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30C3: Überwachungsalgorithmen und die "Radikalität" von Fefes Blog

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Fefes Blog ist aus der Sicht von Überwachungsalgorithmen radikaler als Foren von Salafisten oder die radikal-katholische Webseite kreuz.net. Das hat der Linguist Joachim Scharloth von der TU Dresden für seinen Vortrag auf dem 30. Chaos Communication Congress ermittelt, wo er die Komplexität automatisierter Textanalyse vorstellte und deren Schwächen erläuterte. Doch noch davor räumte er mit der Vorstellung auf, Geheimdienste wie die NSA ließen sich durch das Einstreuen von Signalwörtern wie "Bombe" in banale Mails ablenken. Ein Aufruf zu einem derartigen "Trollen der NSA" war Mitte Juni eine der ersten Reaktionen auf die ersten Enthüllungen des NSA-Whistleblowers Edward Snowden gewesen.

Scharloth erklärte, Texte würden heutzutage sicher nicht auf einzelne Signalwörter hin durchsucht, sondern beispielsweise Kollokationen sogenannter Named Entities analysiert, also Formulierungen, die besonders häufig bei Personen-, Organisations- oder Ortsnamen auftauchen. Völlig automatisiert könnte damit etwa erkannt werden, dass Felix von Leitner alias Fefe häufig über die SPD schreibt, aber keine hohe Meinung von ihr hat. Die bei ihm auftretenden Wortfelder ("Verräterpartei" etc.) würden aber auf keine Gefährlichkeit hinweisen, im Gegensatz zu den Foren von Salafisten. Dort könnten mittels Textanalyse Personen erkannt werden, die besonders häufig als radikal einstufbare Wortfelder, etwa in Verbindung mit dem Wort "Krieg", benutzten.

Für seinen Vortrag ließ Scharloth einen Computer mehrere deutsche Blogs und Webseiten auf dieses und andere Kriterien hin untersuchen. Etwa, ob besonders häufig nicht abzustufende Antonyme verwendet werden, was eine schwarz-weiße Weltsicht nahelegen könnte. Am Ende habe sich ergeben, dass durch solche Textanalysen sowohl Fefes Blog als auch der Blog von Don Alphonso als radikaler eingestuft werden würden, als ein Salafistenforum oder die abgeschaltete Seite kreuz.net. Selbst wenn die angewendeten Verfahren also deutlich komplexer sind, als die bloße Suche nach dem Wort "Bombe", blieben sie offenbar fehleranfällig.

Die automatisierte Analyse von Texten ermögliche jedoch eine totale Überwachung. Was daran gefährlich ist, sei bereits im 19. Jahrhundert treffend beschrieben worden. In der Geschichte "Das Kind im Glashaus" beschreibt Heinrich Oswalt, wie ein unartiges Mädchen in einem Glashaus unter ständige Beobachtung gestellt wird. Weil es nun von allen gesehen wurde, schämte es sich und bekam von der Mutter den Rat: "Mein liebes Kind! Ein Mittel gibt’s, das hilft geschwind: Wenn dich die Leute artig sehn, dann werden sie vorübergehn." Die totale Überwachung von heute sei also ein Mittel, die Menschen zu erziehen. Besonders perfide sei dabei, dass der Einzelne gar nicht wisse, was Verdacht erregt und sich deshalb selbst zensiere.

In der Fragerunde, die sich an den Vortrag anschloss, wurde mehrmals vorgeschlagen, diese Überwachung auszutricksen. Empfohlen wurde etwa eine Erweiterung des "Trollens der NSA" durch umfangreichere Wort- oder Kollokationslisten, oder die Benutzung des Dialekts, um die Analyseprogramme vor Schwierigkeiten zu stellen. Jeweils wurde aber schnell deutlich, dass solche Maßnahmen ausgehebelt werden könnten oder die Kommunikation übermäßig stark erschweren würden. Der Überwachung könne also nicht auf technischer Ebene entgegengetreten werden, sondern nur auf politischer. (mho)

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