36C3: Hackerkongress produziert mehr als 11 Tonnen CO2

Der CCC hat erstmals berechnet, wieviel Treibhausgas die auf dem Jahrestreffen der Szene eingesetzte Technik ausstößt. Die gesamte Menge sei kompensiert worden.

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An der Lötstation bauen Besucher eine Blinkenrocket.

(Bild: heise online / Eva-Maria Weiß)

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Klimaschutz war neben IT-Sicherheit eines der großen Themen auf dem 36. Chaos Communication Congress (36C3), der am Montag in Leipzig zu Ende ging. Der Chaos Computer Club (CCC) hat daher als Veranstalter erstmals mithilfe der Internetmanufaktur (IMF) den ungefähren Kohlendioxid-Fußabdruck ausgerechnet, den die Informations- und Kommunikationstechnik erzeugt hat, die für die rund 17.000 Hacker im Rechenzentrum vorgehalten wurde. Das IMF-Team landete dabei geschätzt bei 11.337 Kilogramm CO2.

Zum Vergleich: Bei einem durchschnittlichen Benzinverbrauch von 8,5 Liter auf 100 Kilometer lassen sich etwa 5000 Kilometer mit dem Auto zurücklegen, um eine Tonne CO2 auszustoßen. "Wir haben alles kompensiert", verwies ein Sprecher der Vernetzungscrew auf den Kauf entsprechender Zertifikate für Klimaschutzprojekte unter dem Beifall der versammelten Hackergemeinde. In der IMF selbst seien ausgediente Switches im Sinne der Nachhaltigkeit auch dafür genutzt worden, um Limonen für den Mate-haltigen Cocktail Tschunk zu schneiden. Andere veraltete Netzwerkgeräte sie in Tabletts zum Servieren von Käse umgewandelt worden.

Das C3Sustainability-Team verwies darauf, dass auf dem Kongressgelände auch große Trinkwasserspender aufgestellt worden seien, um das Auffüllen mitgebrachter Flaschen zu unterstützen und Plastikmüll zu vermeiden. Zudem habe es zehn Kisten gegeben, um alte Hardware einzusammeln und gegebenenfalls wieder gebrauchsfähig zu machen. Ferner sei Biomüll in vier Containern zusammengetragen worden.

Der 36C3 stand unter dem Motto "Resource Exhaustion", womit der CCC nicht auf eine Angriffsmethode mit potenziellen Absturzfolgen verwies, sondern auch zum sparsamen Umgang mit natürlichen Ressourcen auffordern wollte. In Vorträgen etwa über den "Blauen Engel für Software" ging es um Umweltschutz. Die andere Bedeutung des Kongressmottos machte der IMF aber ebenfalls zu schaffen: So verabschiedete sich einmal ein WLAN-Router, weil jemand vom Open-Source-Netzwerkscanner Zmap zu aggressiv Gebrauch gemacht hatte. Auch der ein oder andere Festnetz-Router spielte verrückt, was zu kleineren Zwischenfällen bei der Internetversorgung führte.

Dem ewigen Appell der IMF, mehr Bandbreite zu nutzen, waren die Teilnehmer im Vergleich zum Vorjahr etwas eifriger nachgekommen: Maximal verbrauchten sie 44,1 GBit/s der Leitungen nach draußen, während es 2018 38,4 GBit/s waren. Das waren trotzdem erst 20 Prozent der verfügbaren Uplink-Kapazitäten. In die rund 300 WLAN-Hotspots loggten sich bis zu 10.922 Nutzer auf einmal ein, während es im Vorjahr 10.821 Datenreisende in der Spitze waren. 86 Prozent der Clients setzten auf die 5-GHz-Frequenz, sodass das IMF 2020 2,4-GHz-Geräte aussortieren will.

36C3: Die Fotos vom Kongress in Leipzig (20 Bilder)

(Bild: Eva-Maria Weiß / heise online)

Das DECT-Netz zum klassischen Telefonieren war dieses Jahr nach Angaben des Phone Operation Center (POC) bereits fast eine Woche vor dem offiziellen Kongressauftakt mit 67 Antennen betriebsbereit. 5021 Handsets seien in diesem Netz aktiv gewesen, in der Spitze 3251 gleichzeitig. Insgesamt seien über 300.000 Anrufe abgewickelt worden gegenüber 250.000 auf dem 35C3. Als unschön werteten POC-Sprecher den Versuch eines Nutzers, tausende Endnummern zu registrieren und so "die eigene Infrastruktur zu hacken". Künftig würden für ein Konto nur noch 50 Nummern zugelassen. Eine präparierte Mikrowelle habe derweil geholfen, Akkus superschnell wieder aufzuladen.

Das GSM-Team unterhielt parallel ein Mobilfunknetz auf 2- und 3G-Basis für Sprachtelefonie im 850-MHz-Band sowie mit 4G für Datenverkehr dank einer von einem Netzbetreiber gespendeten Lizenz. LTE war erst am zweiten Tag startklar, da ein Krypto-Passwort verlorengegangen war. Zudem sei ein Denial-of-Service-Angriff durch eine ungültige mobile Identitätskennung zu verzeichnen gewesen. Für das auf Osmocom-Basis aufgebaute Netz habe es rund 1100 Nutzer gegeben, vor Ort seien 700 neue SIM-Karten für die Flatrate-Telefonie verkauft worden. Dankenswerterweise hätten einige Datenreisenden ihre Karten aus den Vorjahren mitgebracht.

3000 Karten lieferte die kongresseigene Chaospost in über 42 Länder aus, noch mehr Snailmail wechselte intern die Besitzer. Neue Spezialdienste waren dabei ein gesungenes Telegramm, Liebesbriefe mit Parfüm und "Geheimbotschaften".

Sollten sich nach den vier Tagen voller Flausch und Blinken bei Teilnehmern Anzeichen für eine "Post-Congress-Depression" einstellen, empfahl die Hackerin "bleebtrack" in der finalen "Chaosschau", in lokalen Hackspaces Zuflucht zu suchen oder das Videoarchiv auf media.ccc.de anzusteuern. Das Video Operation Center (VOC) stellt dort die insgesamt 330 auch live gestreamten Vorträge mit über 255 Stunden Material ins Netz. Vor Ort installiert waren dafür 214 Kameras sowie 145 Video- und 73 Audiomixer. Dolmetscher hatten alle Vorträge ins Englische sowie Teile davon auch ins Französische, Spanische, Russische, Polnische und ins Schwäbische übersetzt. An Untertiteln arbeitet das Team noch, am Montagabend waren 50 Stunden Material transkribiert. (anw)