IFA

30 Jahre währt sie schon, die Debatte über "Neue Medien"

Vor 30 Jahren wurde die Internationale Funkausstellung in Berlin mit einem Doppelschlag eröffnet: Die Rundfunkanstalten präsentierten Videotext, einen Tag später stellte die Bundespost unter dem Namen Bildschirmtext das englische Viewdata-System vor.

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Vor 30 Jahren wurde die Internationale Funkausstellung in Berlin mit einem Doppelschlag eröffnet. Am 26. August präsentierten die deutschen Rundfunkanstalten Videotext, die Textübertragung in der Austastlücke des Fernsehsignals. Einen Tag später stellte die Deutsche Bundespost unter dem Namen Bildschirmtext das englische Viewdata-System vor. Von Viewdata ausgehend entwickelte später IBM das deutsche BTX, das im Jahre 1983 Star der IFA war. (Zu Geschichte und Technik von BTX siehe auch: 20 Jahre BTX und Ade, du schöner Schaltstern.)

Begleitet wurde der technologische Doppelschlag von einer heftigen Debatte um die Rolle der neuen Medien und den Ausbau der Netze, ob Kabelnetz (Videotext, Pay-TV, Fernseh-Rückkanal) oder Telefonnetz (Bildschirmtext, Home-Banking, Online-Shopping). Die Zeitungsverleger protestierten gegen die Ausstrahlung von Textnachrichten in Videotext und Bildschirmtext durch Pressefremde. Viele Gutachten wurden über die Frage geschrieben, ob Bildschirmtext Rundfunk ist, für den die Rundfunkanstalten zuständig wären. Diese würden zu "Superverlegern" werden, meinten die Pressevertreter. Bundespostminister Kurt Gscheidle begegnete den Befürchtungen zunächst mit dem Versprechen, dass eine eigene öffentlich-rechtliche Bildschirmtextanstalt aufgebaut werden sollte.

Die Vorstellung von BTX (5 Bilder)

Bereits zur IFA 1977 wurde BTX angekündigt, 1983 offiziell gestartet

Angeblich die erste E-Mail (vom 26.8.1977), verschickt per BTX [aus der Broschüre des damaligen Postministeriums zu BTX]

Das war den Firmen gar nicht recht, die die Entwicklung von Gateway-Rechnern finanzieren sollten. Im Unterschied zum englischen Viewdata-System sollte Bildschirmtext über die Bildschirmtext-Zentrale mit externen Rechnern zusammenarbeiten: Die Zentrale sollte einen Plattenspeicher mit der Kapazität von 100.000 Bildschirmtextseiten vorhalten, aber bei Bedarf über schnelle Datenleitung Zugriff auf andere Rechner haben. 1976 hatte der Otto-Versand sehr erfolgreich das Telefix-System eingeführt, bei dem das Telefon als Datenterminal direkt mit dem Bestellcomputer verbunden war. Der Kunde wählte praktisch die Bestellnummer eines Artikels. Die Idee war, dass eine Bestellnummer eine Bildschirmtext-Seite mit Artikelinformationen sein könnte. Dementsprechend beteiligten sich Otto und Quelle sowie die Verbraucherbank, Dresdner Bank und Deutsche Bank an der Entwicklung der Gateways. "Im Telebanking liegt ein großes Rationalisierungspotenzial und die Chance zum Angebot neuer Dienstleistungen. Von 100 Kunden erledigen 90 Routinegeschäfte mit der Bank", so die von den Banken in Auftrag gegebene Studie "Banken und Bildschirmtext".

Das brachte indes die Kritiker in Rage. Der Informatiker Wilhelm Steinmüller schrieb für die Grünen über das fortlaufende Lob des Online-Bankings zum später erfolgten IFA-Start von BTX im Regelbetrieb: "BTX ist nichts anderes als ein Rechner-Rechner-Verbund von Computern beliebiger Größe mit besonders billiger und idiotensicherer, vor allem bereits privat finanzierter, Dateiein- und Ausgabe – also etwas Ähnliches wie ein über die ganze Bundesrepublik verteiltes Großrechenzentrum. BTX ist also kein neues Medium, sonden spielt Neues Medium. /../ Wenn ca. 800.000 private Haushalte erreicht sind, beginnt ab dem Moment das Massensterben der Bankfilialen und Bankarbeitsplätze. Das Ergebnis ist dann, dass der einzelne Bürger plötzlich Arbeiter wird, Schattenarbeiter, nämlich unbezahlter Bankangestellter. Er übernimmt nämlich die teuer bezahlte Bankarbeit gratis, rationalisiert damit die Bankleute bis auf kleine Reste weg, zugleich entfällt der teure Unterhalt von Filialen."

Zur Präsentation des Systems im Jahre 1977 waren kritische Stimmen kaum zu hören: "Eins zu Null für die Bundespost" titelte ein großes deutsches Wochenmagazin. 120 Firmen meldeten auf der IFA ihr Interesse an Bildschirmtext an. Auf der IFA 1979 konnte die Bundespost 123 Firmen präsentieren, die Inhalte lieferten. Zum Start des BTX-Feldversuches im Jahr 1980 waren es gar 300 Anbieter, davon 106 aus dem Pressebereich. Mit aller Konsequenz sorgten die Verlegerverbände dafür, dass BTX und Videotext nicht von einer weiteren Anstalt mit Inhalten versorgt werden. In einer Stellungnahme der "Pressevereinigung für neue Publikationsmittel" zur IFA-Premiere der Post hieß es zum präsentierten englischen System: "Man macht darauf aufmerksam, dass Viewdata geeignet sein könnte, die gesamte Pressestruktur in England zu verändern, weil mit seiner Hilfe die Informations- und Werbe-Industrie neue Betätigungsmöglichkeiten ohne kapitalintensive Druckereien erhält."

So definierten die Verleger ihre Inhalte trotz der eingeschränkten Grafikfähigkeiten von BTX als Faksimilezeitung und versprachen für die Zukunft Kopierer, die eines Tages an BTX-Decodern angeschlossen werden sollten. Damit griffen sie eine Idee des Erfinders Nikola Tesla auf, der in den 20er Jahren ein Patent auf die gefaxte Zeitung angemeldet hatte. Zumindest bei Videotext stießen die Verleger auf die Gegenwehr der Rundfunkanstalten. Diese argumentierten ernsthaft damit, dass die Anstalten auch nicht die unbedruckten Zeitungsränder für Programmhinweise auf Sendungen beanspruchen würden.

Zur IFA selbst betonte Bundespostminister Gscheidle die Netzneutralität, die Vermittlerrolle der Post beim neuen Medium, das die Welt transparenter machen sollte: "Die Deutsche Bundespost stellt hier als Netzträger und Betreiber die technischen Möglichkeiten dieses neuen Fernmeldedienstes beispielhaft dar. Sie verzichtet dabei ausdrücklich auf die Verbreitung solcher Informationsinhalte, deren medienrechtliche Stellung in diesem neuen Kommunikationssystem noch ungeklärt ist."

Im August 1977 veröffentlichte die Bundeszentrale für politische Bildung ein Gutachten über die neuen Medien zur Frage, ob die Medientrennung und das Verflechtungsverbot zwischen Trägern verschiedener Medien die Kommunikationsfreiheit stärkt. Das Gutachten befürwortete die öffentlich-rechtliche Kontrolle über das Kabelfernsehen (benannt als "zeitversetztes Fernsehen für Schichtarbeiter") und den Videotext, aber auch die privatwirtschaftliche Ausgestaltung von Bildschirmtext. Der neue Dienst selbst werde nach seinem Aufbau die Frage beantworten müssen, was er eigentlich ist: "Sinnvolle Kanalisierung der Informationsflut oder aber Informationsverschmutzung?"

Siehe dazu auch: