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30C3: Assange-Auftritt als Lackmustest der Hackerethik?

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Die Ankündigung im Fahrplan des kommenden Chaos Communication Congresses, dass Julian Assange und Jacob Appelbaum über den Widerstand von Sysadmins in einer überwachten Welt sprechen wollen, wird von den prospektiven Besuchern des Kongresses in Blogs und Tweets diskutiert. Nach der Aufregung um die Creeper Move Cards beim 29C3 dürfte die Sexismus-Debatte unter den Hackern auf einen neuen Höhepunkt zusteuern.

In der Vergangenheit war der Australier Julian Assange ein gern gesehener Gast des Chaos Computer Clubs. So war es Assange, der 2008 die leichte Zensierbarkeit des Internet beklagte – nachdem sein erster Auftritt im Jahr 2007 eine Art Improvisation war. Unbestrittener Höhepunkt war der Auftritt von Assange und Daniel Domscheit-Berg beim 26C3 im Jahre 2009, bei dem "Wikileaks 1.0" unter großem Applaus der Hacker vorgestellt wurde. Danach setzte mit der Veröffentlichung unter anderem des Videos "Collateral Murder" der internationale Höhenflug von Wikileaks ein, gefolgt von Star-Auftritten Julian Assanges, unter anderem in Schweden.

In dem Land, in dem Assange einen Antrag auf Aufenthaltserlaubnis als Journalist gestellt hatte, um Wikileaks unter den besonderen Schutz des schwedischen Presserechtes zu stellen, gestaltete sich sein Aufenthalt kompliziert. Assange ließ sich auf zwei sexuelle Beziehungen ein, die zu einer polizeilichen Untersuchung und einem Haftbefehl wegen Vergewaltigungsverdacht führten. Dieser wurde zwar aufgehoben, um unmittelbar danach erneuert zu werden. Assange verließ Schweden, das ihn seitdem mit einem internationalen Haftbefehl zur weiteren Untersuchung des Falles sucht. Vor britischen Gerichten klagte Assange erfolglos in drei Instanzen gegen diesen Haftbefehl und suchte danach Asyl in der Botschaft von Ecuador. Seine britischen Anwälte begründeten den Einspruch unter anderem damit, dass sich sein Verhalten gegenüber den Schwedinnen nicht vom normalen Triebverhalten eines virilen Briten unterschieden habe und daher weder von sexueller Nötigung noch von Vergewaltigung gesprochen werden könne.

Der Protest gegen den Video-Auftritt von Assange macht sich nun daran fest, dass er ein Vergewaltiger sein soll. Der Chaos Exclusion Club, so eine Bloggerin, mache sich lächerlich, wenn er einen Vergewaltiger einlade und ihn in einem Tweet zum Helden verkläre. Dagegen steht die Aussage einer Bloggerin und Journalistin, dass Assange Respekt gebührt für den unerschütterlichen Kampf um Wikileaks. Der Anarchismus der Hacker-Kultur müsse einen nicht eben sympathischen Menschen wie Assange als historischen Teil der Hackerbewegung aushalten können.

Interessant ist auch der Einwand einer Bloggerin aus feministischer Perspektive, dass es sich bei Assanges Taten um einen Graubereich des Rechtssystems handele, die für betroffene Frauen besonders verletzend gewesen seien, aber vor Gericht behandelt werden müssten. Bis dahin müsse Assange im Zweifel als unschuldig gelten. Wenn die Hackerbewegung aber Helden brauche, sei er die völlig falsche Person. "Und wir haben einen Edward Snowden, der ein perfekter Held ist." Auch die nunmehr in Berlin lebende Sarah Harrison sei weit besser für die Rolle einer Hacker-Heldin geeignet als Assange. (jk)