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35C3: Der Chaos Communication Congress, das digitale Prekariat und das bedingungslose Grundeinkommen

Guy Standing vom Basic Income Network eröffnete den Chaos Communication Congress in Leipzig mit einem Plädoyer für das bedingungslose Grundeinkommen.

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35C3 - das Prekariat als transformative Klasse

Die Hacker sind wieder in Leipzig und suchen gemeinsam nach Wegen, wie die Bewegung rund um den Chaos Computer Club "vielfältiger und ideenreicher" auftreten kann. "Refreshing Memories", den Arbeitsspeicher zwischen den Ohren auffrischen und gleichzeitig Traditionen weiterreichen, das soll das Motto des 35. Kongresses sein.

Neu: Vorträge für den Nachwuchs

Die Sonne lacht über Leipzig, doch der Funkturm der Berline c-Base steht im Dunkeln.

Neben den üblichen Vorträgen über Sicherheits- und Gesellschaftslücken gibt es erstmals "Foundation Talks" für den Nachwuchs: Wie funktioniert nochmal das Internet und was hat es mit dieser Hackerethik auf sich? Der Kongress wurde indes mit einem ganz anderen und sehr politischen Thema eröffnet. Der britische Ökonom Guy Standing hielt ein wuchtiges Plädoyer für das bedingungslose Grundeinkommen. Gerade die Mehrheit der jungen, gut ausgebildeten Kongressbesucher gehören seiner Ansicht nach zu dem Teil des Prekariat, dass mit einem solchen Grundeinkommen sinnvolle Arbeit leisten kann und nicht in irgendwelchen Jobs versauern muss.

Auf fünf Bühnen läuft zum 35. Chaos Communication Congress ein vielfältiges Programm, das im Livestream verfolgt werden kann und recht schnell auch als Video zur Verfügung steht. Zwei Hallen voller Assemblies sind abgedunkelt, damit die Hacker im Hoodie auch am hellichten Tag den nötigen nächtlichen Flow haben, den sie suchen. Rings herum: viele neugierige Besucher, die ihren ersten Kongress besuchen und viele Fragen haben. "Sprecht miteinander, knüpft neue Freundschaften, lasst uns eine neue Erinnerung bauen, eine, die man sich für immer gern erinnert", hieß es zum Auftakt des Kongresses.

Die drei Klassen des Prekariats

Der Ökonom Guy Standing hielt ein Plädoyer für das bedingungslose Grundeinkommen.

Der Ökonom Guy Standing beschäftigt sich seit Jahren mit dem bedingungslosen Grundeinkommen und studierte die Möglichkeiten in so unterschiedlichen Ländern wie Indien und der Schweiz. Für westliche Gesellschaften hält er an der Idee eines Prekariats fest, das mit dem Kollaps der ökonomischen Transformation seit den 80er Jahren entstand. 1994 sei es der USA gelungen, ihr System der Eigentumsrechte weltweit durchzusetzen, mit Big Pharma, Big Finance und Big Tech als tragende Säulen dieser Rechte. Von diesem System profitierten Superreiche in einem obzönen Ausmaß, erklärte Standing den Zuhörern in Leipzig.

Das Gegenstück bilde das Prekariat, dass er aus drei große Gruppen besteht: Einmal aus der abgehängten alten Arbeiterklasse, die ein verlorenes Gestern verklärt und sich für US-Präsident Trump oder den Brexit stark mache. Die zweite Gruppe bestehe aus Migranten und anderen Minderheiten, häufig traumatisisert und nur vom Wunsch beseelt, eine Heimat und wieder eine Zukunft zu haben.

Die dritte Gruppe sei akademisch gebildet, stehe aber nach der Ausbildung vor den Trümmern einer versprochenen Karriere und kämpfe mit einer Vielzahl von Jobs ohne echte Perspektive. Sie suche nach einer neuen Politik mit neuen Ansätzen. Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen habe sie die Chance, mit ihrer Arbeit die "Commons" wieder zu beleben, die die Aufklärung mit Werten wie Freiheit, Gleichheit und Solidarität definiert hat.

Grundeinkommen finanziert durch Kohlenstoffsteuer

Endlich mal normale Leute hier.

Mit dem Recht auf ein bedingungsloses Grundeinkommen könne sie sich bewusst von Billigjobs abwenden und sich womöglich als Klasse für sich etablieren. Finanziert werde dieses Grundeinkommen durch eine Kohlenstoffsteuer, die damit auch eine ökologische Steuerungsfunktion bei der Rückkehr zu den Commons. "Ihr könnt das tun, was jede transformative Klasse getan hat, das System abschaffen, in dem ihr euch als Klasse abschafft", erklärte Standing unter großem Beifall.

In der kurzen abschließenden Fragerunde wurde er nach der Robotersteuer gefragt, die etwa von Bill Gates ins Spiel gebracht wurde. Für Standing ist sie keine Alternative, da eine Kohlenstoffsteuer, die auch die Produktion und den Energieverbrauch der Roboter umfasst, viel weiter greift.

[Update 14.53: Karbonsteuer durch Kohlenstoffsteuer ersetzt] (jo)

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