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35C3: Trotz Hackeransturm – Harmonie wie nie, von Chaos kaum eine Spur

Mit rund 16.000 Teilnehmern ist das CCC-Jahrestreffen eine Großveranstaltung mit eigenem Logistikzentrum geworden, es sei aber noch alles "handgemacht".

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35C3: Trotz Hackeransturm – Harmonie wie nie, von Chaos kaum eine Spur

(Bild: CC by 4.0 35C3 media.ccc.de )

Nach dem viertätigen Volksfest der Hacker in Leipzig zogen Sprecher des Veranstalters am Sonntagabend ein rosarotes Fazit. Trotz großem "Gewusel" sei es im weitläufigen Congress Center Leipzig möglich gewesen, "immer wieder schöne kleine Ecken" zu finden, wo es ruhig gewesen sei, konstatierte "Rufus" bei der offiziellen Abschlusskundgebung der Jahreskonferenz des Chaos Computer Clubs (CCC). Als "Symbolbild für das Miteinander, das wir hier gerne fahren", könne ein "laufender Roboter" vor Ort herhalten, den Dank "bespielbarer Arduino-Ports" jeden Tag jemand anderes "befrickelt" habe.

Auch wenn der diesjährige 35. Chaos Communication Congress (35C3) mit seinen im Vorverkauf unters Volk gebrachten rund 17.000 Tickets deutlich größer geworden sei als das erste CCC-Stelldichein 1984 mit rund 300 Leuten im Eidelstedter Bürgerhaus in Hamburg, "ist immer noch alles mit ziemlich viel Liebe handgemacht", betonte Rufus. Der Kongress sei zwar durch den Besucheransturm "vielfältiger" und "ideenreicher" geworden, aber nach wie vor könnten "alle Teilnehmer fast alles machen".

Voriges Jahr war rund um das sich ständig vergrößernde Event eine Debatte über potenzielle Belästigungen insbesondere weiblicher Besucherinnen entbrannt. Der Club hat sich daher dazu durchgerungen, zusätzlich zu einem "Awareness Team" sowie Security vor Ort innerhalb von zehn Monaten eine neue "Schiedsstelle" zu schaffen. Diese soll nach CCC-Angaben etwa darüber entscheiden, ob Menschen auf Basis begründeter Beschwerden präventiv von einer Kongressteilnahme ausgeschlossen werden könnten und dürften.

Das Mediationsteam setzt sich aus sechs Mitgliedern zusammen, denen drei Sachverständige als Berater zur Seite stehen. An das Team sollen sich Leute wenden können, die sich in ihrer "Freiheit und Sicherheit" eingeschränkt fühlen. Eventuelle Entscheidungen werden anhand einer Verfahrensordnung getroffen, die unter anderem die Anhörung der streitenden Parteien und zusätzlicher "Auskunftspersonen" vorsieht. Ein Workshop, auf dem die Verantwortlichen das neue Instrument vorstellten, stieß bei den Anwesenden vor Ort aber auf kein großes Interesse. Erste Fälle sind demnach bereits bearbeitet worden. Über Ergebnisse und Verfahrenszahlen wird öffentlich nicht berichtet.

"Rixx" fühlte sich Dank der entspannten Atmosphäre auf dem Kongress bei der Schlusszeremonie direkt an seinen Kiez erinnert: "Du stehst plötzlich in deinem linken Stadtteilzentrum inklusive Infoladen." Die große Antifa-Flagge schon im Eingangsbereich traf zwar nicht jedermanns Geschmack. Aber "Erdgeist" hatte schon beim Jahresrückblick am Samstag klargemacht: "Unser Herz schlägt im Zweifel links." Im Programmteil zerlegten so Vortragende etwa Ansätze für eine Netzpolitik der AfD.

"Rufus", "Rixx" und das Ende der Schlange.

(Bild: CC by 4.0 35C3 media.ccc.de)

Obwohl das Phone Operation Center (POC), das die kongresseigenen Telefonnetze für DECT, GSM und UMTS betreibt, dieses Jahr auf die Selbstregistrierung der Teilnehmer mit eigenen Geräten umgestellt und sich so eine früher übliche Schlange erübrigt habe, sei vielen Besuchern das Warten in Reih und Glied offenbar lieb geworden, unkte Rixx. Die größte Schlange sei so "am Stickertisch" zu verzeichnen gewesen, nachdem die moderne Technik selbst am Einlass in Stoßzeiten für moderate Verweilzeiten von wenigen Minuten gesorgt habe.

"Benutzt mehr Bandbreite"

(Bild: CC by 4.0 35C3 media.ccc.de)

Fast schon Business as Usual herrschte beim Network Operation Center (NOC), das mit zwei 200-Gigabit-Verbindungen nach Berlin nebst verschiedenen Transit- und Peering-Anschlüssen und einer lokalen 100-Gigabit-Leitung diesmal rund 150 Gigabit mehr als im Vorjahr zur Verfügung hatte. Alle Zugangspunkte einschließlich 268 WLAN-Hotspots, neun Routern und 186 Switches seien automatisiert über das Open-Source-Projekt Netbox verwaltet worden, erklärte ein NOC-Sprecher. Insgesamt seien fast 25.000 Geräte ins Wifi-Netzwerk eingeloggt gewesen, in der Spitze 10.821 Nutzer auf einmal im Vergleich zu 7673 im Vorjahr. Leider habe es 558 "wilde", mit den offiziellen Zugangspunkten in Konkurrenz tretende Hotspots gegeben, von denen sich nur einer an die "Hausregeln" gehalten habe.

Die verfügbare Bandbreite

(Bild: CC by 4.0 35C3 media.ccc.de)

Durchschnittlich nutzten die Datenreisenden mit 15,9 GBit/s nur 3,1 Prozent der verfügbaren Bandbreite, maximal verbrauchten sie 7,6 Prozent davon mit 38,4 GBit/s. Diese Spitzenzahl hatte mit 42,2 GBit/s im Vorjahr bereits höher gelegen. Im DECT-Netz, das sich 2018 sogar auf nahe Hotels sowie eine Tram erstreckte, waren 3.854 Handsets aktiv und damit deutlich mehr als 2017. Das POC musste daher spontan von vier- auf fünfstellige Endnummern umstellen und insgesamt 250.000 Anrufe bewältigen, 17.000 davon über das GSM-Netz auf Osmocom-Basis, für das ein Netzbetreiber vier Frequenzen und die Bundesnetzagentur Spektrum im Bereich 850 MHz für UMTS zur Verfügung stellten.

Ehrenamtliche Briefträger verteilten zudem über 2.000 Postkarten über die erstmals eingerichtete "Chaospost". Das Video Operation Center (VOC), das für das Streaming sowie die Bild- und Tonaufzeichnungen sorgte, hatte Aufnahmen aus je drei Kameras und 142 Mikrofonen in fünf Vortragssälen zu bewältigen und nutzte dafür Multicast im Backend. Daneben meisterte die Crew eine Satellitenverbindung zum Sea-Watch-3-Seenotrettungsschiff für Flüchtlinge. Allein am 3. Kongresstag waren 4.097 registrierte und anwesende "Engel" im Einsatz, um bei der Durchführung der Hackerparty zu helfen. (tiw)