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400 Millionen Euro für europäische Suchmaschine Quaero

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Die deutsche und die französische Regierung sowie die Wirtschaft wollen bei der geplanten Suchmaschine Quaero nicht kleckern, um die Entwicklung von Basistechnologien für das semantische Web voranzutreiben. Die Fördersumme werde sich voraussichtlich auf insgesamt gut 400 Millionen Euro belaufen, erklärte Andreas Goerdeler, Leiter des Referats "Multimedia" beim Bundeswirtschaftsministerium, am Rande des Bitkom-Medientags am heutigen Dienstag in Berlin gegenüber heise online. Allein die Bundesregierung will davon rund 90 Millionen Euro beisteuern, wenn der Bundestag bei seinen Haushaltsberatungen die Finanzmittel freigibt und die EU-Kommission keine Einwände hat. Mindestens genauso viel Geld wollen die deutschen Industriepartner zur Verfügung stellen. Den zweiten, nicht minder großen Teil des Budgets sollen der französische Staat und Firmen aus Frankreich tragen.

Die Projektpartner haben sich Großes vorgenommen und können die finanzielle Unterstützung gebrauchen. "Es geht um die Suchtechnologie der nächsten Generation", gab DFKI-Direktor Wolfgang Wahlster in Berlin als Parole aus. Quaero solle nicht nur "eine Menge Dokumente zurückliefern, sondern präzise Antworten auf Fragen liefern". Dazu komme, dass die Antwortmaschine beliebige Multimedia-Inhalte von Musik über Video-Clips bis zu Büchern erfassen solle. Um dies leisten zu können, müssten noch grundsätzlich neue Technologien bis zur Marktreife entwickelt werden. Unter der Konsortialführung der zum Bertelsmann-Konzern gehörenden IT-Firma empolis haben sich hierzulande neben Siemens und SAP auch mittelständische Unternehmen, Verbände, kulturelle Einrichtung wie die Deutsche Bibliothek und diverse Forschungspartner von der Fraunhofer-Gesellschaft bis zum Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) dem Projekt verschrieben.

Laut Wahlster schwebt dem Quaero-Konsortium zur Verbesserung der Such- und Indiziertechnik eine Verknüpfung der vergleichsweise willkürlichen Verschlagwortung von Inhalten über "Social Tagging" bei Web-2.0-Diensten wie flickr mit dem deutlich strengeren Katalogisierungsansatz des so genannten semantischen Web vor. Wenn ein Hobby-Golfer eine Aufnahme seiner Sportart in einer Foto-Community schlicht mit dem Begriff "Golf" kennzeichne, würden dadurch gewisse Mehrdeutigkeiten etwa für Autofreunde bestehen bleiben, brachte Wahlster ein Beispiel. Ein semantisches System würde dagegen die Ambivalenzen erkennen und eine Klassifizierung nach verschiedenen Zusatzbegriffen oder Kategorien empfehlen.

Einerseits solle so "das Chaos der Web-2.0-Technik in Ordnung gebracht" werden, führte Wahlster aus. Andererseits würde der bislang zu stark hierarchiebezogene "Top-Down"-Ansatz des semantischen Web aufgelockert. Technisch wollen die Quaero-Entwickler vor allem auf den noch vergleichsweise jungen Standard OWL (Web Ontology Language) setzen. "Die Struktur multimedialer Elemente kann schon gut mit XML bearbeitet werden", führte Wahlster aus. Die Inhalt-Erfassung habe sich aber schwierig gestaltet. Auch heute noch hätte erst ein Prozent der Webseiten eine entsprechende "semantische Annotation". Im Rahmen des Vorzeigeprojekts arbeite man so mit an Verfahren, um die bestehenden Netzinhalte semi- oder vollautomatisch in semantische zu verwandeln. Wahlster denkt dabei an spezielle Software zur Bildanalyse, die beim Stichwort Golf zwischen einem Auto- oder Sportfoto unterscheiden kann, bis hin zur Erkennung gewisser Genres bei Musikdateien.

Zur allgemeinen Charakterisierung der Quaero-Dienste führte Wahlster an, dass "wir organisieren statt statistisch durchsuchen, die Bedeutung von Prozessen berücksichtigen, interaktive, personalisierte Inhalte und Dienste bereithalten und neue Märkte beflügeln wollen." In Deutschland solle vor allem die Arbeit an Benutzerschnittstellen, intelligenter Dialogführung und Visualisierung vorangetrieben werden. Als einen wichtigen Teil davon bezeichnete der DFKI-Chef, einfach zu handhabende Systeme zum digitalen Rechtekontrollmanagement (DRM) zu etablieren. Das Gesamtprojekt müsse auf die geistigen Eigentumsverhältnisse "fokussiert" werden.

Grundsätzlich ließ Wahlster keinen Zweifel an der wirtschaftlichen Ausrichtung des Quaero-Konsortiums aufkommen. So seien in dem 900 Seiten starken Projektförderantrag an das Wirtschaftsministerium zahlreiche Geschäftsszenarien von Modellen für das Krankenhaus der Zukunft und den schnellen Zugriff auf medizinische Daten bis zur Digitalisierung der ebenfalls beteiligten Deutschen Bibliothek ausgebreitet. Alle diese "Business Cases" seien "von vornherein auf kommerzielle Nutzung ausgerichtet", da "alle beteiligten Firmen Geld verdienen wollen" und keine reine Werbefinanzierung geplant sei. "Wir sind nicht interessiert an Dingen," betonte Wahlster, "wo wir sagen, das stellen wir jetzt zum Gemeinwohl ins Internet."

Gleichzeitig verwahrte sich der Forscher gegen die Darstellung von Quaero in den Medien als "Anti-Google"-Allianz. Ein Ansatz "Kill Google" wäre seiner Ansicht nach schon allein deswegen kontraproduktiv, weil der gegenwärtige Suchmaschinenprimus noch im Web-1.0-Zeitalter verhaftet sei. Zuvor hatte der französische Staatspräsident Jacques Chirac jedoch die Ansage gemacht, dass es unerwünscht sei, wenn "Google alleine die Informationen der Welt organisiert". Der Franzose konnte mit solchen Stichworten im April 2005 Ex-Bundeskanzler Gerhard-Schröder von Quaero überzeugen. Inzwischen ist das Vorhaben laut Wahlster Teil des geplanten Regierungsprogramms Informationsgesellschaft Deutschland 2010 (iD2010) und wird ausdrücklich im Rahmen der Hightech-Strategie des Bundeskabinetts aufgeführt. (Stefan Krempl) / (Stefan Krempl) / (vbr)

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