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40 Jahre RFCs [Update]

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Vor 40 Jahren, am 7. April 1969, erschien der erste Request For Comments. Im RFC 1 beschrieb Steve Crocker die Software-Architektur des gerade entstehenden ARPANET. Ursprünglich fungierten die RFCs tatsächlich als Diskussionsbeitrag der sehr überschaubaren "Network Working Group" (RFC 2 ist eine direkte Antwort auf RFC 1). Da die Gruppe noch daran arbeitete, das ARPANET aufzubauen, wurden die ersten RFCs auf Papier per Post ausgetauscht.

Nach einer Phase heftiger Diskussionen kehrte einige Jahre Ruhe ein, bevor das Wachstum des Internets auch die Zahl der RFCs in die Höhe trieb.

Im Laufe der Zeit entwickelten sich die RFCs dann zu den Standarddokumenten des ARPANET und später des daraus entstehenden Internets. Das Wachstum des Netzes zeigt sich ganz direkt im Output an RFCs: Nach einer Phase intensiver Diskussionen parallel zum Aufbau des ARPANET folgte eine Ruhephase, in der das Netz selbst weniger Aufmerksamkeit brauchte. Doch Ende der 70er-Jahre kam wieder Schwung in die Technik, und spätestens seit der Einführung von TCP/IP wachsen Netz und RFCs im Gleichschritt. So befasste sich der 2555ste RFC mit den ersten 30 Jahren RFC-Geschichte. In den zehn Jahren seitdem sind fast 3000 Texte hinzugekommen.

Die RFCs werden nicht nur mehr, sondern auch länger.

Doch nicht nur die Zahl wuchs, sondern auch die Länge der einzelnen Standards. So umfasst die Definition des Post Office Protocol (POP3) von 1985 schlanke 24 Seiten, die ein halbwegs begabter Programmierer sofort in Server und Client umsetzen kann. Mit dem zugegebenermaßen mächtigeren IMAP befassen sich seit 1994 183 RFCs mit unzähligen Seiten. Das liegt nicht nur an der größeren Leistungsfähigkeit moderner Protokolle und dem Wandel des Internets von einem Forschungsprojekt zum globalen Kommunikationsnetz. Vielmehr spielen auch immer häufiger wirtschaftliche und politische Interessen bei den technischen Entscheidungen eine Rolle. Das lässt sich unter anderem daran ablesen, dass die einzelnen RFCs im Durchschnitt mehr Autoren haben und diese inzwischen fast alle nicht mehr in Universitäten arbeiten, sondern in Wirtschaftsunternehmen.

Mehr Text trägt übrigens nicht immer zu mehr Klarheit bei. Die Flame-Wars zwischen den Programmierern von IMAP-Servern und der RFC-Gruppe über Details des Protokolls sind legendär.

Eine Legende ist auch Jon Postel, der seit 1970 an den RFCs mitarbeitete und bis zu seinem Tod 1998 der rfc-editor war, also der Herausgeber der RFCs. Natürlich veröffentlichte Vint Cerf – ein anderes Internet-Urgestein – seinen Nachruf als RFC.

Solche nicht-technischen RFCs gibt es weiterhin. Am bekanntesten sind wohl die seit 20 Jahren fast regelmäßig zum 1. April erscheinenden Scherz-RFCs. Diese Texte sind oft satirische Spitzen gegen aktuelle technische Entwicklungen, wie etwas das Protokoll BLOAT von 2002, das IP-Adressen, UDP- und TCP-Ports durch XML ersetzen will. Erstaunlicherweise fehlt ausgerechnet im Jahr 2006, in dem besonders viele RFCs veröffentlicht wurden, ein 1.-April-RFC. Sollten die RFC-Redakteure vor lauter Arbeit vergessen haben, einen April-Scherz zu bringen? Jedenfalls gibt es in der Liste der im April 2006 veröffentlichten RFCs keinen offensichtlichen Kandidaten.

Eine andere Kuriosität ist RFC 31, der angeblich über ein Jahr älter ist als RFC 1, nämlich vom Februar 1968 stammen soll. Sowohl die Daten von RFC 30 und RFC 32 als auch der Inhalt sprechen aber eher für das Jahr 1970. 1968 entstand wahrscheinlich als Zifferndreher aus dem Jahr 1998, in dem Dave Bachmann die Online-Version bearbeitete.

Der kürzeste veröffentlichte Text ist der heute unbedeutende RFC 18, der längste 4949, ein Glossar von Sicherheitsbegriffen. Wer sich für solche Statistiken interessiert, findet weitere online generierte auf den Seiten des RFC-Autors Jari Arkko.

Die RFCs waren von Anfang an eine offene Diskussionsplattform. Schon RFC 3 befasst sich mit Form und Verteilung der Notizen und stellt dabei ausdrücklich fest, dass die Network Working Group weiteren Mitglieder offensteht. Als das Netzwerk die nötigen Dienste anbieten konnte, war der logische Schritt, die RFCs online zu sammeln. So beruhte das ARPANET (und das daraus hervorgegangene Internet) von vornherein auf offenen Standards. Das eher zufällig entstandene Prinzip der RFCs war einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren beim Entstehen dessen, was wir heute als Internet kennen. Anderswo in der entstehenden IT-Industrie war es dagegen üblich, Entwicklungen als Erfindungen zu betrachten, mit Patenten zu schützen und erst viel später zu veröffentlichen.

[Update]:
Als RFC 5540 hat der "RFC Editor" einen Blick auf 40 Jahre RFCs veröffentlicht. (Johannes Endres) / (je)

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