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34C3: Daten kontra Freiheit

Nicht nur in China wird das Verhalten der Bevölkerung systematisch erfasst. Die umfassende Datenerhebung beeinflusst Bürger auch schon in westlichen Gesellschaften, warnt Designer Tijmen Schep.

34C3: Daten kontra Freiheit

Während die chinesische Regierung aktiv an der maschinenlesbaren Bevölkerung arbeitet, vollzieht sich in westlichen Staaten eine ähnliche Entwicklung. Der niederländische Technologiekritiker und Designer Tijmen Schep warnte auf dem 34C3 in Leipzig vor den Einflüssen einer ungehinderten Erfassung des Alltags der Bürger.

So habe sich im Silicon Valley die Metapher durchgesetzt, dass Daten das neue Öl seien. "Doch Öl hat uns die Erderwärmung gebracht – was sind also die Folgen von Big Data?", fragte Schep in Leipzig. Analog zu dieser Metapher beschreibt er die Effekte der Big-Data-Gesellschaft als "Social Cooling" – "soziale Abkühlung". So ergab eine Studie, dass die Snowden-Enthüllungen auf Wikipedia zu rapide sinkenden Abrufzahlen von Artikeln sorgten, die Informationen zu Terror-Organisationen enthalten. Auch im Alltag zeige sich bei vielen Leuten schon eine gewisse "Klickangst".

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Dabei geschehe die Überwachung anders als in China in westlichen Gesellschaften weitgehend verborgen. So seien offene Bewertungen einzelner Kunden wie bei eBay oder Airbnb noch die Ausnahme, während im Hintergrund das Geschäft der Databroker floriere. So würden über US-Bürger bereits heute bis zu 8000 verschiedene Scoring-Werte erhoben. Bei EU-Bürgern seien es mit bis zu 600 Werten noch deutlich weniger.

Die in den intransparenten Datenbanken gespeicherten Daten seien oft sensibel und zuweilen skurril: Datenprofile enthalten Angaben zu IQ, politischen Einstellungen, Kinderwünschen oder der vermutete Grad der Naivität, der es den Kunden dieser Datenbroker ermögliche, ihre Produkte zielgenau zu vermarkten. Ein großer Teil dieser Angaben sei nie wirklich erfasst worden, sondern leite sich über Techniken wie Maschinenlernen von anderen erfassbaren Faktoren ab.

Wer beispielsweise auf Facebook ähnliche Interessen und Verhaltensmuster zeige wie Diabetes-Patienten, werde in den Datenbanken auch als Diabetes-gefährdet geführt. Solche Annahmen könnten dann zum Beispiel zu höheren Versicherungstarifen oder schlechteren Karriere-Aussichten führen. Dies habe einen ähnlichen Effekt wie repressive Regierungssysteme: An Stelle der Furcht vor Bestrafung trete die Angst, Gelegenheiten zu verpassen.

"Neu ist auch die Demokratisierung des Hintergrund-Checks. Nun kann jeder quasi alles über jeden herausfinden", sagte Schep. So waren im Sommer bereits die Profile von 200 Millionen US-Wählern online aufgetaucht, die tiefe Einblicke ermöglichten. Auch der legale Handel mit den Profilen floriere. Allein in den USA seien 2015 mit solchen Datensätzen 150 Milliarden Dollar umgesetzt worden.

Sobald diese Realität im öffentlichen Bewusstsein ankomme, verändere dies das Verhalten der Bürger, argumentierte Schep. So seien US-Bürger bereits besorgt, dass Tweets über die Steuer-Behörde Internal Revenue Service dazu führen könnten, dass man selbst eher einem Steuer-Audit unterzogen werde. Die daraus resultierende individuelle Selbstzensur sorge auch für gesellschaftlichen Stillstand. So könnte eine Minderheitsmeinung etwa zur Marihuana-Legalisierung niemals Mehrheitsmeinung werden, wenn sich niemand traue, seine Meinung öffentlich kundzutun. Auch führe die ungebremste Datensammlung zu einem risikovermeidenden Verhalten. So habe die systematische Erfassung der Erfolgsquoten von Ärzten dazu geführt, dass es teilweise schon schwerfalle, einen Spezialisten zu finden, der riskante Eingriffe anbietet.

Schep plädiert dafür, solche Techniken möglichst früh zu bekämpfen. Der erste Schritt dabei sei es, ein öffentliches Bewusstsein über die Folgen des Datenhandels zu schaffen. "Veränderungen werden nur eintreten, wenn die Öffentlichkeit es verlangt". So versucht Schep mit künstlerischen Installationen die Sensibilität für den Datenhandel zu schaffen, beispielsweise mit einer Kaffeemaschine, die nach Eingabe der Postleitzahl des Nutzers mal guten, mal weniger guten Kaffee produziere.

Anhand solch konkreter Anwendungen könne beim Nutzer die Erkenntnis reifen, worum es eigentlich gehe: "Privatsphäre ist das Recht, nicht perfekt zu sein", sagte Schep. Wenn sich diese Erkenntnis durchsetze, könnte auch die Wirtschaft von dem neuen Paradigma profitieren. So sei es möglich, dass Nutzer weltweit lieber zu europäischen IT-Diensten und -Produkten greifen, wenn diese eine erhöhte Privatsphäre versprächen. (Torsten Kleinz) / (ea)

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