Politik versuchen das wilde Netz zu bändigen – das WWW ist schließlich kein rechtsfreier Raum. Die Durchsetzung von Recht und Gesetz ist in vielen Bereichen natürlich nötig und sinnvoll, geht in anderen aber zu weit. Nun steht vor allem Artikel 13 symbolisch und konkret für eine düstere Bedrohung des freien Web: Wenn es eines Tages überall Upload-Filter gibt, ist der Spaß endgültig vorbei – davon sind viele Kreative, YouTuber und Konsumenten überzeugt. Die gesamte Netzkultur sei in Gefahr, das Internet werde kaputt gefiltert.

WWW-Erfinder Tim Berners-Lee gab sich vergangenes Jahr hoffnungsvoll: Trotz der komplexen und großen Probleme, mit denen das offene Web konfrontiert ist, "sollten wir sie meiner Meinung nach als Bugs betrachten: Probleme mit bestehenden Code- und Softwaresystemen, die von Menschen geschaffen wurden – und von Menschen behoben werden können."

Siehe dazu auch:

(dbe)