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33C3: Europas Raumfahrtchef will Hacker auf den Mond schießen

Der Leiter der Weltraumagentur ESA, Jan Wörner, hat auf dem Kongress der Datenreisenden für das Gemeinschaftsprojekt "Moon Village" inklusive "Chaoscode" geworben. Mit "wir brauchen Neugier", rannte er bei den Fans von "Spaß am Gerät" offene Türen ein.

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Mond

Wer angesichts von Klimawandel, zunehmender Migration und Ressourcenmangel nach dem "Return on Investment" der Raumfahrt frage, hat nach Ansicht von Jan Wörner die Zeichen der Zeit nicht erkannt. "Wir brauchen Neugier", forderte der Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation ESA am Donnerstag auf dem 33. Chaos Communication Congress (33C3) in Hamburg. Der damit verknüpfte Wissensdrang sei der größte Treiber der Menschheit.

Mit derlei Slogans stieß der Behördenchef, der die Krawatte für seinen halbstündigen Vortrag zuhause gelassen hatte, bei der versammelten Hackergemeinde auf offene Ohren. Der Chaos Computer Club (CCC), der den Kongress organisiert, sieht sich seit Langem als intergalaktische Gemeinschaft und fördert den kreativen Umgang mit der Technik. Das Weltall als Spiel- und Eroberungsfeld passt da genau ins Profil, auch wenn es erst auf dem diesjährigen Stelldichein der Szene erstmals ein gesondertes Vortragssegment zu diesem Thema gibt.

Viele grundlegende Fragen rund um das Universum seien ungelöst, stachelte Wörner die Wissbegier der Tüftler an. Phänomene aus der Kosmologie wie Dunkle Energie oder Dunkle Materie seien nicht mit der Gravitationstheorie vereinbar und offenbar beschleunige das All sich. "Wir haben keine Ahnung, warum", räumte der Ex-Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) ein. Zudem habe Pluto lange als "letzter Planet" unseres Sonnensystems gegolten, nun hätten Forscher herausgefunden, "dass ein anderer da sein muss". Von dem sei aber allein die Größe bekannt, mehr nicht.

Dies seien keineswegs nur akademische Fragen, meinte der Bauingenieur. "Satelliten umkreisen uns sehr schnell", da sei es schon wichtig, inwiefern sich die genannten ungeklärten Postulate jenseits der allgemeinen Relativitätstheorie darauf auswirkten. Davon würden etwa auch Navigationssysteme beeinflusst, "und zwar ziemlich stark". Nach wie vor höchst spannend sei es auch, ob das Wasser auf der Erde tatsächlich von Kometen über eingefrorenes Material angeliefert worden sei. Deswegen sei die Rosetta-Mission gestartet worden; beim Landeroboter Philae habe zwar einiges nicht funktioniert, zahlreiche Daten hätten bei der Landung aber übertragen werden können und harrten der Auswertung.

Fünf Minuten verwandte der ESA-Direktor zum Schluss nach weiteren Streifzügen auf die Internationale Raumstation oder zur nicht ganz geglückten Schiaparelli-Landung auf dem Mars auf sein neues, im November offiziell vorgestelltes Lieblingsprojekt "Moon Village". Die von der US-Raumfahrtbehörde NASA skizzierte "Reise zum Mars" sei zwar gut und schön, meinte der Experte. Für Hin- und Rückflug müsse man aber fast zwei Jahre einrechnen und ein Einwegticket halte er für keine gute Idee. Zum Mond und zurück könne man dagegen binnen einer Woche reisen. Zudem sei der Erdtrabant ideal, um einen "Boxenstopp" auf dem Weg zum Roten Planeten einzulegen.

Mit der ESA-Initiative soll es Wörner zufolge darum gehen, auf dem Mond eine Art gallisches Dorf "mit freiem und offenem Zugang für alle" zu bauen. Es sei "keinerlei Regulierung" an diesem Punkt vorgesehen, unterstrich der Planer. Er könne sich durchaus vorstellen, dass auch "etwas mit Chaos-Codes" dabei sei, sorgte Wörner für tosenden Applaus bei den Hackern. Dazu blendete er ein Bild ein, auf dem das CCC-Logo in Form des Chaosknotens hinter einem Astronauten auf der Mondkulisse zu sehen war, und schmunzelte: "Der hat schon die richtige Flaggen."

Kern des Konzepts ist für den Vordenker eine "offene Architektur", die im Gegensatz zu anderen Weltraum-Missionen nicht bis ins Detail vorgeplant werden, sondern als Skizze und Vision dienen solle. Befördert werden sollten Operationen auf der Mondoberfläche mit Menschen und Robotern in einer öffentlich-privaten Partnerschaft. Hineinspielen dürften die Bereiche Forschung in den Bereichen von Naturwissenschaften bis Kunst, Technologie, Transport, Kommunikation oder Logistik genauso wie die "planetare Verteidigung".

Die europäische Organisation, der 22 Mitgliedstaaten bis hin zu Kanada angehören und die keine direkte EU-Agentur ist, sieht Wörner prädestiniert für das Vorhaben zur Mondbesiedlung. Die ESA schreibe Partizipation auch mit "Halbtagswissenschaftlern" und Otto-Normal-Bürgern im Einklang mit dem Motto "Space 4.0" groß und habe seit jeher Brücken zwischen verschiedensten Akteuren und Nationen gebaut. Mit den Russen arbeite man konkret in diesem Sektor schon bei "Luna-27" zusammen. Beim globalen Dorf auf dem Mond könne er sich "natürlich" auch vorstellen, mit Indien oder China zu kooperieren.

Gegenüber den USA müsste Wörner dafür aber sicher noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Hier bleibt abzuwarten, wie sich die neue Trump-Regierung aufstellen wird. Trump hatte schon im Wahlkampf erklärt, dass sich die NASA nicht mehr um die Erde und den vermeintlichen Klimawandel kümmern solle, sondern hauptsächlich um Mondfahrt und Deep Space.

(Stefan Krempl) / (as)

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